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Mit dem Buschmesser durchs Infodickicht

Von: Bernd Büttgens
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Schon mal etwas von „turi2.de” gehört? Medienmacher werden diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Der große Rest sagt nein. Typisch Internet! Denn der Medienjournalist und Blogger Peter Turi besetzt mit seinem Branchendienst eine Nische.

Und in dieser Nische ist er eine gesetzte Größe. Binnen 18 Monaten ist er mit seinem achtköpfigen, über Deutschland verteilten Team von Null durchgestartet.

Das Erfolgsgeheimnis basiert auf drei Säulen. Zweimal täglich informiert Turi - inzwischen 18.000 - deutsche Medienmacher per Newsletter über Neuerungen in der Branche. Vertieft werden die Nachrichten im Blog turi2.de. Und angereichert wird dieses Angebot mit einem eigenen Web-TV-Angebot, einem ausgesprochen beliebten Branchenfernsehen.

Peter Turi, der mit dem „Kressreport” 1996 schon ins Netz ging und für das Webangebot („täglichKress”) mit dem Preis für Medienpublizistik 1998 geehrt wurde, spricht im Interview über seine heutige Arbeit, neue Wege der Nachrichtenaufbereitung und auch über die aktuellen Entwicklungen in den Medien.

Die Marke turi2.de ist in kürzester Zeit zu einem Markenbegriff in der Medienwelt geworden. Warum wird Ihr Newsletter inzwischen von 18000 Medienmachern - Tendenz steigend - täglich gelesen?

Turi: Ganz einfach: „turi2” zu lesen, spart Zeit! Und darauf kommt es an, denn unsere Zielgruppe, die Medienmacher, sind schon von Berufs wegen eher mit zuviel als mit zu wenig Informationen unterwegs. Wir gehen mit dem Buschmesser durch den Info-Dschungel und werten alle weltweit relevanten Tageszeitungen, Fachdienste, Websites und Blogs aus und präsentieren das Wichtigste daraus so knapp und pointiert formuliert, dass der Leser in zwei Minuten bestens informiert ist. Im Wortsinne ein „Dienst”, den wir der Branche erweisen. Außerdem integrieren wir Wortwitz und eine klare Haltung, auch einen Schuss Sarkasmus - ohne den ist die Medienbranche meines Erachtens kaum zu ertragen.

Wieviel Arbeit steckt hinter dem Newsletter, der zweimal täglich einen aktuellen Überblick über die gesamte deutsche Medienbranche gibt? Lesen Sie mitten in der Nacht Zeitung?

Turi: Ja, wir lesen ein halbes Dutzend Zeitungen nachts, gedruckt wie auch in elektronischer Form, dazu alle wichtigen Online-Quellen in Deutschland und den USA. Insgesamt steckt viel mehr Arbeit in dem Dienst, als man ihm ansieht. Zwei Mitarbeiter arbeiten von 20 Uhr an bis nach Mitternacht vor, dann übernehmen zwei Kollegen um 5.30 Uhr, und um 8 Uhr muss alles fertig sein. Tagsüber betreuen zwei weitere Mitarbeiter die Spätausgabe.

Sie arbeiten in einem Kellerbüro in Walldorf im Rhein-Neckar-Kreis, Ihre sieben Kollegen sitzen in vielen deutschen Städten am heimischen PC. Hätten Sie es vor zwei Jahren für möglich gehalten, dass man mit einem technisch überschaubaren Aufwand und mit einer Kommunikationsstruktur, die nur über Internet läuft, eine solche Wirkung erzielen kann?

Turi: Nein, nicht wirklich. Ich dachte, ohne Verlag und Kapital im Rücken wirst Du es wohl kaum schaffen, die Branche auf deine Website aufmerksam zu machen. Mit der Investition und Überwindung, morgens um 5 Uhr aufzustehen - anfangs übrigens ganz alleine - und einen Newsletter bis zum Frühstück fertig zu stellen, kam der Durchbruch. Als ich dann merkte, dass auch die notwendigen Anzeigen zur Finanzierung meiner Arbeit zu kriegen sind, war es klar: Es geht, man kann aus dem Keller heraus eine Branche bewegen.

Verlagert sich die gesamte Berichterstattung früher oder später ins Netz? Wie lange wird es noch gedruckte Informationen geben?

