Von wegen „World Wide”: Die digitale Kluft ist noch lange nicht passé

Von: Alexander Gajic, epd
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Frankfurt a.M. Das weltweite Datennetz „World Wide Web” (WWW) verbindet Menschen auf dem ganzen Globus miteinander - im Idealfall. Die Idee dazu entwickelte der Brite Tim Berners-Lee vor 20 Jahren am CERN-Institut in Genf.

Die Einstiegsschwelle ist niedrig, das WWW ist für den Nutzer intuitiv zu bedienen. Es verspricht eine globale Vernetzung von Wissenskultur über nationale wie soziale Grenzen hinweg.

Doch die Wirklichkeit, die der Utopie gegenübersteht, sieht anders aus. Lag in Industrieländern wie Deutschland oder den USA der Prozentsatz der Internetnutzer aus der Gesamtbevölkerung 2007 nach Zahlen der Internationalen Telekommunikations-Union (ITU) bei über 70 Prozent, in Gesamteuropa immerhin bei 44 Prozent, so nutzen in Afrika im Schnitt noch nicht einmal sechs Prozent der Menschen das weltweite Netz, in Asien sind es 14 Prozent.

„Die Grenzüberschreitung, die das Internet verspricht, wird überall stark eingeschränkt”, sagt Kai Hafez, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Uni Erfurt. Die Nutzung von Technik sei letztendlich doch eine Frage des Reichtums. „Man muss sich nur bewusstmachen, dass die Hälfte der Menschheit noch nie ein Telefonat geführt hat, um zu sehen, wie groß die Unterschiede sind.”

Experten sprechen dabei von der „digitalen Kluft”. Auch die Vereinten Nationen haben sich auf ihren Gipfeln zur Informationsgesellschaft in Genf 2003 und Tunis 2005 mit dem Thema beschäftigt. In den dort gegründeten freiwilligen Fonds, der bis 2015 die Hälfte der Weltbevölkerung an das Internet anschließen soll, wurde bisher erst zaghaft eingezahlt.

Doch die mangelnde weltweite Vernetzung hängt nicht nur am Budget der einzelnen Staaten. „Afrika ist viel ländlicher strukturiert als beispielsweise Europa”, meint Uwe Afemann, der in der Gesellschaft für Informatik zur Fachgruppe „Informatik und Dritte Welt” gehört. In ländlichen Regionen Afrikas hätten gerade einmal 15 Prozent der Menschen Elektrizität. Unter solchen Bedingungen würden sich selbst einzelne Internetrechner in Gemeinschaftszentren nicht lohnen, weil die Infrastruktur deren Nutzung zu sehr einschränkt.

Andere Staaten schränken den Zugang zum Internet selbst ein. Nach dem Jahresbericht der Organisation „Reporter ohne Grenzen” von 2008 blockieren weltweit 37 Länder Teile des WWW. Zu den größten Internet-Zensoren gehören Syrien, China und der Iran.

Das zunehmende babylonische Sprachengewirr im Netz ist eine weitere Hürde für freie Nutzung. Trotz seines weltweiten Anspruchs organisiere sich das Internet immer mehr innerhalb regionaler Sprachräume, sagt der Kommunikationswissenschaftler Hafez. Bald sei Chinesisch im Netz weiter verbreitet als Englisch. Eine universelle Vernetzung sei mehrsprachigen Info-Eliten vorenthalten. Afemann verweist auf eine Analphabetenquote von über 60 Prozent in Ländern wie Indien.

Doch gibt es auch positive Entwicklungen. „Für Flüchtlinge und Migranten, beispielsweise in Amerika, ist das Internet ein Segen, um den Kontakt mit der Heimat zu halten”, sagt der Informatiker Afemann. Internettelefonie ermögliche kostengünstige Kommunikation mit Videoübertragung. Und Webseiten heimischer Zeitungen erlaubten es den Exilanten, sich auch aus der Ferne über lokale Ereignisse zu informieren.
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