Aachen/Kathmandu - Von Aachen bis aufs Dach der Welt. Ein Höhenflug!

Von Aachen bis aufs Dach der Welt. Ein Höhenflug!

Von: Thorsten Karbach
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Flieger, grüß mir die Sonne: Klaus Ohlmann (links) pilotierte mit Jona Keimer die Stemme S-10 VTX der Fachhochschule Aachen als ersten Flieger bis hinauf zum Gipfel des Mount Everest. Foto: DLR, Ohlmann, FH Aachen
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Sie stehen hinter dem spektakulären Mount-Everest-Flug: (von links) Jona Keimer, René Heise, Rainer Sahm, Peter Dahmann, Jürgen Knüppel und Jörg Brauchle vor dem FH-Aachen-Motorsegler. Foto: Lothar Schwark
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Nur Mitfliegen ist schöner: Aus einer Begleitmaschine heraus wurde diese Aufnahme der Stemme S-10 VTX bei einem Testflug über dem Himalaya-Massiv gemacht.

Aachen/Kathmandu. Dieses Flugzeug hat einmalige Bilder geliefert – und gleichzeitig Geschichte geschrieben. Die Stemme S-10 VTX ist ein Motorsegler, ihre Heimat ist der Flugplatz Merzbrück, ihre Dienste tut sie für die Fachhochschule Aachen – und jetzt ist sie als erster Motorsegler überhaupt entlang des 8848 Meter hohen Mount Everest geflogen und hat diesen präzise vermessen. Das hat es bislang noch nicht gegeben. Es ist buchstäblich ein Höhepunkt der Forschung.

Es war ein herrlicher Tag Ende Januar, als sich Pilot Klaus Ohlmann und sein Co-Pilot Jona Keimer aus dem Basislager, dem kleinen Flugplatz von Pokhara in Nepal, auf den Weg machten. In Aachen saß Professor Peter Dahmann, Dekan des Fachbereichs Luft- und Raumfahrttechnik der FH Aachen, und drückte ebenso Daumen wie die Wissenschaftler um Jörg Brauchle vom Institut für optische Sensorsysteme des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin, Experten des Karlsruher Institut für Technologie und des Airborne Research Center im fernen Australien.

„Dieser Flug war die größte Herausforderung, die es in der Fliegerei noch gab“, sagt Dahmann, selbst begeisterter Pilot. Fast 61 Jahre nach der ersten Besteigung des Gipfels wurde sie angenommen und gemeistert – es war am 29. Mai 1953, als Edmund Hillary und Tenzing Norgay als Erste auf dem Mount Everest standen.

Bis in 8000 Metern Höhe war es der Motor, der die Stemme S-10 VTX antrieb, dann nutzte der erfahrene Pilot – der Zahnarzt Ohlmann stellte 2003 in Argentinien mit 3008,8 Kilometern den immer noch bestehenden Weltrekord im Streckensegelflug auf – die Atmosphäre, sogenannte Mountain Waves ließen ihn schrittweise Höhe gewinnen. „Trotz Windgeschwindigkeiten am Everest-Gipfel um 100 Kilometer pro Stunde waren die Bedingungen ideal“, sollte Pilot Ohlmann anschließend berichten. „Ausgeprägte und an diesem Tag nahezu turbulenzfreie Hangaufwinde halfen uns schnell aufzusteigen.“

Anderthalb Stunden waren Ohlmann und Keimer, der die Technik überwachte, mit einer speziellen Sauerstoffanlage an Bord unterwegs. „Wir konnten alle geplanten Bereiche, darunter die berühmte Rettungsroute zwischen Lukla und dem Mount Everest abfliegen“, berichtet DLR-Projektleiter Brauchle. Die Männer an Bord haben den Mount Everest und die umliegenden Gipfel aus einer Perspektive gesehen, wie kein anderer Mensch zuvor. Was für ein Anblick! Es sind Bilder für die Ewigkeit – und sie haben sie mitgebracht.

Bis auf 15 Zentimeter genau

Denn dabei ging es bei diesem Flug: An Bord war das 3D-Spezialkamerasystem „Macs“ (Modular Aerial Camera System), genauer gesagt waren es drei seitlich zueinander geneigte Kameraköpfe mit einem Sichtbereich von 120 Grad.

Die Aufnahmen ermöglichen ein so noch nicht vorliegendes 3D-Modell der Region des Khumbu-Tals – bis auf 15 Zentimeter genau. Bilder und gewonnene Daten helfen in Zukunft beispielsweise gefährliche Hangrutsche oder Überflutungen rund um die großen Gletscher vorherzusehen. Das System ist nicht nur genauer, sondern auch preiswerter als die Satelliten, die bislang Bilder liefern. Ein wenig Geduld braucht es nun aber noch: Die Bearbeitung und Auswertung der Bilder liegt bei der DLR und wird Wochen dauern. Spannend wird an dieser Stelle auch der Vergleich. Die Wissenschaftsorganisation der Himalaya-Anrainerstaaten ICIMOD untersucht seit Jahren die Gletscher der Region. Auch RWTH-Wissenschaftler waren schon im Einsatz.

