Aachen - Die Leistung stimmt, der Doktortitel ist das Ziel

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Die Leistung stimmt, der Doktortitel ist das Ziel

Von: Thorsten Karbach
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Zellkulturen geerntet – Doktorhut abgestaubt: FH-Doktorand Matthias Bäcker hat ein Verfahren entwickelt, mit dem es möglich wird, Medikamente günstiger herzustellen.

Aachen. Drei Promotionen sind zu wenig. Auf 100 Bachelorabschlüsse an der FH Aachen kommen 30 Masterabsolventen. Aber eben nur drei Promotionen. Das will Prorektorin Christina Vaeßen ändern. Sie will eine Selbstverständlichkeit ins System bringen. Wenn Erstsemester ihr Studium an der Fachhochschule aufnehmen, dann sollen sie das Ziel haben zu promovieren.

Das ist in ganz Deutschland leichter gesagt als getan. Denn das Promotionsrecht liegt immer noch bei den Universitäten, auch wenn seit Jahren diskutiert wird, es auf Fachhochschulen auszuweiten. Ein paar Bundesländer sind da schon recht weit. Hessen zum Beispiel. In Nordrhein-Westfalen gibt es einen anderen Ansatz, um FH-Studenten den Doktor-Titel näher zu bringen. „Wichtig ist ein Promotionsrecht für Personen und nicht für Institutionen. Wer einen guten Masterabschluss hat, muss auch die Chance zur Promotion haben – egal, ob sie oder er an einer Fachhochschule oder an einer Universität studiert hat. Entscheidend ist, dass Universitäten und Fachhochschulen bei gemeinsamen Promotionen fair miteinander kooperieren. Hier sind unsere Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen aus den aktuell sechs vom Land geförderten Promotionsverbünde von Fachhochschulen und Universitäten gut“, erklärt Wissenschaftsministerin Svenja Schulze.

Um auch FH-Studenten die Chancen zu geben, den begehrten Doktor-Titel tragen zu können, gibt es das sogenannte kooperative Promotionsverfahren. Das haben junge Menschen wie Ulrich Bohren, Patrick Kirchner, Simone Groebel und Matthias Bäcker bei ihren Promotionen erlebt. Die Fachhochschulen wie in ihrem Fall die FH Aachen suchen sich Professor an einer Universität, bei denen ihre FH-Studenten promovieren können. Und dieser Weg wird zunehmend genutzt. Eine Befragung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ergab, dass in den Prüfungsjahren 2009 bis 2011 47 Prozent mehr FH-Absolventen einen Doktorgrad erlangten, als von 2006 bis 2008. Tendenz steigend. Und damit auch der Aufwand.

Es werden immer mehr

An der FH Aachen mag es 2009 15, vielleicht 20 Promotionen gegeben haben. Nun sind es etwa 40. Und es werden mehr. Dafür hat die FH 20 Kooperationspartner im In- und Ausland. Es gibt Verträge mit den Universitäten in Marbug und Hasselt, es wird mit der Universität Brüssel und der medizinischen Fakultät der Universität Köln zusammengearbeitet. Neu ist die kooperative Promotion mit der benachbarten RWTH Aachen.

„Das war vor zwei Jahren noch undenkbar“, sagt Vaeßen, Prorektorin für Forschung, Entwicklung und Technologietransfer. Das Land fordert beispielsweise einen Promotionsverbund zwischen FH und RWTH Aachen zum Thema Alternative Nutzfahrzeugantriebe für LKW und Bus (Sauberer energieeffizienter Straßentransport). Beim Thema „Ressourcengewinnung aus gemischten Abfallfraktionen“ kooperiert die RWTH wiederum mit der FH Münster.

„Die deutliche Zunahme der Promotionen von Fachhochschulabsolventen zeigt, dass die deutschen Hochschulen in der Lage sind, bei aller institutionellen Differenzierung pragmatisch und zielorientiert zu kooperieren“, erklärt HRK-Präsident Horst Hippler. Ideal ist die Situation aber längst noch nicht. Der Ausweg führt oftmals ins Ausland: In Großbritannien promovierten 2010 und 2011 2170 Deutsche.

Es ist durchaus verständlich: Das Promotionsrecht ist für die deutschen Universitäten ein hohes Gut. Erst recht nachdem im Zuge des Bologna-Prozesses die Abschlüsse derart reformiert wurden, dass die Studierenden von Fachhochschulen wie auch Universitäten am Ende einen Bachelor oder Master in der sprichwörtlichen Tasche haben. Absolut vergleichbar. Kein Wunder, dass das Alleinstellungsmerkmal des Promotionsrechts da verteidigt wird.

