Projekt analysiert Lebenssituation von Studenten

Von: ddp
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Vorlesung
Nicht mehr alle Studenten erscheinen persönlich im Hörsaal: viele verfolgen ihre Vorlesungen online. Foto: dpa

Osnabrück. Ivaylo Mateev studiert im 11. Semester Mathematik und Informatik an der Universität Osnabrück. In die Vorlesungen gehe er aber eher selten, sagt der 25-jährige Bulgare, dessen slawischer Akzent nicht zu überhören ist.

Die schaue er sich lieber im Internet oder auf seinem Blackberry per Videostream an. Dann könne er Wörter, die er nicht verstehe, sofort nachschlagen. Auch müsse er nicht immer früh aufstehen, um in die Uni zu gehen, sagt er. Denn nachts arbeitet Mateev, entwickelt Software für ein Ingenieurbüro. So gesehen ist Mateev eher kein klassischer Student.

Um besser auf die zunehmend unterschiedlicheren Lebenssituationen von Studenten reagieren zu können, sollen jetzt mit Hilfe des Benchmarking-Projekts „Ungleich besser” an acht Universitäten, darunter die Osnabrücker, in den kommenden zwei Jahren Strategien entwickelt werden. „Wir beobachten seit langem, dass die Diversität der Studenten zunimmt”, sagt York Hener, Geschäftsführer von CHE Consult (Centrum für Hochschulentwicklung). Um näher an den Lebensumständen der Studenten zu sein, wählte der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gemeinsam mit CHE Consult aus 58 Hochschulen acht aus, um künftig bessere Unterstützungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Das Projekt orientiere sich an den Säulen Bildungsgerechtigkeit und demografischer Wandel, sagt Hener. Vom nächsten Jahr an rechne sein Institut mit sinkenden Studentenzahlen. Da stelle sich die Frage, „wo die Fachkräfte herkommen sollen”, sagt er. Laut Stifterverband besteht bereits jetzt ein Fachkräftemangel in den sogenannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Ziel des Projekts sei es deshalb, gemeinsam mit ausgewählten Hochschulen auf die unterschiedlichen Lebenssituationen künftiger Studenten zu reagieren und sie an ein Studium heranzuführen. Die Hochschulen sollen sich im Rahmen des Projekts austauschen und voneinander lernen.

Die Osnabrücker Universität hat da bereits einiges zu bieten. „Wir zeichnen die Vorlesungen auf, weil häufig wenig Muttersprachler in den Lehrveranstaltungen sitzen”, sagt Andreas Knaden, Geschäftsführender Leiter des Zentrums für Informationsmanagement und virtuelle Lehre an der Universität (virtUOS). Zudem sei die Konzentrationsfähigkeit vieler Studenten gesunken. „Für sie sind die Streams ein Segen”, sagt er.

Knaden forscht seit einiger Zeit im Bereich E-Learning. Bei der Aufzeichnungssoftware sei man europaweit führend, sagt er. Das Verfahren klingt simpel: Der Dozent drückt wie bei einem Videorecorder auf einen Knopf, nimmt seine Vorlesung auf und zwei bis drei Stunden später steht sie im Netz. Dann stehen dort auch die Folien, die während der Vorlesung gezeigt wurden, als Dokumente bereit. Das Angebot sei eine zum Teil durch Studiengebühren finanzierte Dienstleistung für die Studenten, sagt Knaden.

Erst jüngst wurde die Opensource-Software ”Matterhorn„ vorgestellt, die virtUOS gemeinsam mit der Universität Berkeley und der Technischen Hochschule Zürich entwickelte. Damit können im Hörsaal Bilder durch mehrere Kameras sowie der Bildschirm des Vortragsrechners aufgezeichnet und später nachbearbeitet werden. Die Osnabrücker Universität ist eine der wenigen Hochschulen in Deutschland, die diese Streams seit geraumer Zeit anbietet. Sie seien ein Pfund, mit dem man wuchern könne, um Studenten zu gewinnen, sagt Knaden. Auf diese Weise bekämen eben auch jene Studenten einen Zugang zu Vorlesungen, die nur eingeschränkt studieren könnten.

Knaden geht davon aus, dass sich die Studentenschaft der Zukunft verändern wird. Es seien Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen, bereits Kinder oder eine Berufsausbildung absolviert haben. „Mit dieser Technik sind wir näher an den Studenten”, sagt er. Schon jetzt nutzten 90 Prozent aller Studierenden in Osnabrück die Streams.

Mateev ist einer von ihnen. Seine Rechnung geht so: Pro Semester zahle er 1058 Euro. „Für mein Geld möchte ich auch etwas haben.” Deshalb sollten alle Vorlesungen online zu sehen sein. „Das ist bequem für die Studenten, es bringt aber auch was”, sagt der 25-Jährige.
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