Aachen - Archäologisches Fenster so teuer wie vier Porsche

Archäologisches Fenster so teuer wie vier Porsche

Von: Robert Esser
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Teurer Hingucker: Der Blick auf Mauerreste aus dem 12. Jahrhundert durch ein archäologisches Fenster am Templergraben soll 240.000 kosten - die Fertigstellung ist für 2010 geplant. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Für 240.000 Euro bekommt man vier brandneue Porsche Spyder, zwei Doppelhaushälften in Haaren - oder in Aachen ein zwei mal zwei Meter großes archäologisches Fenster. Am Templergraben, vor dem noch jungen RWTH-Gebäude „Semi90”, soll der Blick durch den neuen Bürgersteig unter den uralten kaiserstädtischen Boden fallen.

Dort ruhen die Reste einer sogenannten Kontermauer, mit der Friedrich I. Barbarossa ab dem Jahr 1171 den Wehrgraben vor der Stadtmauer befestigen ließ.

„Dieser Fund ist ein wichtiges Puzzlesteinchen der Aachener Befestigungsgeschichte”, sagt Archäologe Frank Goldschmidt. „Er dürfte einzigartig sein.”

So einmalig, dass die Hochschule deswegen laut Goldschmidt im Jahr 2006 den „Semi90”-Neubau nicht wie geplant in der Flucht der Nachbarhäuser, sondern einige Meter versetzt errichten ließ.

Ohne Beispiel sind auch Aufwand und Kosten, die der archäologische Befund drei Jahre später verursacht. Auf fast eine Viertelmillion Euro taxiert RWTH-Baudirektorin Gabriele Golubowitsch das archäologische Fenster inzwischen.

„Zwei Drittel werden von Sponsoren finanziert, ein Drittel teilen sich Hochschule und Stadt Aachen”, rechnet Golubowitsch vor. Wobei der städtische Anteil tatsächlich wohl doch etwas höher ausfällt.

Laut Aussage des Presseamts „wurde der Kostenanteil der Stadt vertraglich auf 90.000 Euro festgesetzt und im Rat am 12. Dezember 2007 beschlossen”. Damit würde also allein aus dem notorisch klammen Stadtsäckel schon mehr als ein Drittel der Gesamtkosten fließen. Das war vor zwei Jahren.

Insgesamt wird das archäologische Fenster am Templergraben mindestens zwölf mal so teuer wie das bescheidene Pendant an der Ecke Jakobstraße/Klappergasse. Dort hatte die Stawag die Kosten geschultert und den Blick durch ein bronzenes Gehäuse mit Glasscheibe auf Mauerwerk aus dem 10. Jahrhundert und eine Blausteinrinne aus dem 15. und 16. Jahrhundert ermöglicht.

Noch simpler - und entsprechend billiger - fiel die mittelalterliche Pau-Kanalabdeckung an der Rennbahn aus.

In die Vollen greift die Stadt indes ab Herbst 2010 im Elisengarten: Dort will man der Öffentlichkeit in einem ovalen Pavillon namens „Archäologische Vitrine” - 2,75 Meter hoch, 60 Quadratmeter groß - spektakuläre keltische, römische und mittelalterliche Funde präsentieren.

Stadtarchäologe Andreas Schaub hatte dort schon im Sommer massenhaft Grabungspublikum angelockt. Die Investitionssumme für die Vitrine als buchstäblichen Hingucker der Stadtgeschichte bezifferte Planungsamtschefin Christiane Gastmann zuletzt auf 574000 Euro.

Begehbare Glasplatte

Warum die vergleichsweise winzige RWTH-Version des archäologischen Fensters am Templergraben mit 240000 Euro schon gut 40 Prozent des Vitrinen-Bauwerks im Elisengarten kosten soll?

RWTH-Projektleiter Silvester Baron erklärt, dass der Schutz vor Witterungseinflüssen, Feuchtigkeit und Vandalismus teuer zu Buche schlage. Gerade erst konnten die zentimeterdicke Glasplatte, die aus Sicherheitsgründen begehbar sein muss, und der Metallsockel in Auftrag gegeben werden.

„Das ist eine extrem komplexe Angelegenheit. Wir hätten das nie erwartet”, räumt Baron ein. Archäologe Goldschmidt weist auf die aufwändige Klimatechnik hin: „Sie muss einerseits den Schutz des historischen Gemäuers gewährleisten und andererseits so ausgerichtet sein, dass die Scheibe nicht beschlagen kann.”

Mit der Fertigstellung des archäologischen Fensters wird nicht vor Februar 2010 gerechnet. Derzeit laufen die Pflasterarbeiten und die Installationen der LED-Bodenleuchten an der „Semi 90”-Front. Erst dann wird auch endgültig feststehen, ob man mit den 240.000 Euro ausgekommen ist.
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