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Phänomen Facebook: Das Internet im Internet

Von: Marc Heckert
Letzte Aktualisierung:
Phänomen Facebook: Das Interne
Phänomen Facebook: Das Interne

Palo Alto. Manche Zahlen muss man zweimal lesen, um ihre Bedeutung ganz zu begreifen. Etwa diese: 500 Millionen. So viele Mitglieder hat das Online-Netzwerk Facebook nach eigenen Angaben. Soll heißen: Von den knapp sieben Milliarden Menschen auf der Welt ist eine halbe Milliarde dort angemeldet.

Für die meisten von ihnen ist die Seite Zeitvertreib, Spielwiese, Plapperplattform, manchmal auch lukratives Geschäftsmodell. Für andere ein undurchschaubares, datenhortendes Monster, das selbst Google harmlos und transparent wirken lässt.

Facebook boomt. Kein anderes Internetprojekt hat eine derartige Erfolgskurve zu verzeichnen, kein anderes ist in so kurzer Zeit so wichtiger Teil der Lebenswelt so vieler Menschen geworden. Auf der Seite werden millionenfach Freundschaften geschlossen, gelebt und beendet, Sensationen und Gerüchte verbreitet, Witze weitererzählt, Fotos und Videos geteilt - und privateste, manchmal allerprivateste Informationen preisgegeben. Die internen Nachrichten- und Chatfunktionen sind für viele Nutzer längst wichtiger als E-Mail und Telefon. Facebook: Das ist das Internet im Internet.

„Datenschutz? Fehlanzeige!”

Und der Höhenflug hält unvermindert an. Die Mitgliederzahl strebt der 600. Million entgegen. Immer mehr Unternehmen nutzen eine Präsenz im weltgrößten Social Network. Die Zahl der Software-Spiele (Apps), die von externen Firmen und Programmierern angeboten werden, hat die halbe Million überstiegen, vom Marktführer „Farmville” bis zum Quiz „Bist du ’ne rischtije Öscher Jong/Öscher Mädsche?”. Durch Fortsätze wie den „Gefällt mir”-Knopf, der auf jeder Internetseite eingebunden werden kann, positioniert sich Facebook als zentrale Bewertungsinstanz im Netz.

Facebook ist aber noch etwas: ein Millionenmarkt. Die Frage, wie die gigantischen Investitionen in die technische Infrastruktur - die Rede ist von 740 Millionen Dollar - wieder eingespielt werden können, drängt. Denn ein Dukatenesel ist die Seite bis heute nicht, auch wenn ihr Wert auf etwa zehn Milliarden Dollar geschätzt wird und sie inzwischen nach Google als zweitbeliebteste Webseite der Welt gilt.

„Facebook ist kostenlos und wird es auch immer bleiben”, liest der Benutzer beim Einloggen. Was ihn freut, treibt die Marketingstrategen am Firmensitz im kalifornischen Palo Alto dazu, anderweitig nach Erlösquellen und Partnern zu suchen. Erst vor wenigen Tagen ging Facebook eine Kooperation mit dem Softwarekonzern Microsoft ein und übernimmt dessen Suchmaschine Bing.

Facebook polarisiert. Mit dem Erfolg der Seite wächst auch die Kritik an ihr. Erst am Wochenende sorgte ein Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) für Empörung: Darin wurde demonstriert, wie leicht sich durch das Eingeben einer E-Mail-Adresse die persönlichen Bekanntschaften des Betreffenden auskundschaften lassen. Mit Hilfe eines automatisierten Adressbuchabgleichs kann Facebook sogar Daten von Menschen sammeln, die nicht Mitglied sind und auch nicht sein wollen. „Datenschutz? Fehlanzeige!” schrieb FAS-Autor Stefan Tomik.

Opfer dieses Phänomens war wenige Tage zuvor bereits Google-Chef Eric Schmidt geworden. Unter seinem Namen hatte sich Michael Arrington, der Gründer des amerikanischen Blogs „Techcrunch”, bei Facebook registriert und im Nu Kontakte zu mehreren bekannten Persönlichkeiten der Internet-Szene geknüpft. Selbst in den USA, wo das Thema Datenschutz weitaus lockerer gehandhabt wird als hierzulande, sorgte das für Aufsehen.

Doch es kam noch dicker. Das Wall Street Journal fand jetzt heraus, dass viele der beliebten Software-Apps Mitgliederdaten an externe Firmen weiterleiten. Darunter waren das mit 59 Millionen Nutzern beliebteste Spiel „Farmville”, die „Texas Hold’Em”-Poker-Anwendung und der Familienplaner „Family Tree”. „Die vom ,Journal’ untersuchten Apps sandten Facebook-ID-Nummern an mindestens 25 Werbe- und Datenunternehmen”, stellte die Zeitschrift fest. In einer ersten Reaktion sperrte Facebook mehrere der Apps.

Facebook ist ein Phänomen - trotz aller Mängel. Als der gerade 20-jährige Informatikstudent Mark Elliot Zuckerberg 2004 auf die Idee kam, für seine Kommilitonen an der Eliteuniversität Harvard eine Art Jahrbuch (englisch: Facebook) mit persönlichen Profilseiten ins Internet zu stellen, löste er eine Lawine aus. Seit sich das Netzwerk im September 2006 - vor gerade vier Jahren - auch für Nicht-Harvard-Studenten öffnete, stieg die Mitgliederzahl nicht nur, sie explodierte regelrecht.

Deutschen Markt aufgerollt

Die deutschsprachige Version ging im Frühjahr 2008 an den Start. Der Markt hierzulande - seinerzeit fest in den Händen des einstigen Facebook-Abbilds StudiVZ - wurde geradezu aufgerollt. Ende September dieses Jahres waren bereits elf Millionen Deutsche registriert. Damit ist jeder Achte von rund 82 Millionen Bundesbürgern an Bord.

Facebook ist längst Teil des deutschen Alltags - und der deutsche Alltag ist Teil von Facebook. In unzähligen Mitgliedergruppen bündeln sich Reaktionen auf aktuelle Geschehnisse und Trends. So hat sich etwa eine Gruppe („Findet Mirco”) der Suche nach dem verschwundenen Elfjährigen aus Grefrath verschrieben, eine andere („Ich liebe das Pontviertel!”) der Liebe zur Aachener Gastromeile. Meist steigt die Mitgliederzahl in diesen Sammelbecken von Empörung, Witzischkeit und Nonsens proportional zur öffentlichen Aufmerksamkeit für das jeweilige Thema - um nach kürzester Zeit ebenso schnell abzuflauen.

Der neue Kinofilm „The Social Network” zeichnet Facebook-Mitgründer Zuckerberg als düsteren, egoistischen Computerfreak. Ob er das ist, sei dahingestellt. Dumm ist der jüngste Milliardär der Welt jedenfalls nicht. Er wird wissen, wie gefährlich die Nachlässigkeiten beim Datenschutz für den Aufstieg seines Netzwerks werden können - zur neuen Nummer eins am Internethimmel.
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