Es ist eine starke internationale Forschungsgemeinschaft, die hinter diesem Flug steht. Angetrieben von den Piloten des Mountain Wave Projects, einer Gruppe enthusiastischer Segelflieger um Klaus Ohlmann und René Heise, die schon Alpen, Anden und Rocky Mountains aus der Luft vermessen haben. Ausgerechnet der Himalaya als interessantestes Gebirge fehlte bislang. Und das hatte gute Gründe: Einerseits gibt es keine Privatfliegerei in diesem Teil der Welt. Andererseits ist es ohnehin nicht gestattet, den Luftraum über dem Dach der Welt zu erkunden. „Fliegerisch unbekannt“, so Peter Dahmann, war das Gebirge also. Für das Projekt gab es eine Sondergenehmigung.

Der Berg ist ein Mythos. Das FH-Flugzeug mit dem Flug zum Gipfel nun eine Art kleine Legende. Die Stemme S-10 VTX ist seit 2011 in Besitz der FH Aachen – finanziert wurde sie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Land Nordrhein-Westfalen. Der Clou des Flugzeugs ist, dass der Propeller einklappt, wenn der Motor – der durchaus ungewöhnlich hinter dem Cockpit sitzt – ausgeschaltet wird. In zehn Sekunden wird so aus einem reinen Motor- ein reines Segelflugzeug. 250 Stundenkilometer ist es schnell, es ist leiser und schneller als andere Modelle, hat einen geringeren Verbrauch und eine größere Reichweite. Ideal also für den ersten Flug hoch zum Mount Everest.

Am 29. Oktober 2013 begann die eigentliche Mission auf dem Flughafen Merzbrück. Zunächst ging es nach Berlin, dann in 13 Tagen nach Kathmandu, beziehungsweise dann weiter nach Pokhara. An Bord saßen Berufspilotin Sidonie Ohlmann, sonst im Cockpit von Maschinen wie der Boing 777 (bis zu 550 Passagiere) und 787, und eben Jona Keimer, der junge Wissenschaftler der FH Aachen. Bis zu acht Stunden blieb die Stemme S-10 VTX in der Luft. Sie hat eine Reichweite von 1700 Kilometern. Zwischen der deutschen und der Hauptstadt Nepals liegen rund 6400 Kilometer Luftlinie. Schon das ist eine bemerkenswerte Leistung des Motorseglers.

Dann begann das große Warten – einerseits auf die behördlichen Genehmigungen für den großen Flug, andererseits auf Flugbenzin, was vor Ort nicht vorrätig war. Und so musste dann auch Peter Dahmann in seinem Aachener Büro einsehen, dass er den Gipfelsturm seines Motorseglers nur aus der Ferne verfolgen konnte. „Ich wäre gerne dabei gewesen“, erzählt er. Doch Anfang Dezember, als die Zeit da war, fehlte vor Ort das Benzin. Und Mitte Januar, als dann das Benzin in Kathmandu da war, fehlte Dahmann die Zeit.

Und so bleiben ihm allein die Bilder und das stolze Wissen, dass der FH-Motorsegler den Mount Everest Ende Januar dann tatsächlich überstiegen hat. Und dann sind da die Erkenntnisse, die neben den Bildern der 3D-Kameras gewonnen wurden. Die Wissenschaftler aus Karlsruhe und Australien interessieren sich für meteorologische Daten aus der Region, das Mountain Wave Team ging den Fragen nach, welche Aufwinde, Wellenströmungen und Turbulenzen im Himalaya herrschen. Das sind keine unerheblichen Fragen, keine Spezialinteressen von neugierigen Forschern – in den französischen Alpen gibt es noch immer Flugunfälle, weil Piloten von Aufwinden, Wellenströmungen und Turbulenzen vom Kurs abkommen.

Nicht turbulent, sondern wohl geordnet lief die Vorbereitung des Abenteuers Himalaya. Die Planung des Projektes hatte bereits im November 2012 begonnen. Im April wurde dann der Einsatz des Flugzeuges vorbereitet. Der Clou: Die Stemme S-10 VTX der FH Aachen kann jeweils 60 Kilogramm Messgeräte unter beide Tragflächen packen – und damit das spezielle 3D-Kamerasystem, Hightech, das auch bei Minus 35 Grad, wie sie am Gipfel es Everest gemessen werden, arbeitet.

Auf dem Flugplatz Nordholz-Spieka bei Cuxhaven liefen erste Versuche mit dem System. Im August dann hob die Stemme S-10 VTX in Merzbrück ab und nahm Hochspannungsleitungen in der Doverener Heide und Bahnlinien in den Fokus. Die Aufnahmen gelangen. Ende August folgten dann Gebirgsflüge ab dem bayerischen Ohlstadt, am Stubaier Gletscher ging es darum, wie gut das Kamerasystem bei schrägen Flächen und starker Sonnenreflexion arbeitet, wie es mit dem stetigen Wechsel aus Licht und Schatten klarkommt. „Und auch da sind wir auf die geforderte Genauigkeit gekommen“, berichtet Dahmann.

Merzbrück, Cuxhaven, Ohlstadt, Pokhara – was für eine Reise! Der FH-Motorsegler ist mittlerweile auf dem Rückweg – per Container über Land. Den Mount Everest mag das Flugzeug bezwungen haben, die Gegenwinde über dem persischen Golf und den arabischen Wüsten sind und bleiben dagegen übermächtig.

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