Berlin - Verwirrte Studenten: Die Politik zeigt Einsicht

Verwirrte Studenten: Die Politik zeigt Einsicht

Von: Karl-Heinz Reith, dpa
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Bildungsstreik
Mehrere Tausend Studenten und Schüler haben sich am Mittwoch vor dem Roten Rathaus in Berlin zu einer Demonstration versammelt. Mit der Kundgebung wollen die Demonstranten für bessere Bildungsmöglichkeiten an Schulen und Universitäten protestieren. Foto: dpa

Berlin. Der „Bildungsstreik” trieb im Juni fast eine Viertelmillion Studenten und Schüler auf die Straßen. In vielen Hochschulstädten wurden Seminare boykottiert, Institute für „besetzt” erklärt und Banken symbolisch überfallen - um mehr Geld für Bildung einzufordern.

Drei Wochen danach lud Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) am Dienstag 20 Studentenvertreter, Rektoren und Kultusminister zum runden Tisch über die Probleme bei der Einführung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge. Die Überraschung war riesig: Politiker wie Rektoren zeigten Einsicht und räumten „Fehlentwicklungen” ein.

Ungläubig, ja fast verwirrt, verließ so mancher Studentenvertreter nach dem vierstündigen Gespräch und der gemeinsamen Pressekonferenz zum Abschluss die Runde.

Noch zum Höhepunkt der Protestaktionen an den Hochschulen hatte die Bundesbildungsministerin den Großteil der studentischen Forderungen als „gestrig” bezeichnet.

Und nun: Masterstudium für alle, die es wollen? Keine Quote oder künstliche Beschränkung für die Fortsetzung des Studiums nach dem Bachelor- Abschluss? Reduzierung von Stofffülle und Prüfungsdichte? Und obendrein noch die Ankündigung, dass die bisherige Studienzeit- Vorgabe für den Bachelor nicht sklavisch sechs Semester betragen muss, sondern dass es je nach Fach auch mal sieben oder gar acht sein können.

Zehn Jahre nach der internationalen Verabredung über Einführung der gestuften Bachelor- und Master-Studiengänge und der Schaffung einer einheitlichen Studienstruktur in Europa steht dieser sogenannte Bologna-Prozess offenbar vor deutlichen Korrekturen. In jüngster Zeit häufte sich nicht nur bei den Studenten sondern auch bei Professoren die Kritik.

Dabei gelten viele Probleme an den deutschen Hochschulen als hausgemacht und haben mit dem ursprünglichen Bologna-Konzept eigentlich gar nichts gemein. Nicht selten wurden die Inhalte der früheren deutschen acht- bis zehnsemestrigen Diplomstudiengänge ohne Lehrplanreform fast komplett in die deutlich kürzeren Bachelor- Studiengänge hinein gepfropft. Die Folge: Dichte Stundenpläne mit Anwesenheitspflicht lassen den Studenten weder Zeit fürs Jobben nebenher noch für die Vertiefung des Stoffes.

Auch die Zugangshürden zum weiterführenden Master-Studium sind in den meisten anderen 46 Bologna-Unterzeichner-Staaten unbekannt. Um den eher konservativen deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen die Einführung der neuen Studienstruktur schmackhaft zu machen, sicherte ihnen der Wissenschaftsrat in seinen Anfang 2001 verabschiedeten Empfehlungen ein eigenes Auswahlrecht für ihre Master-Studenten zu. Das verschärft, so klagen die Studenten, bereits in den ersten Semestern den Leistungsdruck erheblich. Denn mit dem Bachelor allein hat man in Deutschland in vielen Berufen noch keine gute Karriereperspektive.

Zwar warb die Wirtschaft zeitweise mit Slogans wie „Bachelor willkommen” um die jüngeren Studienabsolventen. Doch im deutschen Laufbahndenken des öffentlichen Dienstes mit den strengen Unterschieden zwischen gehobenem und höherem Dienst gilt der Bachelor immer noch als Fremdkörper - während man dagegen in Großbritannien wie in vielen anderen Unterzeichnerstaaten der Bologna-Erklärung in jeden höheren Beruf einsteigen kann.

Die Bundesbildungsministerin kann die meisten der von ihr nach dem Treffen mit den Studenten angekündigten Korrekturen nur empfehlen. Umsetzen müssen das nach der Föderalismusreform vor allem die Länder und die Hochschulen. Während man in den Kultusministerien der Länder heute längst Abschied von der Vorstellung genommen hat, den Zugang zum weiterführenden Master-Studium mit Hilfe einer Übergangsquote zu beschränken - gedacht waren damals etwa 40 Prozent - wird das in vielen Universitäten immer noch völlig anders gesehen. Schließlich müsse man doch für eine bessere Betreuung der Bachelor-Studenten mehr Dozenten bereitstellen - und die fehlten dann wiederum für das Master-Studium, heißt es.
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