Whatsapp Freisteller

Aachener Beutekunst im Studio Babelsberg

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
6466833.jpg
Eine abenteuerliche Geschichte verbindet sich mit dem Gemälde „Blick auf Hafen und Stadt Antwerpen“ (1876) von Andreas Achenbach: 1944 aus dem Bunker an der Aachener Frankenburg entwendet, war es mit zwei anderen Achenbach-Bildern bis vor kurzem verschollen, dann von einem Berliner Anwalt dem Suermondt-Ludwig-Museum angeboten und zurückgebracht worden. Daten auf den digitalen Abbildern lassen den begründeten Verdacht zu, dass die Werke jahrelang in den Filmstudios Babelsberg als Requisiten benutzt wurden. Das Suermondt-Ludwig-Museum präsentiert sie neben Neuerwerbungen, Dauerleihgaben und restaurierten Werken ab Dienstag in der Ausstellung „Sammlung in Bewegung“. Foto: Museum
6466841.jpg
Dieses Farbfoto erreichte das Aachener Museum in diesen Tagen aus Moskau, abgeschickt von einer geheimnisvollen Galeristin. Es war ab 1942 in Meißen ausgelagert und ist seither verschollen.
6466835.jpg
Einen kapitalen Rembrandt konnte Museumsdirektor Peter van den Brink als Dauerleihgabe von einem amerikanischen Sammler für sein Haus gewinnen: „Die Rückkehr des Tobias“ (1629/32), ab Dienstag auch in der Schau „Sammlung in Bewegung“. Foto: A. Herrmann

Aachen. Seltsame, abenteuerliche Geschichten ranken sich in Aachen um das Schlagwort „Beutekunst“ – Werke, die seit dem Zweiten Weltkrieg gestohlen, verschwunden, einfach verschollen sind. Da meldet sich zum Beispiel 2002 im Suermondt-Ludwig-Museum brieflich ein „Honorarkonsul der Republik Botswana“ aus Moskau, M. Petrow, der ein Bild von Monet mit dem Metallschild „Stiftung Barthold Suermondt“ entdeckt haben will.

2004 gibt er an, das nach 1942 verschwundene Werk gekauft zu haben. Seitdem ist der Mann nie wieder aufgetaucht.

74 ehemals verschollene Gemälde aus Aachen befinden sich heute im Museum der ukrainischen Stadt Simferopol auf der Krim – das weiß man seit fünf Jahren. Auf welchen Wegen sie dahin gelangt sein mögen lässt sich allenfalls vermuten.

Der Kranz dieser eigentümlichen Storys wird jetzt um eine ungeahnte Variante bereichert und bildet mit den Anlass für eine kleine, aber ganz besondere Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum: „Sammlung in Bewegung – 14 Kunstwerke mit besonderer Geschichte“. Sie wird am Dienstag, 29. Oktober, um 19 Uhr eröffnet.

Berliner Anwalt ruft an

Spielfilme oder Fernsehserien, die in den Filmstudios Babelsberg entstanden sind, kann man aus Aachener Perspektive seit kurzem durchaus mit ganz anderen Augen betrachten: Dabei fallen stumme „Mitspieler“ in den Blick, die bislang kaum wahrgenommen wurden – Salon-zierende Bilder an der Wand.

Das nämlich ist der begründete Verdacht von Museumsdirektor Peter van den Brink: Drei Gemälde der Brüder Andreas und Oswald Achenbach (1815-1910, 1827-1905), die 1944 aus dem Bunker an der Aachener Frankenburg gestohlen wurden, sind womöglich jahrelang in Babelsberg als Filmrequisiten verwendet worden . . .

Ein Berliner Anwalt ruft 2012 im Aachener Museum an: Er werde digitale Abbilder von drei Gemälden schicken, teilt er mit. Der Name des Besitzers: anonym. Die Aachener Experten kennen natürlich ihre „Pappenheimer“ und identifizieren die Werke: „Blick auf Hafen und Stadt Antwerpen“ (1876), „Blick auf Florenz“ (1893) und „Fischkutter in der Brandung“ (1896). Der Anwalt macht als Vermittler des Besitzers deutlich: Die Bilder will man zurückgeben – sofern der „Finderlohn“ stimmt. Van den Brink und Restaurator Michael Rief machen sich auf nach Berlin, um den Zustand der Werke zu begutachten. Ergebnis: eher sehr schlecht. Schließlich wird ein Zehntel des geschätzten Gesamtwerts von 160.000 Euro verhandelt, 16.000 Euro Finderlohn.

Adam C. Oellers, der stellvertretende Museumsdirektor, fährt schließlich nach Berlin und holt die Werke ab. „Die Bilder waren einfach in Kopfkissenbezüge eingeschlagen“, erzählt er. Mindestens seit der Präsentation von Repliken in der „Schattengalerie-Ausstellung“ verschollener Werke 2008 in Aachen musste dem Besitzer klar sein: „Die sind einfach unverkäuflich.“ Oellers vermutet, dass ihm die Herkunft aber schon vorher bekannt war.

Und nun kommt der Witz: Unter den Daten der digitalen Abbildungen konnten auch die GPS-Koordinaten des Ortes ausgelesen werden, an dem die Aufnahmen entstanden waren – exakt auf dem Gelände der Filmstudios Babelsberg in Potsdam. Den Rest zählte Peter van den Brink eins und eins zusammen . . .

