Aachen - Projekt „Stegreif”: Wo man mit Stühlen lesen lernt

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Projekt „Stegreif”: Wo man mit Stühlen lesen lernt

Von: Mischa Wyboris
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Dachstuhl: Sebastian Gast, Peter Beutler und Max Unruh machen es sich auf dem Obergeschoss des Parkhauses Büchel gemütlich. Foto: Michael Jaspers

Aachen. 11.30 Uhr - eine kleine Gruppe von Menschen hat es sich mitten auf dem Platz zwischen Kármán-Auditorium und Templergraben (un-)bequem gemacht. Zwei von ihnen sitzen auf Hockern, die anderen auf dem Boden. Plötzlich kommt ein Unbekannter des Wegs, stellt seinen mitgebrachten Stuhl dazu, kramt wortlos ein Buch hervor und beginnt zu lesen.

11.35 Uhr - der Unbekannte wirft einen schnellen Blick auf die Uhr, klappt ebenso kommentarlos sein Buch wieder zu, nimmt seinen Stuhl und zieht von dannen. Die Gruppe löst sich schlagartig wieder auf - so, als wäre nichts gewesen.

„Wir wollten ein bisschen irritieren”, begründet Diana Fernandez die zuvor auf der Internetseite „StudiVZ” angekündigte Aktion. Mit ihrer Kommilitonin Britta Lengfeld und nur mäßigem Erfolg hat die Architekturstudentin den sogenannten „Flashmob” ins Leben gerufen - ihr Versuch, Menschen an einem dafür ungewöhnlichen Ort zum Hinsetzen einzuladen, ist Teil des innerstädtischen Projekts „Stegreif - Platz nehmen!” vom RWTH-Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur, an dem sich rund 70 Architekturstudenten an verschiedenen Plätzen in der Kaiserstadt beteiligt haben.

Noch um Punkt 10 Uhr war der türkise Kunststoffschemel von Diana Fernandez ein „Leerstuhl” für Landschaftsarchitektur. „Viele haben sich gewundert, warum da ein Stuhl steht, aber keiner hat Platz genommen”, resümiert Fernandez. Zur selben Zeit haben Anne Lüke und Nicola Schulze am Dahmengraben etwas mehr Erfolg.

„Der shoppingwütige Aachener rennt einfach durch”, sagt Projektleiterin Katharina Wiethoff, „aber eine Gruppe von Indern hat einfach Platz genommen und gepicknickt.”

Und der Grund für die spontane Bestuhlung? „Die Studenten sollen den Stadtraum mit all´ seinen Akteuren lesen lernen, denn das ist etwas völlig anderes, als Katasterpläne zu erstellen.”

12 Uhr - in der Unterführung vom Audimax zur Mensa will sich niemand so richtig in den zwei Metallstühlen eine Auszeit gönnen. „Ich dachte, das sei vielleicht eine Werbeaktion für Stühle mit Stahlstruktur”, ist die Passantin Mengling Zhong sichtlich irritiert und vermutet im zweiten Anlauf eine Fernsehsendung mit versteckter Kamera hinter dem Projekt von Lorena Perez Sanz und Laura Menendez Perea. Platz genommen hat sie nicht.

13 Uhr - auf Stellplatz 571 „parken” zwei knarzende Korbsessel. Hier oben auf der Dachetage des Parkhauses Büchel haben es sich Peter Beutler, Sebastian Gast und Max Unruh gemütlich gemacht. „Etwas ist entweder schick oder hat einen morbiden, schäbigen Charme. Hier ist es Letzteres”, stellt Beutler fest.

„Eine Restfläche, die kaum einer kennt und niemand nutzt”, ist der Architekturstudent davon überzeugt, dass hier mit wenig Aufwand eine Erholungsoase an einem ungewöhnlichen Ort entstehen könne. Platz nehmen wollte auch dort niemand.
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