Studenten haben wieder mehr Mut zur Familie

Von: Sarah Lena Grahn, ddp
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Magdeburg. Im Januar sei es richtig stressig gewesen, erinnert sich Sabrina Horn. Als sie nicht nur Kind, Studium und 400-Euro-Job unter einen Hut bringen musste, sondern auch noch in einem Projekt an der Universität Magdeburg mitarbeitete.

Für ihre Diplomprüfungen gelernt habe sie in dieser Zeit abends ab neun, nach einem 14-Stunden-Tag, wenn ihre acht Monate alte Tochter endlich eingeschlafen sei. „Und trotzdem”, sagt die allein erziehende Psychologie-Studentin überzeugt, „ist das Studium ein prima Zeitpunkt, um Kinder zu bekommen”.

Wie Sabrina Horn entscheiden sich in den neuen Bundesländern immer mehr Studentinnen und Studenten dafür, eine Familie zu gründen. Nach der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes sind neun Prozent aller Hochschüler an den ostdeutschen Unis einschließlich Berlin Mutter oder Vater. Vor sechs Jahren waren es nur sechs Prozent. Bundesweit haben rund 120 000 Studenten mindestens ein Kind zu versorgen, das sind sieben Prozent aller Hochschüler.

Den Anstieg der Zahl studierender Eltern in Ostdeutschland führen die Autoren der Studie auf die Einstellung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zurück. Dem stimmt auch Ingrid Adam, Gleichstellungsbeauftragte der Otto-von-Guericke-Universität (OvGU) Magdeburg, zu: Gerade Studenten, deren Wurzeln in den ostdeutschen Bundesländern lägen, nähmen heute die Lebensentwürfe ihrer Eltern aus DDR-Zeiten wieder auf.

„Als man damals zu arbeiten anfing”, sagt sie, „waren die Kinder schon aus dem Gröbsten raus”.

Der Mut zum Kind habe sich jedoch in den vergangenen 20 Jahren erst wieder entwickeln müssen, betont Adam. Nach der Wende sei die Zahl der studierenden Eltern rapide gesunken. Laut Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks waren 1991 nur 46 Prozent der ostdeutschen Hochschüler der Ansicht, dass Baby und Diplom parallel möglich seien. Dieser Verhaltenswechsel sei auf deutlich veränderte Bedingungen bezüglich Infrastruktur, gesellschaftliche Akzeptanz oder staatliche Fördermaßnahmen zurückzuführen.

Mehr als anderthalb Jahrzehnte später hat sich dieses Bild der Studie zufolge deutlich gewandelt: Knapp drei Viertel der Studenten in Ostdeutschland sagen, dass die Uni-Zeit die beste sei, um eine Familie zu gründen. „Wir sind viel flexibler als später im Beruf, können viel mehr Zeit mit unserer Tochter verbringen und uns außerdem auf eine gute staatliche Unterstützung verlassen”, schwärmen die Studenten Michael Lübke und Husna Hisan Md. Nor, die im Sommer ihr zweites Kind erwarten.

Eine große Hilfe sehen die beiden in dem Kinderbetreuungsangebot der Hochschule Magdeburg-Stendal. Im dort eingerichteten KinderZimmer „KiZi” wird die anderthalbjährige Laila dann betreut, wenn ihre Eltern im Seminar sitzen. Die Idee dahinter erklärt Janine Voigt. Die 25-Jährige studiert das Bachelorfach Soziale Arbeit und kümmert sich zwei Mal in der Woche um die Kinder ihrer Kommilitonen. Die Stunden, die sie im „KiZi” verbringe, würden ihr als sogenannte Credit Points angerechnet, schildert sie.

Auch die OvGU hat sich zur Aufgabe gemacht, Studenten mit Kindern gerade in den Abendstunden zu entlasten - wenn die Kitas schon geschlossen haben, der Stundenplan aber voll ist. Das Projekt der „Notfallbetreuung” stecke jedoch noch in den Kinderschuhen, sagt Ingrid Adam. Derzeit suche man noch nach einer Person, die die Koordinierung des Ganzen übernehme. Auf ihrem Weg zur familiengerechten Hochschule hat die Uni unter anderem bereits vier Wickelräume eingerichtet, außerdem wurde das Beratungs- und Informationsangebot für junge Eltern ausgebaut.

Um mehr strukturelle Verbesserungen erreichen zu können, müsse sich die gesellschaftliche Haltung gegenüber werdenden Akademikern aber grundlegend ändern, unterstreicht der Präsident des Deutschen Studentenwerkes, Rolf Dobischat. „Jeder Student muss seinem eigenen Lebensentwurf folgen dürfen.” Und darin sollten Kinder als etwas ganz Normales vorkommen. Unter den Bedingungen der neuen Bachelor- und Masterabschlüsse werde sich das „Zerrbild” des „erfolgreichen und unabhängigen Vollzeitstudenten” jedoch so schnell nicht ändern, sagt der Bildungsforscher.

Sabrina Horn, Husna Hisan Md. Nor und Michael Lübke jedenfalls haben sich von der Mehrfachbelastung nicht beeindrucken lassen. Alle drei würden sich jederzeit wieder für ein Studium mit Kind entscheiden.
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