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Eine exzellente Hochschule unter Hochspannung

Von: Axel Borrenkott
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Tragende Rolle: Nicht nur, abe
Tragende Rolle: Nicht nur, aber an erster Stelle auf den Rektor kommt es an, welchen Eindruck die Gutachter nächsten Dienstag und Mittwoch von der Exzellenz der RWTH gewinnen. Das Bild zeigt Ernst Schmachtenberg bei der Unterzeichnung der Wettbewerbs-Anträge . Foto: Peter Winandy

Aachen. Die Hochschule hält den Atem an. Wer sich in diesen Tagen nach dem aktuellen Befinden der RWTH erkundigt, hört ziemlich sicher einen Satz dieser dramatischen Art. Tatsächlich steht die erfolgverwöhnte Hochschule vor ihrer schwersten Prüfung.

Am kommenden Dienstag und Mittwoch muss sie vorführen, dass sie wirklich exzellent ist - und fähig, das auch zu bleiben. Wenn es dem Rektorat, den Dekanen und einigen weiteren strategisch wichtigen Akteuren, darunter auch Studenten, in diesem Examen nicht gelingt, die internationale Jury aus Top-Wissenschaftlern zu überzeugen, steht der Ruf der RWTH auf dem Spiel. Eigentlich unvorstellbar, aber patzen darf auch keiner. Wiederholung ausgeschlossen.

Die zweite - und damit letzte - Runde der Exzellenzinitative, des nationalen Wettbewerbs der deutschen Universitäten, ist mitten in ihrer entscheidenden Phase. Seit November vergangenen Jahres und noch bis März werden sämtliche 143 schriftlichen Anträge aus 49 Hochschulen einer mündlichen Prüfung unterzogen. Dabei handelt es sich sowohl um Anträge auf Fortsetzung der Förderung aus der ersten Runde der Exzellenzinitiative von 2006 bis 2012 sowie um neue Anträge für die Periode 2012 bis 2017.

Es geht um den Titel

Der Wettbewerb findet in drei Förderlinien statt. In der ersten Linie geht es um Graduiertenschulen, in denen die Doktorarbeiten von herausragenden Absolventen besonders betreut werden. Davon hat die RWTH bislang eine aus der ersten Runde und zwei weitere beantragt. Sogenannte Exzellenzcluster bilden die zweite Linie, das sind Verbünde mehrerer Institute zur Spitzenforschung. Drei Cluster waren der TH bisher bewilligt, ein weiteres hat sie zusätzlich beantragt.

In der dritten Förderlinie geht es um die Hochschulen als Ganze, um ihre Zukunftskonzepte. Das ist der Teil des Wettbewerbs, auf den alle schauen, der einzige, der tatsächlich öffentliche und international ausstrahlende Wirkung hat. Hier geht es weniger um das Preisgeld, sondern um das ungeheuer folgenreiche Image, um den Titel Elite-Uni.

Aber natürlich geht es auch um Geld, um die Forschung, die man damit betreiben und die Arbeitsstellen, die man dafür einrichten kann. Aus der laufenden Exzellenzinitiative bezieht die RWTH in allen drei Förderlinien insgesamt 180 Millionen Euro. Das Antragsvolumen der neuen Runde ist sogar deutlich höher.

Offiziell gibt es den Titel Elite-Uni gar nicht. Doch die derzeit neun Hochschulen, die aus der ersten Runde als Sieger hervorgegangen sind, werden genauso angesehen und wehren sich auch nicht, wenn sie in den Medien dauernd so genannt werden.

Es handelt sich schon zahlenmäßig um eine Elite: weniger als zehn Prozent aller 105 deutschen Universitäten. In der jetzigen Runde bewerben sich insgesamt 16 Unis um diese Krone. Insider vermuten, dass es am Ende nicht mehr als zwölf werden sollen.

Die Brisanz liegt diesmal darin, dass in der ersten Runde auch solche Hochschulen erfolgreich waren, die man nicht unbedingt als Spitzenuniversitäten gesehen hatte, während andere, die seinerzeit knapp gescheitert waren - wie etwa Bochum - inzwischen enorm aufgeholt haben und die Konkurrenz insgesamt deutlich stärker geworden ist. Außerdem gibt es bei allen Beteuerungen des Gegenteils stets die offene Frage, inwieweit nicht doch politische Interessen der Länder Einfluss auf die vorgeblich rein wissenschaftliche Entscheidung haben.

Die Konkurrenz wird härter

Spannend ist also nicht nur, wie sich die Favoriten schlagen werden. Dazu gehören neben Aachen mindestens die beiden Münchner Universitäten, Heidelberg und Karlsruhe. Was ist mit dem Verfolgerfeld? Welche Eliteunis werden absteigen? Wird man Nordrhein-Westfalen drei Elite-Unis „zugestehen”, falls die Gutachter neben Aachen sowohl Bochum wie Köln für würdig halten? Oder kann man in Baden-Württemberg eine fünfte Elite-Uni zulassen, aber wieder keine in den neuen Bundesländern? Über solche Fragen wird zumindest sehr gerne spekuliert.

