Matratzenlager im Hörsaal: Studenten halten die Universität Gießen besetzt

AN App

Matratzenlager im Hörsaal: Studenten halten die Universität Gießen besetzt

Von: Maren Hennemuth, ddp
Letzte Aktualisierung:
Studentenstreik
Ein Flyer der zur Hausbesetzung aufruft, aufgenommen am Mittwoch während der Vollversammlung im Audimax der Universität in Gießen. Foto: ddp

Gießen (ddp). Leise öffnet die Studentin Natascha die Tür des Seminarraums, schließlich könnte drinnen noch jemand schlafen. Auf dem Boden liegen Schlafsäcke und Isomatten - die Überreste eines Matratzenlagers. Auch nachts bleiben immer Studenten in der Universität Gießen, um eine Räumung ihrer besetzten Hörsäle zu verhindern.

„Man bekommt kaum Schlaf. Letzte Nacht habe ich mich um 3.00 Uhr hingelegt; das war echt früh”, sagt die 21-jährige Germanistikstudentin. Jeden Tag gehe sie für eine Stunde nach Hause, um zu duschen und sich um ihre Katzen zu kümmern. „Manchmal wünsche ich mir schon mein Bett herbei. Aber es muss halt was passieren”, fügt Natascha mit Nachdruck hinzu. Aus Protest gegen Studiengebühren und überlastete Studiengänge befinden sich Studenten in ganz Deutschland seit fast zwei Wochen im Bildungsstreik.

Auch an anderen Unis in Deutschland haben Studenten zwischenzeitlich Hörsäle besetzt. Doch wie das Aktionsbündnis in Gießen stolz verkündet, sind hier die bundesweit meisten Gebäude blockiert: sechs Seminargebäude, zwei Hörsäle und das Audimax.

Viele Lehrveranstaltungen fallen aus, andere werden verschoben. Die Streikenden bemühen sich darum, alternative Veranstaltungen anzubieten. Ihre Seminare heißen „Ingenieursdenken fürs Soziale” oder „Antiziganismus aktuell”. Außerdem haben sie mehr als ein Dutzend Arbeitskreise gebildet.

Ein Dozent aus dem Fachbereich Germanistik tritt auf Natascha zu. Er suche noch nach Teilnehmern für die alternative Veranstaltung „Kreatives Schreiben”, sagt er. Wenn seine regulären Lehrveranstaltungen schon ausfielen, wolle er sich wenigstens beim Alternativprogramm beteiligen. Schnell kann die Studentin ein paar Kommilitonen überreden, bei dem Seminar mitzumachen.

Es sei schon komisch, in der Uni zu leben und quasi kaum noch zu Hause zu sein, sagt Natascha. Sie wirkt ein bisschen überdreht; auf einem Tisch stehen mehrere Kannen Kaffee. Ihre persönliche Motivation für den Streik sei es, so lange weiterzumachen, bis sich die Forderungen nach besseren Lehr- und Lernbedingungen durchsetzen ließen. Sie erzählt von Seminaren, bei denen es ganz normal sei, auf dem Fußboden zu sitzen. „Man traut sich nicht zu atmen”, sagt sie.

Zwei Studentinnen kommen herein und fragen, ob noch etwas zu essen da sei. „Warmes gibt es nichts mehr, aber es ist noch Brot da”, sagt Natascha und zeigt auf einen improvisierten Buffet-Tisch, auf dem sich Lebensmittel stapeln. „Wir haben zahlreiche Spenden bekommen. Der Autor einer Germanistik-Lesung hat heute allein 50 Euro gegeben”, berichtet die Studentin.

Die Leitung der Universität toleriert die Besetzung bislang. Das Präsidium und die Dekane hätten das Gespräch mit ihnen gesucht, berichten Studenten. Vizepräsident Joybrato Mukherjee wies mehrfach darauf hin, dass das Präsidium nicht erst durch den Streik auf Missstände bei den modularisierten Studiengängen aufmerksam geworden sei. „Wir sind bereit, den Bologna-Prozess an der JLU gemeinsam mit den Studierenden und Lehrenden und in den zuständigen Gremien weiterzuentwickeln, um Freiheiten in Studium und Lehre zurück zu gewinnen”, sagte der Vizepräsident am Donnerstag.

Am Vortag hatten die Studenten auf einer Vollversammlung im Audimax einen 14-seitigen Forderungskatalog mit dem Titel „Gießener Erklärung” verabschiedet. Die Verfasser fordern darin unter anderem die Möglichkeit zur Erlangung des Masterabschlusses für alle, die Abschaffung von Zugangsbeschränkungen sowie ein vom Einkommen der Eltern unabhängiges Bafög. Für die streikenden Studenten steht fest, dass sie so lange weitermachen, bis ihre Forderungen Gehör finden.

Ein Streikchor sorgt derweil für gute Stimmung. Zu der Melodie von „Fuchs, du hast die Gans gestohlen” singen etwa 30 Studenten auf der Bühne „Staat, du hast die Chance gestohlen, gib sie wieder her”. Der 23-jährige Rafael begleitet den Chor auf der Gitarre. „Mit Musik kann man viele Menschen mobilisieren”, sagt er. Seine Kommilitonin Verena fügt hinzu: „Wir machen hier das, was wir am besten können: kreativ sein.” In der Bildungsöde ihres Bachelor-Studienganges sei für Kreativität hingegen kein Platz.

Acht Lieder haben die Chormitglieder umgedichtet. „Bachelor, Master, alles ein Desaster. All I wanna say is that they dont really care about us” - heißt ihre Version des Klassikers von Michael Jackson. „In den Häusern wird nicht nur gefeiert”, sagt Rafael. Die Besetzung sei vielmehr eine spannende Art, Politik zu machen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert