Aachen - Liebhaber des offenen Worts: Otto Spaniol wird pensioniert

Liebhaber des offenen Worts: Otto Spaniol wird pensioniert

Von: Axel Borrenkott
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Ob alle Kollegen an der RWTH das freimütige Mundwerk von Otto Spaniol vermissen werden, möchte man gar nicht so genau wissen. Zumindest die Elektrotechniker müssten dazu einigen Humor aufbringen. „Wie killt man einen E-Techniker?”, hat dieser Mann einmal eine seiner extra bösen Satiren überschrieben, der am Montag und Dienstag seinen altersbedingten Abschied von der Hochschule zelebriert.

Und mit welchem ordentlichen deutschen Professor wird man danach noch darüber plaudern können, ob nun Annafrid von Abba viel „rassiger” war als die „langweilige blonde” Agnetha”? Ohne Otto Spaniol, 26 Jahre lang Inhaber des Lehrstuhls Informatik 4, wird es ein Stück langweiliger an der RWTH Aachen.

Wahrscheinlich fände der rastlose Forscher, Hochschulmanager und umtriebige Pragmatiker es selber langweilig, wenn man seine wissenschaftlichen Leistungen auflistete: die wird die Fachwelt in dem zweitätigen Workshop hinreichend würdigen. Worauf er selbst stolz ist, erzählt er so gerne wie er aus seinen als „Alois Potton” - ein Anagramm zu Otto Spaniol - über viele Jahre hin verfassten satirischen Kolumnen in einem Informatik-Fachblatt zitiert. Stolz ist Professor Spaniol darauf, dass er zum Beispiel das Forum Informatik der TH gegründet hat und Regina, das regionale Netzwerk von Unternehmen und Hochschul-Informatikern. Zwei Graduiertenkollegs hat er etabliert und „in ein paar Minuten” ein heute noch funktionierendes „genial einfaches” Telefonnummersystem an der TH erfunden.

Und hörbar stolz ist Spaniol darauf, 63 Promovenden zu wissenschaftlicher Kreativität und etlichen damit zu prominenten Positionen verholfen zu haben, indem „ich sie habe gewähren lassen. Die mussten damit zurechtkommen, dass es keine genauen Vorgaben gab.”

Gold machen wollen, und dann Porzellan erfinden: So etwas gefällt dem studierten Mathematiker und „irgendwie auch Anarchisten” Otto Spaniol. Weniger bis gar nicht, wie der gebürtige Saarländer und bekennende Wahlrheinländer ebenso freimütig einräumt, hat ihm das „Vorlesungen halten” gefallen. „Das hat mich gelangweilt, immer dasselbe zu erzählen”, was ihm allerdings auch „nicht die besten Bewertungen” bei den entsprechenden Evaluationen eingetragen habe. „Ich liebe Sachen, die einmalig sind und neu. Pragmatische Lösungen vorantreiben: das ist mein Ding”.

Wer ihm da nicht immer folgen wollte oder konnte, musste sich allerdings auch schon mal was weniger Freundliches anhören. Dass er „auch nie Diplomat war”, muss der „langsame Rennradfahrer” - mit circa drei Dutzend Pokalen von Schwalbe Eilendorf in seinem hoffnungslos überladenen Büro - eigentlich nicht betonen. „Wir haben uns immer gekloppt hier in der Fachgruppe. Aber am anderen Tag war alles wieder gut.” Otto Spaniol und Manfred Nagl, zwei Informatik-Brüder im Unruhe-Geist, da hätte man gerne mal zugehört. Und dann legt der leidenschaftliche Fan des braven Soldaten Schweijk und zumal seines Schöpfers Jaroslav Hasek noch ein bemerkenswertes Bekenntnis ab: „Ich habe immer gesagt, man müsste die Studenten in alles einbeziehen. Wenn man da was zu verschweigen hat, ist es sowieso Mist.”

Was ist denn gut an der RWTH? „Der Pragmatismus, das Machen in der Technischen Hochschule. Universitäten verquatschen sich. Und natürlich der Maschinenbau und die E-Technik, deren Sonne auch auf uns Informatiker abstrahlt.” Aber die E-Techniker sind doch „eigentlich kulturlose Büffel”, die man am besten „intellektuell fertigmacht”, indem man im „Smalltalk muntere lateinische Sprüche einwirft” oder „einen schlau aussehenden wohlverpackten Blödsinn” über Jean-Paul Sartre vorsetzt? Nun ja, das sei zwar nicht mal „das Bösärtigste, was ich jemals geschrieben habe”, aber so viel Satire war dem Informatiker-Organ PIK denn doch zu viel: die - durchaus selbstironische - Kolumne über die mitunter nervtötende Kooperation in fachübergreifenden Forschungsprojekten „Wie killt man einen E-Techniker?” ist nie im Druck erschienen. Sie kursiert aber längst im Internet und wird auch am Montag im Super C herumgereicht werden.

Und was ist nicht gut an der RWTH? „Der zu geringe Frauenanteil, die vielen Kämpfe um das Geld der Exzellenzinitiative und die Schwäche der Philosophischen Fakultät.” Über alles kann und soll man füglich streiten, was der Professor Spaniol so freimütig und auch recht selbstüberzeugt von sich gibt. Hat man auch. Aber er macht dabei nicht die Türe zu. Und von diesem Typ Professor gibt es nicht mehr so viele an der exzellenten Hochschule.

Der Abschied fällt dem 65-Jährigen zugegebenermaßen „sehr schwer”, doch in einigen Funktionen mischt Otto Spaniol noch eine Zeitlang mit („aber keine Pflichtvorlesungen mehr”), wenn er sich nicht gerade seiner weiteren Leidenschaft hingibt und sich durch „die brausenden Innenstädte Südostasiens treiben” lässt. Nur keine Langeweile aufkommen lassen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert