München/Münster - Mut zum Klartext: Einfachheit als Erfolgsrezept im Studium

Mut zum Klartext: Einfachheit als Erfolgsrezept im Studium

Von: Tobias Schormann, dpa
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An Fachliteratur führt für Studenten kein Weg vorbei - trotzdem sollte Fachchinesisch in ihren Seminararbeiten tabu sein. Foto: dpa

München/Münster. „Wers nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis ers klar sagen kann.” Das hat der Philosoph Karl Popper als Leitsatz für die Wissenschaft ausgegeben. Und warum hört sich dann in der Uni manches so furchtbar kompliziert an?

Nicht selten darum: Weil es besser klingt und mehr Eindruck macht. Dabei sollten Studenten ruhig Mut zur Einfachheit haben. Denn damit lernt es sich einfach besser. Das ist aber gar nicht so einfach, wie es klingt.

Einfachheit gilt in der Wissenschaftstheorie als vorbildlich: Von allen Theorien zu einem Phänomen ist die einfachste die beste. „Ockhams Rasiermesser” heißt dieses Prinzip, wie die Uni München in einem Leitfaden zum wissenschaftlichen Arbeiten erläutert. Und auch dass überladene Redebeiträge in der Uni nichts zu suchen haben, ist wissenschaftlich untermauert - durch die Konversationsmaximen des Sprachforschers Paul Grice. Einige davon lauten: „Mache Deinen Gesprächsbeitrag nicht informativer als nötig”, „vermeide Weitschweifigkeit”, „sei relevant”. Das Motto „Sag es einfach” hilft aber nicht nur im Studium. Die KISS-Formel gilt heute als Leitsatz im Management: Sie steht für „Keep it short und simple”.

Wer sich manche Hausarbeiten oder Referate vor Augen führt, könnte aber meinen, die Verfasser hätten eine Sprachstörung: Sie können sich nicht verständlich machen. Daran krankten vor allem die Geisteswissenschaften, sagt der Fachbuchautor Alfred Brink, der an der Uni Münster Kurse zum Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten gibt. „Da wird das manchmal so schön verklausuliert. Das heißt dann häufig, dass derjenige gar nicht so viel zu sagen hat.”

Dabei glauben einige, sie müssten sich so ausdrücken. „Dahinter steckt eine falsch verstandene Wissenschaftssprache”, sagt Ulrike Pospiech, die in der „Schreibwerkstatt” der Uni Duisburg-Essen Studenten berät. „Mancher meint: Ich sags erstmal so, wie ich denke, und dann mache ich es kompliziert, und das ist dann Wissenschaft.” Dabei sei das völlig falsch: „Wissenschaftlich ist eine klare und präzise Erläuterung.” Dem stehen nicht nur gestelzte Sprache und Blähstil entgegen. Ein häufiger Fehler sei es auch, Texte und mündliche Beiträge inhaltlich zu überfrachten, hat Brink beobachtet. „Pro Satz nur ein Sachverhalt”, rät er daher.

Auch unter der „Fremdwörteritis” mancher Fächer leidet die Verständlichkeit. Studenten sollten aber immer auf den „Nettogehalt der Ideen” schauen, wenn andere mit Fremdwörtern um sich zu werfen, rät Brink. „Das ist nicht selten alter Wein in neuen Schläuchen.” Das sei gerade in internationalisierten Studiengängen zu beobachten. „Da sagt man Interdependenz und nicht Wechselwirkung.” Begründen lasse sich das häufig nicht. „Es klingt einfach besser.”

Dadurch breitet sich der Hang zum Verkomplizieren wie eine Seuche aus. Denn er ist ansteckend: „Das Ganze ist ein Nachahmer-Effekt”, sagt Pospiech. Die neuen Studenten versuchten, so zu klingen wie die alten Hasen und schössen dabei übers Ziel hinaus.

Damit tun sie sich aber keinen Gefallen: Denn sie machen den Stoff komplizierter, als er eigentlich ist, und erschweren sich so das Lernen unnötig. „Ich schmälere damit ja auch meinen Lerneffekt”, sagt Pospiech. Denn wer die Dinge in Nebel hüllt, werde nie klarsehen.

Die Dinge einfach und klar dazustellen, ist dabei alles andere als einfach. Denn es setzt Verständnis voraus, erläutert Pospiech. Nicht selten entsteht eine Hausarbeit schließlich so: Man nehme Zitate aus fünf bis zehn Büchern, baue sie zusammen, und fertig ist die Laube. Wer seinen Text dagegen eigenständig formuliert, muss tatsächlich begriffen haben, worum es geht. Das Nacherzählen der Literatur sei daher eine „Todsünde” beim wissenschaftlichen Arbeiten, warnt das Institut für Soziologie der Uni Jena in einem Leitfaden.

Studenten gewöhnen sich das Phrasendreschen und Nachplappern also besser schnell ab, wenn sie wirklich etwas lernen wollen. „Ich bin als Student nicht die Wurstfabrik, die das Kleingeschnetzelte aus den Werken anderer macht”, sagt Pospiech. „Um im Bild zu bleiben: Ich muss das alles erstmal durchkauen.”

Studenten dürfen Einfachheit aber nicht mit Belanglosigkeit verwechseln: Es geht dabei nicht um unbestimmte subjektive Eindrücke nach dem Motto „Mir kam das beim Lesen irgendwie ein bisschen komisch vor”. Auch dürften Studenten einen Sachverhalt nicht unzulässig vereinfachen oder verknappen, erklärt Brink.

Wer diese Dinge beachtet, profitiert davon auch später in der Prüfung. Denn spätestens dann fliegt es in der Regel auf, wenn das Wissen von Studenten nur aus heißer Luft besteht. „In einer mündlichen Prüfung zum Beispiel merkt ein Prüfer das sofort, wenn einer nicht wirklich verstanden hat, wovon er redet”, sagt Brink.

Den eigenen Worten vertrauen

Studenten müssen sich von der Fachliteratur lösen, wenn sie wissenschaftliche Texte schreiben. „Versucht, es mit eigenen Worten zu sagen”, empfiehlt Alfred Brink von der Uni Münster. Damit fangen Studenten am besten schon an, wenn sie Literatur auswerten. Statt sich Phrasen aus Aufsätzen herauszuschreiben und diese auswendig zu lernen, sollten sie neben den Notizen zum Text eine Spalte mit dem Titel „Was ich dazu denke” mit ihren eigenen Formulierungen füllen, rät Ulrike Pospiech von der Uni Duisburg-Essen.
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