Aachen - Das Wintersemester der Superlative endet

Das Wintersemester der Superlative endet

Von: Thorsten Karbach
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Hat auf das falsche Studienfach gesetzt: Erstsemester Lukas Dörrie gefällt zwar das Studieren insgesamt. Er wird sich im Sommersemester dennoch neu orientieren, weil ihn Umweltingenieurwissenschaften nicht begeistern konnten. Foto: Andreas Steindl
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Den Durchblick behalten: Studienanfängerin Phuong Lien Ta hat einen Klausurmarathon hinter sich. Doch letztlich hat sie alle bestanden.

Aachen. Ja, die Begeisterung ist im Laufe des Semesters auf der Strecke geblieben – zumindest die für die Umweltingenieurwissenschaften. Wenn Lukas Dörrie am Ende seines ersten Semesters als Student an der RWTH Aachen in der Pontstraße sitzt und einen Kaffee trinkt, dann liegen Hochs und Tiefs hinter ihm.

Und vor allem die Erkenntnis: Studieren hat ihm gut gefallen, er fühlt sich selbstständiger, hat gelernt, eigenverantwortlicher zu arbeiten, sein Leben selbst zu organisieren. Aber sein Studiengang war unterm Strich die falsche Wahl. „Es hat mich nicht so wie erwartet begeistern können“, sagt er. Am Ende hat er nicht einmal mehr alle Klausuren geschrieben. Er wird das Sommersemester nun nutzen, um Fremdsprachenkurse – möglicherweise Spanisch, auch wenn ihm die osteuropäischen Sprachen noch besser gefallen würden – zu belegen und Praktika zu machen. Erst dann will er entscheiden, wie es weitergeht. Ein Designstudium ist durchaus Thema.

Am Montag hat dieses Sommersemester begonnen. Das Wintersemester ist Geschichte. Es war nicht irgendein Wintersemester. Es war eines der Superlative, weil so viele junge Menschen an die Hochschulen strömten wie nie zuvor, nachdem in Nordrhein-Westfalen der doppelte Abiturjahrgang im Sommer 2013 den Abschluss in der Tasche hatte. 7353 Studienanfänger hatten sich allein an der RWTH Aachen eingeschrieben – unter ihnen Phuong Lien Ta aus Berlin und Lukas Dörrie aus Bad Arolsen, die unsere Zeitung in den letzten Monaten begleitete. Insgesamt zählte die RWTH Aachen im Wintersemester 40.375 Studenten. Das ist ein historischer Höchststand. An der Fachhochschule Aachen waren es 3000 neue Studierende, insgesamt damit mehr als 12.000. Hinzu kommen noch ein paar Hundert an der katholische Hochschule und am Aachener Standort der Kölner Hochschule für Musik und Tanz. Jeder fünfte Einwohner in Aachen ist damit ein Student.

Die meisten hatten zuletzt stressige Wochen – denn es war Klausurphase. Phuong Lien Ta, Erstsemester der Wirtschaftsingenieurwissenschaften, hatte bemerkenswerte sieben Klausuren. Ungezählte Stunden hat sie etwa für Mechanik, Physik der Kristalle und Rechnungswesen in den Lernräumen verbracht, teilweise hat sie sich um 7 Uhr vor der Hauptbibliothek in einer Schlange angereiht, um einen Platz zum Lernen im Gebäude zu bekommen. „Zwischenzeitlich stellte ich mir die Frage, ob ich die Klausuren einfach bestehen oder ob ich gewissenhaft lernen sollte“, berichtet sie. Und weil inmitten der Kommilitonen der Drang allzu groß war, gemeinsam in die Mensa zu gehen, statt Mechanik-Aufgaben zu lösen, verlegte sie ihr Lernen am Ende in ihr Zimmer in den Studententürmen.

Auf elf Quadratmetern

„Dadurch verbrachte ich die letzten zwei Wochen der Prüfungszeit in meiner elf Quadratmeter großen Zelle und verließ das Zimmer nicht mal mehr zum kochen“, erzählt sie. Stattdessen wurde beim Lieferservice bestellt. Es hat sich gelohnt: Die (Lern-)Ergebnisse waren am Ende nach ihrem Geschmack – sämtliche Klausuren hat sie bestanden. „Als die letzte Klausur dann auch vorbei war, stand ich mit Freunden orientierungslos vor dem Hauptgebäude, unschlüssig was nun zu tun sei.“

Von ihren Erlebnissen haben Lukas Dörrie und Phuong Lien Ta in einem Blog berichtet. Diesen Blog wird es weiterhin geben. Dörrie wird diesen im Sommersemester organisieren. Der Blog und vor allem sein Engagement als Posaunist in der Big Band der RWTH haben Dörrie die Freude bereitet, die sein Studienfach vor lauter Mathematik nicht zu bieten hatte. Damit hatte der Erstsemester so nicht gerechnet. Ungewöhnlich ist dies nicht: Er ist bei weitem nicht der einzige Student, der nach einem Semester feststellen muss, dass Erwartungen und Wirklichkeit unabhängig von der Mathematik nicht auf einen Nenner kommen.

Wie kann das verhindert werden? Muss mehr Aufklärungsarbeit im Vorfeld laufen? Auch das ist wesentlicher Bestandteil des Entwurfes des neuen Hochschulzukunftsgesetzes, um welches in den letzten Monaten zwischen dem NRW-Wissenschaftsministerium und vielen Hochschulrektoren vor allem um Transparenz in der Auftragsforschung für die Industrie heftig gestritten wurde. Das Thema Studienabbrecher war dabei unstrittig. An Universitäten lag die Abbrecherquote 2011 im Bachelor bei durchschnittlich 37 Prozent, an den Fachhochschulen bei 26 Prozent. „Wir wollen nicht, dass junge Leute abbrechen. Und wir kümmern uns um dieses Problem“, hat FH-Rektor Marcus Baumann im Interview mit unserer Zeitung gesagt.

Schwieriges Kalkulieren

Studieren fand Lukas Dörrie „auf jeden Fall cool“. „Auch wenn es schwierig ist, richtig einzuschätzen, wie viel Zeit man fürs Lernen einkalkulieren muss“, sagt er. Aber so geht es wohl den allermeisten Studienanfängern. „Was mir Schwierigkeiten bereitete, war eine gewisse Balance zwischen Freizeit und Uni zu finden. Dies war in der Klausurenphase deutlich spürbar“, berichtet dann auch Phuong Lien Ta. Aber so etwas müssen Studienbeginner eben lernen. „Man ist erstmals so richtig auf sich alleine gestellt“, sagt Lukas Dörrie.

Doch nach und nach hatten die Neuen das unbekannte Studentenleben im Griff: die angesichts der Studentenmassen nicht einfache Wohnungssuche, die Krankenkassenwahl, die Finanzierung des Alltags – alles wurde nach und nach gemeistert. Phuong Lien Ta hat an dieser Stelle auch eine eigentlich ungeliebte Vorlesung geholfen: „Was besonders gut verlief, war die Selbstverwaltung, insbesondere hinsichtlich der Finanzen. Ich war einfach finanzbewusster, was ich wahrscheinlich – wie viel Stöhnen und Ächzen ich diesem Fach auch zuschreibe – Rechnungswesen zu verdanken habe“, sagt sie.

Unterm Strich steht auch für die Hochschulen ein Semester, in dem zumindest die Öffentlichkeit mit mehr Problemen gerechnet hat: Überfüllte Hörsälen, chaotische Klausuren und ellenlange Mensaschlangen. „Ziemlich problemlos“, so RWTH-Prorektor Aloys Krieg, sei das Semester tatsächlich gelaufen. Ebenso an der FH. Die Hochschulen verdienten sich damit bei den meisten Studierenden Bestnoten. Und jetzt im Sommersemester ist Zeit zum Durchschnaufen, erfahrungsgemäß gibt es da nur vereinzelt Studienanfänger, der nächste große Schwung kommt zum Wintersemester 2014/2015, im Herbst.

Phuong Lien Ta ist nun im zweiten Semester angekommen. Sie will mehr Sport treiben, in die Fachschaftsarbeit hineinschnuppern, die Etagenküche im Studentenwohnheim verschönern und für einen Florenz-Urlaub sparen. Und natürlich im Studium weiter kommen. Und Lukas Dörrie weiß nun, Fächerwahl hin oder her, wie Studieren tatsächlich läuft. Und das ist eine unbezahlbare Erfahrung.

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