Spannende Aufgaben

Nun sind sie also wieder in der „Heimat“ zu betrachten – zwei wegen ihres erbärmlichen Zustands in Vitrinen, eins, von Ulrike Villwock restauriert, an der Wand. Erforschen, vermitteln, aufspüren, pflegen – das sind die spannenden Kernaufgaben eines Museumsteams, die der Besucher eher selten, allenfalls am Rande wahrnehmen kann.

Ebenso wenig gerät in den Blick, dass die Sammlung eines Hauses wie die des Suermondt-Ludwig-Museums keineswegs einen starren Block bildet, den man nur einmal gesehen haben muss. Tatsächlich ist sie ständig in Veränderung begriffen – und das immerhin mit 2500 Gemälden, 700 Skulpturen und 10.000 grafischen Blättern. Diese „Bewegung“ einmal an hervorragenden Beispielen darzustellen, das war die Idee Peter van den Brinks und seines Teams zu dieser Ausstellung im intimen Rahmen des Kaminzimmers.

Die Motive der „Bewegung“ sind vielfältig: Beutekunst kehrt zurück nach Hause, Bürger schenken Bilder, Stiftungen erwerben Werke, alte Meister erscheinen in neuem Glanz, und internationale Sammler verleihen Kunst als Gäste auf Zeit. Aus dieser Gruppe dürfte ab dem kommenden Dienstag ein alles beherrschender Publikumsmagnet hervorgehen: Kein Geringerer als Rembrandt van Rijn gibt sich im Suermondt-Ludwig-Museum die Ehre – und das im vergleichsweise majestätischen Format von gut anderthalb Quadratmetern, signiert und datiert.

Zwischen 1629 und 1632 ist das Frühwerk „Die Rückkehr des Tobias“ entstanden, in einer Ecke vollendet vom Rembrandt-Schüler Gerard Dou. Die unglaublich plastisch wirkende Szene zeigt die unverhoffte Rückkehr des tot geglaubten Tobias zu seiner Mutter und dem erblindeten Vater.

Das unschätzbar kostbare Gemälde stammt aus Privatbesitz; es gehört einem 88-jährigen amerikanischen Sammler, der seit den 60er Jahren die bedeutendste Kollektion alter deutscher und niederländischer Meister in den USA zusammengetragen hat.

Zunächst für ein Jahr überlässt er den Rembrandt dem Aachener Museum als Leihgabe – aufgrund einer sehr engen persönlichen Beziehung zu Van den Brink, dessen Vertragsverlängerung im nächsten Jahr ansteht. Je nachdem, wie das ausgeht, könnte der altmeisterliche Schatz auch zehn Jahre lang Gast auf Zeit an der Wilhelmstraße bleiben . . .

Eine weitere der neuen Dauerleihgaben stammt aus dem Privathaus von Peter und Irene Ludwig: „Die Geburt Christi“ aus der Mitte des 16. Jahrhunderts von Cornelis van Dalem und Gillis Mostaert. Gleich drei kunstsinnige Parteien zogen an einem Strang, um für das Museum „Das Jüngste Gericht“ von Nicolaes Eliasz, genannt Pickenoy (1588-1650/56), zu erwerben: die Peter und Irene Ludwig Stiftung, die Kulturstiftung der Länder und die Stadt Aachen. In die Abteilung Expressionismus passen die Geschenke von Fritz Schaeflers Enkel Christoph: drei Aquarelle, eine Zeichnung und eine Radierung.

Dank Art Loss Register

Zurück zur Beutekunst: Wie unersetzlich das 1991 von führenden Auktionshäusern, Stiftungen, Versicherungen und Kunstverbänden gegründete Art Loss Register geworden ist, beweist die Rückkehr der verschollenen Gemälde „Drei Enten in einer Landschaft“ von Dirck Wijntrack und „Landschaft mit Bauernhof“ von Jan Brueghel d.Ä. (wahrscheinlich ist es aber einer seiner Adepten, das Bild muss noch restauriert werden), die offensichtlich in Privatbesitz gelangt waren: Beide Male spürte diese weltweit größte Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke die Objekte im Kunsthandel auf – bei Sotheby’s und bei Lempertz.

Das Kölner Auktionshaus half tatkräftig mit, damit die Besitzerin den Brueghel für einen Finderlohn von 9000 Euro zurückgab. Dirck Wijntrack wurde dagegen zurückgeschenkt.

Und selbst in Sachen „Honorarkonsul von Botswana“ in Moskau gibt es frische Neuigkeiten. Der Konsul hat sich zwar selbst nicht mehr gemeldet, aber eine Galeristin aus Moskau hat dem Suermondt-Ludwig-Museum aus heiterem Himmel ein Farbfoto des Bildes von Claude Monet geschickt: „Tauwetter“, 44 Zentimeter hoch, 55 Zentimeter breit.

Ein Beweis, dass es tatsächlich noch existiert. 1942 wurde das Gemälde wie die Mehrzahl der Werke des Hauses in der Albrechtsburg in Meißen ausgelagert und kehrte 1961 nicht wie das Gros der Bilder nach Aachen zurück. Vermutlich wurde es gestohlen.

Leider ist die besagte Galeristin auch wieder in der Versenkung verschwunden. Peter van den Brink versucht sie jetzt über diplomatische Kanäle aufzuspüren . . .

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert