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RWTH entwickelt Zugangssperre für Krebse aus Amerika

Von: bu/abt
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Aachen. Der Krebs orientiert sich kurz auf dem Grund des Beckens und läuft los. Immer gegen den Strom in Richtung Köder. Der Einsatz seiner acht dünnen Beinchen und zwei Scheren sieht zwar nicht besonders elegant aus, ist aber sehr effektiv: Zügig erreicht er die schräge, glatte Rampe und überwindet das Hindernis.

Genau das aber wollen ihm die Wissenschaftler austreiben. Wir sind im Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft (IWW) der RWTH, und der quirlige Wasserbewohner ist ein amerikanischer Signalkrebs. Der hat in Mitteleuropa eigentlich nichts zu suchen. Die Tiere haben dem heimischen Bestand an Edelkrebsen mächtig zugesetzt, seit sie in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts eingeschleppt wurden.

„Die fremden Krebse sind sehr häufig von einem gefährlichen Pilz befallen. Sie selbst sind gegen ihn immun, aber eine Übertragung kann ganze Populationen der heimischen Krebse vernichten”, erläutert Susanne Vaeßen. „Zudem macht diese robuste Art recht aggressiv den hiesigen Tieren den Lebensraum streitig.” Vaeßen studiert Biologie am Lehr- und Forschungsgebiet Ökosystemanalyse (ESA) und will die Ergebnisse der hier laufenden Forschungsarbeiten für ihre Staatsarbeit nutzen.

Letzte Refugien

Susanne Vaeßen steuert in diesem interdisziplinären Projekt die Kenntnisse über die Tiere und ihre Verhaltensweisen bei. Diplomingenieur Sebastian Roger sowie Dr. Roy Frings vom IWW sind für den ingenieurwissenschaftlichen Part zuständig. Das Projekt startete im Juli und wird vom Edelkrebsprojekt NRW im Auftrag des Fischereiverbandes NRW durchgeführt und durch den europäischen Fischereifonds finanziert.

Gemeinsames Ziel der Wissenschaftler ist es, Sperren zu entwickeln, die die amerikanischen Flusskrebse daran hindern, immer weiter Richtung Quelle zu wandern. Denn hier befinden sich die letzten Refugien der unter Naturschutz stehenden Edelkrebse. Ausgerechnet die Europäische Wasserrahmenrichtlinie verkompliziert das Problem. Die Vorschrift fordert nämlich die ökologische Durchlässigkeit für Fließgewässer von der Mündung bis zur Quelle. Alles, was man den Krebsen in den Weg baut, muss also für Fische weiterhin passierbar sein.

In der Versuchshalle des IWW verfügen die Forscher über die idealen Voraussetzungen, Lösungen für das Problem zu entwickeln und zu erproben. In einem langen Versuchskanal tummelt sich gerade eine Handvoll Krebse. Der künstliche Bachlauf verfügt über Glaswände, kann mit variablen Neigungswinkeln versehen werden und auch die Strömung ist regelbar.

Für die Experimente ziehen die Krebse jeweils für 48 Stunden von der Iter, einem Bach im Süden Aachens, in den Kanal in der Uni. Die nachtaktiven Krebse kann man am besten nach Sonnenuntergang bei ihren Versuchen beobachten, Hindernisse zu überwinden. Die Forscher müssen aber keine Nachtschichten einlegen, sondern zeichnen die Bewegungen der Tiere mit Infrarotkameras rund um die Uhr auf.

Die Auswertungen lieferten dem Team bereits wichtige Informationen: Entgegen der landläufigen Meinung können Krebse nicht nur über den Boden krabbeln, sondern kurze Strecken gezielt über Hindernisse schwimmen. Sie nutzen dabei die Technik, die sie bei der Flucht einsetzen und stoßen sich rückwärts mit kräftigen Bewegungen des Schwanzes ab. Krebse sind also nicht nur gute Kletterer, die mühelos beispielsweise ein senkrechtes Gitter erklimmen, sondern auch leidliche Rückwärtsschwimmer.

„Wir experimentieren zurzeit mit verschiedenen Neigungswinkeln und Materialien für eine von Fischen passierbare Flusskrebssperre”, erläutert Sebastian Roger, Leiter der Versuchshalle. „Auch die Fließgeschwindigkeit des Wassers ist ein wichtiger Aspekt.” Wie sich dieser Gegendruck erhöhen lässt, demonstrieren die drei Wissenschaftler und lassen dem fließenden Wasser weniger Platz über der Schwelle. Jetzt bilden sich Wellen und Strudel hinter der Barriere. Sogar ein rückwärts schwimmender amerikanischer Flusskrebs hätte es hier schwer.

Krebse mögen Frolic

Aber auch Fische könnten daran scheitern. Ziel der Wissenschaftler ist es, alle für eine Lösung wichtigen Parameter zu identifizieren. Die Ergebnisse könnten dann beispielsweise in bestehende Fischtreppen integriert werden. „In diesem Pilotprojekt geht es erst einmal darum, die Grundlagen zu entwickeln. Die Umsetzung ist ein weiterer Schritt, der auf unseren Ergebnissen aufbaut”, fasst Dr. Frings zusammen.

Doch bis dahin fließt noch viel Wasser durch den Versuchskanal. Die US-Flusskrebse fühlen sich hier sichtlich wohl und machen weiter Jagd auf den Köder. In der freien Wildbahn ernähren sich Krebse von Pflanzenresten und toten Fischen, was ihnen den Spitznamen „Gesundheitspolizei” eingebracht hat.

Und was gibt es hier zu fressen? Bei der Antwort muss Susanne Vaeßen grinsen: „Frolic mögen sie besonders gern!” Doch nicht nur ihre Vorliebe für Hundefutter sichert den Scherentieren im Institut viel Aufmerksamkeit. Ein Werkstattleiter entdeckte eines Morgens einen scheinbar leblosen Krebs auf dem Boden.

Seine Befürchtungen ließen sich schnell zerstreuen: Wenn es den Tieren gutgeht, häuten sie sich relativ oft. Dabei springen sie mit einem Satz aus der aufgeplatzten alten Haut, die dann auf den ersten Blick wie ein totes Tier aussieht. Mittlerweile haben die Mitarbeiter des IWW eine beachtliche Sammlung solcher abgetragenen Hüllen.
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