Turi: Ich hoffe sehr, dass es noch lange, lange Zeit gedruckte Medien wie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher geben wird. Ich selbst bin ein großer Fan gedruckter Qualität, lese täglich vier gedruckte Zeitungen, alle erreichbaren Zeitschriften und Fachtitel, wann immer ich Zeit habe auch Bücher. Man muss aber ganz klar sagen, dass für das Nachrichtengeschäft das Internet das ideale Medium ist. Das Web ist schneller, spezieller, breiter, demokratischer und bunter als jedes andere Medium.

Dem liegt eine rasante Entwicklung zugrunde.

Turi: Allerdings. Weil immer mehr Nutzer - und dem folgend auch die Werbekunden - ins Netz abwandern, stellt sich für viele Zeitungen und Zeitschriften die Frage, wie lange Gedrucktes sich noch refinanzieren lässt. Bei der Nutzung von Print glaube ich an folgende Faustformel: Je nachhaltiger, zeitloser und wertvoller die gedruckte Information ist, desto größer die Chance, dass sie auch in Zukunft weiter gedruckt wird. Ein guter Roman wird meines Erachtens auch in 100 Jahren noch auf Papier gelesen werden. Aber bei schnellen Informationen ist die digital vermittelte Information, die ich auf einem verbesserten Handy lesen kann, mit Tönen und Videos angereichert, wohl die Zukunft. Spätestens in 20 Jahren wird auch Ihre Zeitung als gedrucktes Medium Geschichte sein.

Naja, warten wir´s ab. Noch sind Sie ja unter anderem auf die Ware von uns Printkollegen angewiesen. Reicht es Ihnen eigentlich, die Texte anderer auszuwerten, zu sortieren, zu verdichten und mit Link versehen zu veröffentlichen? Wo bleibt die eigene kreative journalistische Arbeit?

Turi: Einerseits ist das Sammeln und Verdichten - und manchmal auch Kommentieren - ja eine kreative und auch originäre journalistische Arbeit. Andererseits haben wir ja auf der Website auch kreative Ecken, in denen die Redakteure sich austoben können. Mit 47 Jahren nochmal Video-Interviews neu zu lernen, war zum Beispiel eine ordentliche Herausforderung für mich. Ansonsten ist es auch eine schöne Aufgabe, jungen Kollegen beizubringen, dass es eine größere Kunst ist, kurz und klar zu schreiben als lang und breit.

Welche Trends können Sie derzeit in der Medienbranche ausmachen? Wie offensiv gehen etwa Zeitungshäuser mit den bewegten Bildern in den eigenen Online-Angeboten um, dem so genannten Web-TV?

Turi: Im Moment beherrscht die Krise alle Gespräche. Zwar ist diese Krise eigentlich eine Wirtschaftskrise, aber die ausbleibenden Anzeigen treffen die Medien besonders stark. Zumal es seit Jahren bei allen Zeitungen, Zeitschriften, Radios und TV-Sendern eine schleichende Erosion von Zuschauern und Werbekunden gibt. Beide wandern zunehmend ins Internet. Dort aber sind die klassischen Medien ganz neuer Konkurrenz ausgesetzt: Da gibt es Google, Videoseiten wie YouTube, Communities wie MySpace und StudiVZ - insgesamt also eine Inflation an Konkurrenten. Dadurch sinken die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer und die Werbebudgets der Unternehmen. Eine zweifache Drucksituation, auf die noch kein Medium eine wirklich befriedigende Antwort gefunden hat.

Die Antwort heißt Konzentration, zusammengelegte Redaktionen, weniger Personal.

Turi: Ja, auf dem Zeitungsmarkt erfolgt eine Konzentration. Jüngstes Beispiel ist die WAZ-Gruppe. Die gedruckten Medien haben ihre goldenen Jahre und Jahrzehnte hinter sich und müssen jetzt die Kosten den gesunkenen Einnahmen anpassen. Das ist eine schlichte Notwendigkeit in Zeiten schrumpfender Umsätze, aber keine Lösung für die Zukunft. Ich fürchte, es gibt für die Medien auch keine Lösung bei dem Strukturwandel - sie müssen sich wohl damit abfinden, dass sie nicht mehr die Hauptfigur, sondern nur ein Mitspieler sind im Informationsgeschäft, das mittlerweile nach ganz anderen Gesetzen abläuft. Web-TV zum Beispiel ist für Verlage nur einer von vielen Versuchen, und wohl kaum ein Ausweg aus der grundsätzlichen Misere.

