Aachen - Europa muss man irgendwie auch fühlen können

Europa muss man irgendwie auch fühlen können

Von: Stephan Vallata
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„Wir haben Europa erschaffen, jetzt müssen wir die Europäer erschaffen”, sagt der designierte Karlspreisträger Andrea Riccardi. Foto: Harald Krömer

Aachen. Der Schöpfungsauftrag ist genial einfach. Er lautet: Erschaffe Dich selbst! Leichter gesagt als getan, werden Sie jetzt denken. Was im ersten Moment nach göttlichem Patent klingt, ist in Wahrheit ureigenste Sache von uns Menschen.

Jedenfalls dann, wenn man den Worten des designierten Karlspreisträgers Andrea Riccardi Glauben schenkt. Ein Sakrileg? Wohl kaum. Ein ambitioniertes Projekt? Schon eher. Der Gründer der katholischen Laiengemeinschaft Sant„Egidio sagt: „Wir haben Europa erschaffen, jetzt müssen wir die Europäer erschaffen.”

Riccardi weiß natürlich sehr genau, dass sich so etwas wie ein gemeinsames europäisches Bewusstsein nicht von heute auf morgen herausbildet. Erzwungen werden kann es erst recht nicht. Es muss langsam wachsen. Als Gast der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) verbreitete er am Mittwoch einen von feinem Humor durchsetzten Optimismus, dem sich die überwiegend studentische Hörerschaft auf Dauer nicht entziehen konnte.

„Wir Europäer”, sagte der Mann mit dem warmen Blick und dem sanften Lächeln, „sind zu sehr Brillenträger. Wir haben einen kurzsichtigen Blick bekommen - sehen nur uns selbst, unsere Probleme, unsere kleine Welt.” Dies müsse sich dringend ändern. Riccardi begrüßte es deshalb sehr, die RWTH als erste Station seines Aufenthaltes in Aachen aufgesucht zu haben. Seien die Universitäten doch der Ort, an dem neue Ideen entstehen würden, an dem die Zukunft vorbereitet würde.

Für die anderen leben

Sant„Egidio ist ein gutes Beispiel für ein wahrhaft europäisches Projekt: Die Anfänge der katholischen Laienbewegung liegen im Rom der 68er-Zeit. In den 80er Jahren erweiterte Sant„Egidio seinen Aktionskreis nach Afrika, wo die Hilfe für Aidskranke einen Arbeitsschwerpunkt bildet. 1992 glückte nach hartnäckiger Vermittlungsarbeit der Gemeinschaft ein Friedensabkommen in Mosambik, das bis heute hält. Mittlerweile zählt die Bewegung eigenen Angaben zufolge rund 50.000 Anhänger in 70 Ländern.

Wie können junge Menschen aktiv an einer besseren Zukunft für alle mitarbeiten? Die Frage kommt aus dem Auditorium und beschäftigt nicht allein den Fragesteller. Riccardi rät: „Wenn jemand für die anderen lebt, geht es ihm besser, und er hilft dabei, dass es auch den anderen besser geht.” Um glücklich zu sein, müsse man großzügig sein. Um glücklich zu sein, müsse man aber auch erfolgreich sein mit dem, was man tut.

Die Vielfalt der Kulturen

Riccardi spricht von einer „Kultur des Zusammenlebens”, die sich beständig weiterentwickeln müsse. Die Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Religionen in Europa, sieht er nicht als Hindernis, sondern als Geschenk. Es geht ihm nicht um Gleichmacherei. Es geht ihm darum, eine Gemeinschaft zu formen, die nicht trotz aller Unterschiede, sondern wegen aller Unterschiede Bestand hat. Bisher vermisst Riccardi etwas, das er als Voraussetzung für dieses hehre Ziel betrachtet: ein Wir-Gefühl.

Es reicht nicht um das Vorhandensein der Europäischen Union, der europäischen Wirtschafts- und Wertegemeinschaft zu wissen. Europa muss man auch fühlen können. Und das gefühlte Europa lasse zu viele Menschen noch völlig kalt, befürchtet der Historiker mit Blick auf die generell eher niedrige Wahlbeteiligungen bei den Wahlen zum Europäischen Parlament.

Sorge bereitet ihm in zunehmenden Maße das Aufkeimen eines „ethnischen Nationalismus” in einer ganzen Reihen von EU-Staaten, darunter auch Italien. Verstärke sich diese Tendenz, könnte ein „Europa der 1000 Heimaten” entstehen statt die Heimat Europa. Die beste Antwort auf Hass und Rassismus sei Vertrauen in das europäische Projekt. Gerade Staaten wie Deutschland und Italien müssten sich dabei mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg ihrer besonderen historischen Verantwortung bewusst sein. Es komme nun darauf an, etwas mit „weltweiten Dimensionen zu schaffen, was nicht Krieg ist”. Riccardi schlägt vor, statt Waffen den Frieden zu exportieren. Und dann Afrika: Riccardi kritisierte, dass sich die EU zwar mit Steuerparadiesen befasse, nicht aber mit „Mafiaparadiesen” wie Somalia.

Viele afrikanische Regierungen seien schwache Regierungen, weil der Kontinent bisher nur auf eine kurze nationalstaatliche Geschichte zurückblicken könne und sehr schnell in den Strudel der Globalisierung geraten sei. Er warb um Verständnis und machte gleichzeitig unmissverständlich klar: Europa müsse hier verstärkt eingreifen, um an diesem Zustand etwas zu verändern.

Die Feiern zur Karlspreisverleihung beginnen am Donnerstag um 9 Uhr mit einem Pontifikalamt im Dom, zu dem interessierte Gottesdienstbesucher herzlich eingeladen sind. Anschließend gehen Andrea Riccardi, Karlspreisdirektorium und Ehrengäste über die Krämerstraße ins Rathaus.

Die Karlspreiszeremonie beginnt um 11.15 Uhr (Dauer ca. 90 Minuten). Anschließend besucht der Karlspreisträger mit den Ehrengästen den Katschhof, wo von 13 bis 21 Uhr ein buntes Karlspreisfest stattfindet. Das WDR-Fernsehen überträgt ab 11.10 Uhr live aus dem Krönungssaal.

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