Medikamente gegen den Albtraum in Syrien

Von: Matthias Hinrichs
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„Die Verletzten werden mit St
„Die Verletzten werden mit Stofffetzen verbunden, weil kein Verbandsmaterial da ist”: Der junge Syrer Ali Al-Jalloud organisiert mit der KHG einen Hilfstransport für die Menschen in seiner Heimat. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Angst? „Wovor soll ich noch Angst haben?”, fragt Ali Al-Jalloud. „Bei mir zu Hause sterben täglich Hunderte.” Ali Al-Jalloud will sich nicht verstecken. Im Gegenteil. Auch wenn er genau weiß, dass die Augen des Regimes überall sind.

Dass die Exilanten meist nicht nur um ihre eigene Gesundheit, sondern vor allem um das Leben ihrer Angehörigen fürchten müssen. Dass der Geheimdienst der Assad-Regierung auch und gerade die Studierenden im Ausland ständig beobachtet.

Al-Jalloud, 31, hat sein Medizin-Studium längst abgeschlossen. Er arbeitet heute als Assistenzarzt im Uniklinikum Aachen. Seine Ausbildung hat er unter anderem als Lkw-Fahrer finanziert. Vielleicht wird er seinen Führerschein bald wieder gut gebrauchen können. Vielleicht wird er die Möglichkeit haben, sich selbst wieder ans Steuer zu setzen, um die Hilfsgüter, die er jetzt für die Menschen in Syrien zusammentragen will, Richtung Nahost zu transportieren - zumindest bis an die Grenze seines Heimatlandes. Fest steht: Am 30. September soll von Aachen aus der erste Hilfstransport zur Unterstützung der geschundenen Zivilbevölkerung in Syrien starten.

Zurzeit strickt Al-Jalloud gemeinsam mit Markus Reissen an einem neuen Hilfsnetz, um das Projekt zu stemmen. Reissen ist Referent für interkulturelle Arbeit und Islam-Experte bei der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG). „Wir kennen Ali seit vielen Jahren”, erzählt er. Schon als Student hatte der junge Syrer sich bei der KHG engagiert. „Unsere Hilfe wird schnell und vollständig ankommen. Wir werden dafür sorgen, dass alle Spenden zu 100 Prozent in Medikamente, Verbands- und Desinfektionsmaterial investiert werden”, sagt Reissen.

Wie bitter nötig das ist, erfahren Al-Jalloud und seine Mitstreiter - immerhin ein Handvoll Studierende aus Syrien beteiligen sich bei der KHG an der Aktion - nicht nur aus den Medien, sondern vor allen von ihren Familien in der Heimat. „Es ist eine Katastrophe. Die Ärzte verbinden die Verletzten mit schmutzigen Stofffetzen, weil kein Verbandsmaterial mehr zu finden ist. Medikamente, vor allem Antibiotika, gibt es kaum noch”, weiß Al-Jallud. Fast habe man das Gefühl, der gesamte „Westen” habe die Menschen in Syrien vergessen, sagt einer der Studenten.

Zumindest mit dieser Einschätzung stehen die Studierenden, die ihre Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollen, keineswegs allein. „Den Opfern des Bürgerkriegs wird viel zu wenig geholfen”, kritisiert Bürgermeisterin Hilde Scheidt, die die Initiative unterstützt. „Selbst das EU-Parlament hat sich trotz des Mordens kaum zu Wort gemeldet. Das ist eine Blamage für die demokratischen Länder.” Viele Exilanten stünden mehr denn je quasi zwischen allen Fronten. „Ihre Pässe werden nicht verlängert, damit drohen sie ihre Aufenthaltserlaubnis zu verlieren. Der UNO-Beschluss, nachdem jetzt zunächst 450 Flüchtlinge aufgenommen werden sollen, reicht bei weitem nicht aus. Wir brauchen ein umfassendes Hilfsprogramm - und ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht für syrische Kriegsflüchtlinge.”

Ali Al-Jalloud will nicht mehr darauf warten, dass seine Landsleute durch Interventionen auf höheren, diplomatischen Ebenen von ihrer Angst, ihrem Elend, vom Terror vor ihrer Haustür erlöst werden. Er setzt auf die Hilfe des „einfachen Volks” im Grenzland. „Jeden Morgen, wenn ich aufstehe”, sagt er, „denke ich an meine Familie und meine Freunde in meinem Heimatdorf. Jeden Morgen denke ich: Das alles kann nur ein Albtraum sein, es kann einfach nicht wahr sein. Wovor also soll ich noch Angst haben?”

Spenden und Infos bei der KHG Aachen

Sachspenden für den Hilfstransport, vor allem Medikamente und Verbandsmaterial, können montags, mittwochs und freitags, 10.30 bis 12.30 Uhr, sowie dienstags und donnerstags, 13.30 bis 16.30 Uhr, im Sekretariat der Katholischen Hochschulgemeinde, Pontstraße 74-76, oder abends im Café „Chico Mendes” im Parterre des KHG-Hauses abgegeben werden.

Geldspenden werden natürlich ebenso dringend benötigt, jeder Euro ist willkommen. Spenden kann man auf das KHG-Konto 100 392 8019 bei der Pax Bank Aachen (BLZ 370 601 93). Infos gibt es unter Telefon 0241/4700-138.

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