„Eine zweischneidige Sache“

FH-Prorektorin Christiane Vaeßen kann das verstehen. „Es ist eine zweischneidige Sache. Ich will kein flächendeckendes Promotionsrecht für Fachhochschulen fordern“, sagt sie. Dazu passt die Aussage aus dem Ministerium Schulze. Das Land unterstützt aktuell sechs Promotionsverbünde mit insgesamt neun Millionen Euro.

Besonders gute Absolventinnen und Absolventen einer Fachhochschule soll erstmals so eine Perspektive auf eine strukturierte Promotionsmöglichkeit geboten werden. Damit stärkt das Programm nicht nur die Fachhochschulen sondern erhöht zugleich die Durchlässigkeit des Hochschulsystems. Das Förderprogramm ist Teil eines Maßnahmenpakets, das Wissenschaftsministerin Schulze anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen im Herbst 2011 vorgestellt hatte.

Stärkung des Mittelbaus

Zu dem Maßnahmenpaket zur Stärkung der Fachhochschulen gehört ferner eine Ausweitung des Fächerspektrums der Fachhochschulen, die Verstetigung der Hochschulpaktmittel und die Fortführung des Forschungsförderprogramms für Fachhochschulen sowie die Stärkung des Mittelbaus an Fachhochschulen. In anderen Ländern wird aber sehr wohl konkret diskutiert, besonders starken Disziplinen an Fachhochschulen das Promotionsrecht zu geben. Auch der Wissenschaftsrat hat diese Forderung formuliert. Christina Vaeßen erklärt: „Der Leistungsgedanken ist wichtig. Wir sollten die Ressourcen dorthin tragen, wo sie Sinn machen.“

Ein Qualitätsmerkmal

Die Entwicklung ist klar: Auch an den Fachhochschulen steigt das Interesse unter Studenten wie Professoren, Promotionen auf den Weg zu bringen. Sie sind immer auch ein Qualitätsmerkmal einer Hochschule. „Die Kollegen haben ein großes Interesse an Promotionen. Es dient der wissenschaftlichen Reputation ihres Fachgebietes“, erklärt Vaeßen. Das Rektorat hat in diesem Wissen ein Programm aufgelegt, mit dem kooperative Promotionen gezielt gefördert werden. Es geht um 30-Stunden-Stellen, die am Ende auch den Professor in der Lehre entlasten. Aktuell sind es an der FH Aachen 18 Professoren, die die Doktoranden betreuen.

Bei 12 000 Studenten in Aachen und Jülich bilden 40 Doktoranden natürlich eine kleine Gruppe. Dennoch sind sie vernetzt. Was als sogenannte Graduiertenschaft begann nennt sich mittlerweile kooperatives Promotionskollegs. Es ist eine sich selbst organisierende Gruppe mit Sprecher, die große Wertschätzung genießt. Das wird am 20. November deutlich: Es wird zur Tagung des Forschernachwuchses der FH Aachen eingeladen. Überschrieben ist er „Technische Impulse für die Zukunft“, aufgeboten werden spannende Themen aus Energie, Mobilität, Life Sciences und Produktionstechnik. Beim ersten Tag dieser Art sprach Nobel-Preisträger Peter Grünberg (Physik 2007).

Eine gute Plattform

Es wird ein Tag der Doktoranden aber auch der vielen neuen Kollegen in FH-Reihen. Die Fachhochschule wächst, neue Dozenten stoßen hinzu. „Der Tag ist eine gute Plattform, um zu zeigen, was an so einer Fachhochschule alles geht“, sagt Vaeßen. Zwischen 12.30 Uhr und 17 Uhr stehen unter anderem Vorträge zu Themen wie „Ein Gespür für Plastik“ (Sebastian Schusser), „Beckenboden sucht Implantat“ (Ralf Frotscher) und „Mensch begegnet Maschine“ (Alexander Ferrein) auf der Tagesordnung – und das alles nicht in einem FH-Hörsaal sondern ganz bewusst im bei der Agit im Technologiezentrum am Aachener Europaplatz. „Wir gehen extra vor die Tür, um unsere Themen in die Gesellschaft zu tragen“, erklärt Johannes Mandelartz, verantwortlich für Technologie- und Innovationstransfer an der FH Aachen.

Und die Referenten sind in erster Linie Doktoranden und neue Professoren.

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