Sie selbst haben ja auf „turi2.de” das tägliche Web-TV-Angebot, ein Branchenfernsehen, das interessante Interviewpartner zu Wort kommen lässt. Was reizt Sie an dieser Spielart des Online-Journalismus? Ist das rentabel?

Turi: Uns reizt, dass es neu ist - Branchenfernsehen, das kannte man ja noch nicht. Es macht Spaß, bringt Aufmerksamkeit und inzwischen auch einige Einnahmen. Es wird aber noch dauern, bis es ein Geschäft wird. Vielleicht wenn das Internet und damit unser Web-TV mal problemlos auf jedermanns Standard-Fernseher zu sehen ist. Wenn die Medienleute dann am Abend auf dem Sofa sagen: Mal vor der Tagesschau schnell gucken, was „turi2.tv” bringt, dann haben wir gewonnen. Denn wo viele Mediennutzer sind, kann ich Werbung verkaufen.

Welche Bedeutung wird journalistisch aufbereiteten Newslettern zukommen, die eine bestimmte Branche beleuchten? Vor allem mit Blick auf künftige Handys mit perfekten perfekten Mobile-Funktionen haben, wie Blackberry und iPhone das schon vormachen?

Turi: Moderne Handys sind als Medienendgeräte gar nicht zu unterschätzen. Kaum etwas tragen die Menschen näher bei sich als ihre Handys. Für mich ist deshalb klar, dass eine neue Mediengattung entstehen wird, sozusagen eine Handy-Zeitung. Das Internet macht das Wissen der Welt zugänglich, iPhone und Co. bringen dieses Wissen in die Hosentasche. In Zukunft kann ich alles, jederzeit, überall und sofort sehen.

Bauen Sie Ihr Geschäft aus? Gibt es Pläne?

Turi: Ja, wir reden mit einige Verlagen über neue Dienste. Ich verrate nur soviel: Warum soll der Sportfan, Manager, Politiker nicht morgens um 8 Uhr schon einen Überblick über sein Interessensgebiet per Handy kriegen? Auf dem Handy muss natürlich alles kürzer und prägnanter formuliert, sowie gut ausgewählt sein - und genau das ist dann unser Job.

Branchendienste im Journalismus: Das Wettrennen läuft

Keine aktuelle Erfolgsstory im Netz ohne Nachahmer oder Wegbegleiter. So ist das auch bei turi2. Inzwischen können die Journalisten im deutschsprachigen Raum unter einem guten halben Dutzend Anbietern auswählen. Hier drei Testbeispiele:

kress.de: Ein Branchendienst mit Tradition. Kress nennt sich selbst den professionellen Begleiter für Profis in der Medien-, Werbe- und Kommunikationsbranche. Die Schlagworte im Netz gelten wohl für alle: aktuell, kompetent und hintergründig. Die Produkte sind der gedruckte „kress report”, das Internetangebot „kress.de” und das Nachschlagewerk „kress köpfe - die wichtigsten Manager in Medien und Werbung”. Die Homepage ist schlicht und funktional, der Newsletter vollgepackt.

Oder DWDL.de: Bei DWDL.de setzt man auf das mobile Portal „DWDL to go” und auch auf die Newsletter. Die Redaktion stellt heraus, dass der Newsletter am Morgen (10.45 Uhr) die TV-Einschaltquoten des Vortages und die Quotenvorhersage für den kommenden Abend liefert. Am Nachmittag gegen 16.45 Uhr folgt der Klassiker: „3 Viertel 5” informiert kompakt über die wichtigsten Themen der Medienbranche. Die Homepage ist vollgepackt. Erstaunlich, wie viele neueste Meldungen man auf eine Startseite packen kann.

Oder meedia.de: Eine flott gemachte Homepage, die stark an Zeitung online erinnert, setzt klar auf Ordnung und Leserführung. Im Test unserer Zeitung die ausführlichste Medien-Site mit einem sehr klar strukturierten Blick auf die Branche. Blogs, Interviews, Quoten, Videos, neue Sites - hier findet man alles zur Branche, auch einen gut gemachten Newsletter.

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