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Musiker 2.0: Mikrofon, Gitarre, Computer und Handy

Von: Patrick T. Neumann, dpa
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Cannes. Den richtigen Ton treffen? Selbstverständlich. Ein Instrument spielen? Standard. Notenkenntnisse? Geschenkt. Musiker und Sänger des 21. Jahrhunderts müssen mehr beherrschen als ihr Handwerk. Kreativität und musisches Talent sind eine Sache; Geschäftssinn, Technologie-Wissen und soziale Netzwerkkompetenz die andere.

Das Zeitalter des Web 2.0, des interaktiven Mitmach-Internets, verlangt den Musiker 2.0 - so wie Amanda Palmer von der US-Band The Dresden Dolls. „Ich blogge, ich twittere, ich tausche mich im Forum mit meinen Fans aus und bin über Facebook und MySpace mit ihnen verbunden. Das ist im digitalen Zeitalter ein Muss”, sagt die 33- Jährige, die auch solo Musik macht.

„So erreiche ich einen harten Kern von 10.000 bis 20.000 Fans.” Gerade für Musiker, die eine Nische besetzen - und das tun die Dresden Dolls mit ihrer Mischung aus Punkrock und Kabarett - ist der direkte Kontakt zur Fanbasis lebensnotwendig. Und so hat Palmer als Nischenmusikerin beim Kurzmitteilungsdienst Twitter immerhin mehr als 380.000 Anhänger (Follower), die jede ihrer Mitteilungen direkt bekommen.

US-Star Pharell Williams, vom „Billboard”-Magazin zum Musikproduzenten des Jahrzehnts gekürt, geht noch einen Schritt weiter. Er sieht sich nicht nur als Musikschaffenden, sondern als Rundumkünstler und Geschäftsmann: Er investiert in eine Firma, die aus recycelten Plastikflaschen Klamotten und Taschen herstellt (Bionic Yarn), versucht sich als Stuhldesigner, hat die Website hhtp://www.artst.com („Artst ohne i, denn es geht um euch, nicht um mich”) gegründet, auf der sich junge Kreative aus Musik, Film, Mode oder Kunst der Webgemeinde präsentieren können. „Als Künstler musst du im Netz sichtbar sein und wahrgenommen werden”, sagt der 36-Jährige, der schon Hits für Madonna, Britney Spears oder Beyoncé produzierte.

„Du musst die digitale Technologie annehmen und lernen, sie für dich zu nutzen. Ein Großteil der Musikindustrie hat das leider lange Zeit ignoriert” - und das Potenzial verkannt. Das Geschäft mit digitaler Musik wächst zwar weiterhin (im vergangenen Jahr weltweit um zwölf Prozent), kann aber die Verluste im traditionellen CD-Markt nicht ausgleichen. Durch die CD-Brennerei und den illegalen Tausch von Musik im Netz halbierte sich der globale Umsatz der Plattenbranche im vergangenen Jahrzehnt von knapp 37 Milliarden auf rund 18,5 Milliarden Dollar.

Der 30-jährige Pete Wentz ist auch so ein Musiker 2.0: Als Bassist und Songschreiber der US-Band Fall Out Boy steht er für erfolgreichen Alternative Rock, als Geschäftsmann betreibt er ein Plattenlabel, hat eine Filmproduktionsfirma und besitzt Nachtclubs. Digital vernetzt ist er sowieso. „In der Band nutzen wir Blogs seit unserer Gründung 2001. Aber mit der rasanten Entwicklung der Technologie sind wir mehr und mehr auch in anderen Online-Netzwerken aktiv”, erklärt er. „Wir nutzen unsere Fans aktiv, um neue Songs zu promoten”, der Effekt von Mund-zu-Mund-Propaganda sei im Internet gigantisch.

Dem stimmt Gina Bianchini, Geschäftsführerin der Netzwerk- Plattform Ning, zu - doch eines sei unverzichtbar: „Authentizität ist wichtig. Wenn ein Künstler nicht authentisch ist und einfach irgendein Marketingtyp von der Plattenfirma bloggt, merken das die Fans sofort. Sie wollen einen direkten Kontakt zu ihrem Idol und nicht zu einem Manager.”

Wentz selbst will sich aber nicht zum Web-2.0-Sklaven machen: „Ich bin eine eher langweilige Person und habe immer Angst, zu viel von mir preiszugeben. Also twittere ich nur, wenn ich mich danach fühle und schreibe auch nur etwas in meinen Blog, wenn ich etwas zu sagen habe.” Seine Musikerkollegin Palmer ist da schon anders drauf: „Ich bin ständig in Verbindung - ich habe gleich nach dem Aufstehen eine Mitteilung bei Twitter geschrieben und noch zehn Sekunden vor meinem Auftritt hier auf der Bühne”, sagt sie in Cannes vor den Branchenexperten beim Musik-Internet-Kongress Midemnet, der am Samstag die internationale Musikmesse Midem einleitete.

Und am Ende geht es dann doch wieder um das Eigentliche, die Musik: Nur mit einer Ukulele ausgerüstet spielt sie offline und unplugged den Radiohead-Song „Creep” - mit viel Gefühl und 100 Prozent Authentizität.
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