Das alles kann den Aachener Strategen im Moment aber ziemlich egal sein. Auch wenn jeder sie auf der Liste der Favoriten hat: Der innere Druck, den Wettbewerb zu bestehen, ist enorm. Seit anderthalb Jahren haben die Aachener alles Mögliche an Personal, Ressourcen, Energie und Engagement zusammengeballt, um ihre alten und neuen Exzellenzprojekte wasserdicht zu machen.

Für die Live-Präsentation der Graduiertenschulen und Cluster müssen sich die jeweiligen Gruppen nach Bonn oder Berlin begeben. Fünf solcher Verteidigungen haben sie hinter sich, die restlichen zwei stehen noch im Januar an. Wirklich Sorgen, dass das am Ende in diesen beiden Linien nicht reichen würde, selbst wenn nicht alle sieben Anträge Erfolg haben, macht man sich da nicht.

Der existenzielle Exzellenz-Ernstfall aber steht nächste Woche an, und er spielt in den eigenen Hallen. Am Montagabend reisen in Aachen rund 20 überwiegend internationale Top-Wissenschaftler an, die speziell für die RWTH zusammengestellt wurden und ihr von Dienstagmorgen bis Mittwochnachmittag auf den Zahn fühlen werden. Wer von der RWTH und ihren Mitstreitern - auch die NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze wird zugegen sein - wann und wie lange etwas vorführt oder von den Gutachtern befragt wird, ist genau festgelegt. Das Verfahren ist bei jeder Begehung der 16 Hochschulen identisch, um es möglichst objektiv vergleichbar zu halten.

Für diese zwei Tage haben alle Beteiligten der RWTH, im engeren Kreis etwa zwei Dutzend Personen, seit Monaten geprobt, simuliert, gebrütet, geschwitzt und alle Eventualitäten durchgespielt.

In diesen Stunden müssen sie beweisen, dass sich die RWTH zurecht das Ziel gesetzt hat „bis zum Jahr 2020 eine der weltweit besten integrierten interdisziplinären technischen Hochschulen” zu werden. So hat es Rektor Ernst Schmachtenberg ausgedrückt, als er Ende August den schriftlichen Antrag für diese Exzellenzrunde unterschrieb: „RWTH: Meeting Global Challenges”.

Sich „den globalen Herausforderungen zu stellen”, setzt das bestehende Zukunftskonzept fort. Was die RWTH in der Hinsicht schon geleistet hat, welche Etappenziele erreicht sind, zählt in der Begutachtung mehr als das, was man sich für die weitere Zukunft ausgedacht hat. So will es das Verfahren.

Es gilt also, dass die ganze Mannschaft, gleichsam wie aus einem Mund, in diesen beiden Tagen plausibel machen kann, wie kompetent und über alle Fächer hinweg („integriert”) die RWTH so große Themen wie Energie oder Mobilität, Demografie oder Gender angeht. Und das alles komplett auf Englisch.

Der entscheidende Aufschlag in diesem Spiel kommt dem Rektor selbst zu. Sein Job ist es, in seinem Vortrag, der die ganze Begehung eröffnet, so nachhaltig eindrucksvolle Bilder von der Exzellenz der RWTH zu erzeugen, die eigentlich nicht mehr viele Fragen offen lassen sollen. Genau 20 Minuten Zeit hat er dafür.

Im ersten Anlauf gescheitert

Man darf davon ausgehen, dass diese Rolle intensivst eingeübt ist. „Natürlich bin ich angespannt, die ganze Hochschule ist angespannt. In solchen Dingen gibt es keine Routine. Aber das müssen wir auch aushalten, wenn wir diesen Anspruch haben, eine so exzellente Hochschule zu sein”, sagt Ernst Schmachtenberg.

Eine Gratwanderung zwischen angemessener Nervosität und nötigem Selbstbewusstsein also. Eins nämlich sollte der RWTH diesmal nicht passieren: wegen zu viel Selbstvertrauen aus dem Rennen zu fliegen. Im ersten Anlauf 2006 hatte man sich allzu sehr darauf verlassen, der Weltruf der Aachener Ingenieure würde für den Titelgewinn schon reichen. Das ging gründlich daneben.

Dieser Dämpfer initiierte allerdings die enorme, anhaltende Dynamik in allen Fakultäten wie auch das enge Zusammenwachsen mit dem Forschungszentrum Jülich. Ein Jahr später durfte man noch mal antreten, und so darf sich die RWTH seit 2007 ganz und gar exzellent nennen.

Entscheidung erst im Juni

Diesmal gibt es keine zweite Chance, das muss nächste Woche klappen. Ob das so ist, wird man aber erst fünf lange Monate später erfahren. Am 15. Juni werden die Sieger des Exzellenz-Wettbewerbs bekanntgegeben. Eine ziemlich lange Nervenprobe nach all der Anspannung vor der Prüfung in der nächsten Woche.
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