Münster/Aachen - Selbst staubtrockene Chemie kann Lachmuskeln reizen

Selbst staubtrockene Chemie kann Lachmuskeln reizen

Von: Julia Wäschenbach
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Münster/Aachen. So einen Andrang würde sich mancher Professor bei der Vorlesung wünschen. Dicht an dicht quetschen sich die Studenten auf den Holzbänken, stehen Hunderte Zuhörer bis zur Eingangstür.

Aber der Hörsaal ist an diesem Abend kein schnöder Kasten, sondern einer der angesagtesten Clubs der Studentenstadt Münster. Vor der Leinwand stehen keine grauhaarigen Eminenzen, sondern junge Kerle in Jeans und Sneakers. Beim „Science Slam” erklären sie ihrem Publikum, über dem eine glitzernde Disco-Kugel baumelt, auf originelle Weise die Welt der Wissenschaft.

„Stellt euch mal vor, das hier ist ein Elektron.” Sebastian Niehues streckt seinen rund 400 Zuhörern ein Playmobilmännchen entgegen. Später wird der rotblonde Physikstudent es zur Veranschaulichung auf einen Akkubohrer setzen. Er will Lehrer werden, dafür übt er schon mal - und bewegt sich nah an der Lebenswirklichkeit seiner Schüler: Zustände vergleicht er mit dem Tassenkarussell im Disneyland, eine Tüte voller Marshmallows muss als Ladungswolke herhalten.

So will er seinen wissensdurstigen Zuhörern beibringen, wieso ein Trafo brummt. Zehn Minuten hat er dafür Zeit, wie seine fünf Mitstreiter beim „Science Slam”. Den Forscherwettstreit gibt es in deutschen Uni-Städten erst seit wenigen Jahren, in Münster hat ihn der Studentensender Radio Q auf die Beine gestellt. In Aachen wurde er zur Wissenschaftsnacht der RWTH im vergangenen Jahr vorgeführt (siehe Artikel oben).

Gnadenlos überfordert

Das Prinzip ähnelt den beliebten Poetry Slams, wo Kurzgeschichten vorgetragen werden. Auf der Bühne geht es um Inhalte und rhetorisches Geschick; darum, die Zuschauer einzufangen oder zum Lachen zu bringen. Jeder Teilnehmer muss sich und sein Projekt in kurzer Zeit präsentieren. Am Ende entscheidet das Publikum, wer das am besten hingekriegt hat. Nur, dass sich der „Science Slam” nicht um Schöngeistiges, sondern um wissenschaftliche Vorgänge dreht, wie eben das Trafo-Brummen.

Ob von dem Vortrag von Sebastian Niehues am Ende etwas hängengeblieben ist? „Einige sind bestimmt gnadenlos überfordert gewesen”, sagt der 25-Jährige und grinst. „Aber ich hab´ ja selbst ewig gebraucht, bis ich das verstanden hab.” Staubtrockene Chemie lässt die Ankündigung eines Vortrags über „Ionendynamik in Polymerelektrolyten” vermuten.

Was folgt, strapaziert weniger das Gehirn als die Lachmuskeln. Anhand von Geschlechterklischees beim Shopping klärt ein Chemie-Doktorand das Publikum darüber auf, wie eine Batterie funktioniert. „Merkt euch: Männer sind nur Ladungsträger, sie können selbst nicht einkaufen gehen”, resümiert der 25-Jährige. Außer Konkurrenz berichtet der Sieger des letzten Science Slams, wie der menschliche Körper Kaffee und Alkohol verarbeitet.

Plastikhirn im Einmachglas

Als zwischendurch in der ersten Reihe eine Bierflasche zu Bruch geht, stört sich niemand daran. Die Trophäe, die es an diesem Abend abzustauben gilt, ist ein goldenes Plastikgehirn in einem Einmachglas. Das nimmt am Ende das einzige Mädchen im Wettbewerb von der Bühne mit nach Hause.

Die 19-jährige Christiane Licht hat eine musikalische Geheimsprache erfunden, bei der Noten für Buchstaben stehen. Dafür hat sie ein Jahr lang 40 000 Musiknoten von Beethoven, Mozart, Vivaldi und Bach ausgewertet und nebenbei den jeweils eigenen Fingerabdruck der Komponisten entdeckt.
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