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Eine Marke verschwindet: Der lange Abschied vom Diplom-Ingenieur

Von: Andreas Heimann, dpa
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In Deutschland ausgebildete Diplom-Ingenieure genießen weltweit hohes Ansehen, doch jetzt droht der „Dipl-Ing.” als Studienabschluss zu verschwinden. Foto: dpa

Aachen. Dem Ingenieur ist nichts zu schwör. Das ist zwar seit Daniel Düsentrieb, dem Urvater aller Technik-Tüftler, ein Vers nach dem Motto „Reim dich, oder ich fress dich”. Aber es ist einer, bei dem Respekt mitschwingt. Was aber reimt sich auf „Master of Science”?

So lautet der neue Abschluss in den Ingenieurswissenschaften an den Universitäten im Zeitalter der Bologna-Reform. Der gute alte Diplom-Ingenieur, seit jeher eher ein Qualitätssiegel als eine Berufsbezeichnung, ist vom Aussterben bedroht. Und das löst nicht nur Begeisterung aus. Die Stimmen derer mehren sich, die ihn retten wollen - und sei es nur als akademischen Grad.

„Es gibt keine guten Gründe dafür, den Diplom-Ingenieur abzuschaffen”, sagt Prof. Ernst Schmachtenberg. „Im Gegenteil, der Diplom-Ing. ist eine weltweit anerkannte Marke”, erläutert der Rektor der Technischen Universität Aachen. „Die Marke wollen wir erhalten, ohne gleich den Bachelor und Master wieder abzuschaffen.”

Schmachtenberg ist kein Gegner der Bologna-Reform, des europaweiten Umstellungsprozesses aller Studiengänge auf Bachelor und Master. „Ich bin sogar ein Bologna-Befürworter”, erläutert der Präsident des TU9, eines Zusammenschlusses wichtiger technischer Universitäten.

Während den langen Debatten um die Bologna-Reform klang häufig die Sorge durch, ein Bachelor werde allenfalls als zweitrangig angesehen, für den Arbeitsmarkt so hilfreich wie eine Bescheinigung der Volkshochschule über die Teilnahme an einem Informatikkurs. Schmachtenberg teilt solche Sorgen nicht: „Wir werden sehen, wie Bachelor-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt aufgenommen werden. Man muss das noch abwarten, aber ich bin da optimistisch.”

An der Bachelor-Master-Struktur sollte nicht gerüttelt werden, meint auch Matthias Jaroch, Sprecher des Hochschulverbandes, in dem rund 25.000 Wissenschaftler zusammengeschlossen sind. „Es geht uns um den Titel des Diplom-Ingenieurs. Es muss auch künftig eine Möglichkeit geben, ihn zu führen.”

Prof. Schmachtenberg sieht das genauso: Dass mit der Bologna-Reform das Diplom in den Ingenieurswissenschaften verschwinden soll, hält er für überflüssig. „Die Kultusministerkonferenz hat verordnet, dass ein Masterstudium mit einem Master zu enden habe”, sagt er. „Aber in Österreich zum Beispiel geht es beim Ingenieursstudium auch anders.”

Dort endet ein Masterstudium an der Technischen Universität Wien mit der Master-Urkunde, mit der ein Dipl.-Ing. verliehen wird. Im deutschen Text stehe dann Diplom-Ingenieur, im englischen Master of Science (M.Sc.). Eine aus Schmachtenbergs Sicht ideale Lösung. „Die Berufsgruppe der Ingenieure hat sich mit dem Dipl-Ing. immer identifiziert”, ergänzt Willi Fuchs, Präsident des Verbands der Ingenieure.

Durch den Umstieg auf den Master of Science gehe das verloren. „Andererseits habe ich schon Mitte der 80er Jahre in den USA gelehrt und dort Bachelor- und Masterstudiengänge kennengelernt, die es in mehr als 80 Prozent aller Länder gibt”, sagt Fuchs. „Ich glaube auch, dass wir die Umstellung dringend brauchen.”

Schon um junge Leute zum Studium nach Deutschland zu locken, seien international übliche Abschlüsse hilfreich. „Führende technische Hochschulen haben auch vor der Bologna-Reform schon Masterstudiengänge angeboten”, sagt Fuchs. Eine Umstellung auf Bachelor und Master sei deshalb nicht unbedingt ein Verlust an Qualität.

An den Hochschulen läuft Fuchs zufolge aber noch nicht alles rund: „Es gibt eine stärkere Verschulung, der Workload ist erhöht worden, das Studium gestrafft”, erklärt der VDI-Präsident. „Die Hochschullehrer sind viel stärker gefordert, die wesentlichen Inhalte zu vermitteln. Da muss noch nachgebessert werden.”

Nachbesserungsbedarf sieht auch der Hochschullehrerverband, gerade in den Ingenieurswissenschaften: Dort sei die Abbruchquote schließlich besonders hoch, sagt Matthias Jaroch. Es gibt laut Willi Fuchs aber auch positive Beispiele wie die TU Darmstadt: „Dort wurde das Bachelor-Master-Studium früh eingeführt und richtig gut gemacht.”

Der Riesenvorteil des neuen Systems sei, dass Studenten mit dem B.A. aussteigen können, wenn sie zum Bachelor gut mitgehalten haben, dann aber Probleme bekommen. Und gute Bachelor-Absolventen an der Fachhochschule haben nun die Chance, anschließend für den Master zur Uni zu wechseln. „An den Unis wird der Master in den Ingenieurswissenschaften zum Regelabschluss”, sagt Fuchs voraus.

Er empfiehlt angehenden Ingenieuren, zunächst mit einem Bachelor anzufangen. „Wer eine starke Neigung zur Forschung hat, kann dann den Master dranhängen. Und auch sonst gibt es immer noch die Option, sich dafür zu entscheiden.” Wichtig sei allerdings, sich die Hochschulen gründlich anzugucken. „Was ich sehr kritisch sehe, sind sehr spezialisierte Bachelor-Studiengänge”, sagt der VDI-Präsident. Denn wer zu früh in der Nische landet, vermasselt sich womöglich die Berufsperspektiven - egal, wie dann der Abschluss lautet.

Unterm Strich entscheide der Name des Abschlusses ohnehin nicht bei der Stellenvergabe: „Arbeitgeber achten bei der Einstellung vor allem darauf, von welcher Hochschule der Bewerber kommt”, sagt Fuchs. Wenn die einen guten Ruf hat, sei das schon mal ein wichtiges Argument.

Und de facto habe sich beim Studium auch gar nicht viel geändert: „An den Fachhochschulen hat man das Diplom nach sieben oder acht Semestern bekommen, da waren oft zwei Praxissemester dabei”, argumentiert Fuchs. „Beim Bachelor-Studium gibt es oft sechs Theorie- und ein Praxissemester. Was ist da der Unterschied?”
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