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Prof. Frank Schneider: „Psychiater haben belogen und getötet”

Von: abt
Letzte Aktualisierung:
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Prof. Frank Schneider, Chefarzt der Psychiatrie des Uniklinikums.

Berlin/Aachen. Mit einer bemerkenswerten wie überfälligen Rede hat der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Frank Schneider, die Verfehlungen seiner Kollegen in der Zeit des Nationalsozialismus offengelegt und die Opfer und deren Angehörige „um Verzeihung” gebeten.

„Für das Unrecht, das Ihnen im Namen der deutschen Psychiatrie und von deutschen Psychiaterinnen und Psychiatern angetan wurde und für das viel zu lange Schweigen, Verharmlosen und Verdrängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach.” Psychiater haben „getäuscht und belogen, töten lassen uns auch selber getötet”.

Professor Schneider, Jahrgang 1958, Chefarzt der Psychiatrie des Universitätsklinikums Aachen, international renommierter Wissenschaftler, bekennt sich damit objektiv auch selbst als einer, der - jedenfalls öffentlich - lange geschwiegen hat. Wie die meisten aus seiner Generation von Psychiatern. Auch das ist bemerkenswert.

Umso intensiver ist die DGPPN seit zwei Jahren dabei, mit Beginn der jetzt beendeten Präsidentschaft Schneiders, ihre eigene, zwischen 1933 und 1945 zum Teil verheerende Geschichte zu diskutieren und aufzuarbeiten. Dazu wurde zu Beginn dieses Jahres eine international besetzte, unabhängige Kommission eingerichtet. Die bisherigen Erkenntnisse sind Bestandteil der Rede, die Schneider jetzt auf dem Jahreskongress der Gesellschaft in Berlin gehalten hat und deren Wortlaut auch ausdrücklich als Dokument der DGPPN von deren Vorstand verabschiedet wurde.

Das große Verdrängen und das nicht so drängende Interesse der Öffentlichkeit mag auch damit zu tun haben, dass mit den medizinischen Verbrechen in der NS-Zeit generell „die Ärzte” identifiziert werden, und nicht so sehr die Psychiater. Die aber standen durchaus in erster Reihe und waren auf 1933 gut vorbereitet: „Vor dem Hintergrund eugenischer und rassehygienischer Denkweisen galten die Sterilisationsgesetze bei vielen Psychiatern als vorbildlich.” Schneider nennt Taten, Zahlen und Namen. Über 350000 Menschen wurden mithilfe des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” selektiert und zwangssterilisiert, mehr als 6000 starben allein dabei.

Mitverfasser des offiziellen Kommentars dieses Gesetzes war der damalige Präsident der psychiatrischen Gesellschaft, Ernst Rüdin. Als „vererbbare” psychiatrische Krankheiten wurden unter anderem manische Depression, Schizophrenie, aber auch Epilepsie, Blind- und Taubheit und Kleinwuchs genannt. Schneider: „Aber es wurde nicht nur zwangssterilisiert, es wurde auch getötet. Es war ein Psychiater, Alfred Erich Hoche, der in seinem 1920 erschienenen Buch zur Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens den Begriff Ballastexistenzen prägte und einen Katalog angeblich unheilbarer psychischer Krankheiten erstellte.”

„Wir schämen uns”

Daraus wurde letztlich die von Hitler nach Kriegsbeginn 1939 befohlene „Euthanasie”-Aktion, medizinisch geleitet von dem Psychiater und Neurologen Werner Heyde. „Mindestens 250.000 bis 300.000 psychisch, geistig und körperlich kranke Menschen fielen dem zum Opfer.” Namhafte Psychiater, so Schneider, gehörten zu den 50 Gutachtern, die die „von den Psychiatern aus den Kliniken geschickten Meldebögen” auswerteten, selektieren und „über Leben und Tod entschieden”. Zu diesen Gutachtern gehörten allein drei Präsidenten der psychiatrischen Fachgesellschaft in der Nachkriegszeit.

Es gab auch Widerstand und gewisse Spielräume. „Vor allem unter niedergelassenen Ärzten gab es solche, die zwischen 1934 und 1939 keine einzige Anzeige auf Vorliegen möglicher Erbkrankheiten erstatteten.” In den 1980er Jahren erst begannen Einige mit der ernsthaften Erforschung der Psychiatrie in der NS-Zeit. Klaus Dörner ist hier vor allem zu nennen, einer der bekanntesten Psychiatrie-Reformer, und Ernst Klee. Sein 1983 erschienenes Buch Euthanasie im NS-Staat, „hatte ich damals ganz ungläubig und fassungslos gelesen”, bekennt Frank Schneider.

„Wir schämen uns”, dass „wir so lange gebraucht haben, um offen mit diesem Teil unserer Geschichte umzugehen”.
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