Limburg/Bonn - Knigge 2.0: Streit um Etiketteregeln für Facebook und Co.

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Knigge 2.0: Streit um Etiketteregeln für Facebook und Co.

Von: Christof Kerkmann, dpa
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Handy / Benimm / Umgangsformen
Alte Regeln, neue Welt - die modernen Kommunikationsmittel haben vieles im zwischenmenschlichen Umgang verändert. Foto: dpa

Limburg/Bonn. Telefoniere nie in einer öffentlichen Toilette. Mache bei Facebook nichts öffentlich, was Dir in zwei Jahren peinlich wäre. Und belästige den Chef nicht Bildern vom Ballermann. Regeln wie diese haben Konjunktur: Benimm-Experten und Politiker fordern neue Umgangsformen für das digitale Zeitalter oder stellen selbst ihren Knigge 2.0 auf. Über deren Wert herrscht jedoch Uneinigkeit: Sind sie eine echte Hilfe - oder die Wiedergabe purer Selbstverständlichkeiten?

Die Suche nach Orientierung kommt nicht von ungefähr. Zum einen ist der Umgangston im Internet oft rau - gerade wenn Nutzer sich anonym zu Wort melden können, etwa in den Kommentaren von Blogs oder Nachrichtenportalen. Zum anderen sind StudiVZ, Facebook und Twitter für viele ein neues und unübersichtliches Gelände, die Nutzerzahlen heben erst seit zwei Jahren richtig ab.

Darauf hat der Deutsche Knigge-Rat reagiert, der sich auf Adolph Freiherr Knigge, den Vater aller Benimmregeln, beruft. Ein Kodex mit zwölf Punkten soll bei der „stilvollen Kontaktpflege durch soziale Medien” helfen. Und die Deutsche Telekom postuliert auf der Website „eEtiquette” gar „101 Leitlinien für die digitale Welt”.

Als Zielgruppe des Knigge 2.0 sieht Benimm-Experte Rainer Wälde nicht die Jungen. „Wer bereits souverän mit Sozialen Netzwerken umgeht, benötigt keine Stilanleitung. Aber Menschen, die vor 1980 geboren wurden, sind bei Facebook und Twitter oft unsicher.” Gerade unter den Älteren macht der Vorsitzende des Deutschen Knigge-Rates zudem eine „Technik-Naivität” aus: „Die junge Generation geht deutlich restriktiver mit ihren Daten um.”

In der heutigen Zeit ist es allerdings gar nicht so einfach, allgemeingültige Regeln zu formulieren. Das wird zum Beispiel an den Ratschlägen für den Umgang mit Kollegen und dem Chef deutlich. Die Stilfibeln empfehlen, Beruf und Privates nicht zu vermischen. „Nutzer sollten Privates nur dosiert preisgeben und Schutzzonen einrichten”, sagt etwa Wälde.

In den Knigge-Regeln heißt es: „Überlegen Sie sich vorab, welche Kontakte Sie über welches Netzwerk pflegen möchten. Ihre Kunden sind nicht unbedingt Ihre Freunde und empfinden diese Bezeichnung vielleicht als unpassend oder zu intim.” Damit Berufliches und Privates nicht durcheinander geht, dürfe man Freunschaftsanfragen in Sozialen Netzwerken ruhig ignorieren, heißt es in der e-Etiquette der Telekom. Und natürlich solle man nur Bilder ins Netz stellen, die die eigene Mutter nicht schockieren würden.

Nicht jeder Netznutzer teilt diese Auffassung. „Das widerspricht ziemlich drastisch der Lebenswirklichkeit all jener Kreativer, die antreten, ihre Person als Marke zu etablieren”, schreibt etwa der Blogger Jakob Jochmann, der interkulturelle Kommunikation studiert hat. Der „Knigge 2.0” sei eine holzschnittartige Handlungsanweisung, die unbedarfte Nutzer in die Irre führen könne, wenn er sie im falschen Kontext anwende. „Das gesellschaftliche Umfeld eines Webdesigners unterscheidet sich nun einmal auch im Internet von dem eines Antiquitätenrestaurateurs.”

Auch das US-Magazin „Wired”, das seit Jahren die Diskussion über digitale Kultur prägt, rät ein bisschen flapsig zu einer entspannten Einstellung in Sachen Datenschutz. Wer seltsame Fotos oder Kommentare selbst offenlege, begrenze deren Wirkung. „Zeige, dass Du Dich nicht zu ernst nimmt, und Du provozierst automatisch weniger Spott.”

Als gute Diskussionsgrundlage sieht dagegen der Blogger Stefan Pfeiffer die Regelwerke. Die Kritik daran sei zu kurz gegriffen, weil „jede seriöse Aufklärung zu 100 Prozent begrüßenswert” sei - egal von wem. „Das ist dann aber (hoffentlich) kein feststehendes Werk, sondern ein Knigge, an dem laufend im Wiki-Stil gemeinsam gearbeitet wird”, schreibt der Darmstädter, der für den Computerkonzern IBM arbeitet.

Auf der Suche nach Orientierung waren Internetnutzer übrigens auch schon früher. Einen „Netiquette”-Leitfaden formulierte schon 1995 die Internet Engineering Task Force (IETF), die sich mit der technischen Weiterentwicklung des Internets beschäftigt. Soziale Netzwerke wie Facebook gab es damals noch nicht, doch viele Regeln dürften heute immer noch Bestand haben. Eine Kostprobe: „Bedenke, dass eine große Gruppe Deine Posts sieht. Das könnte Deinen aktuellen oder zukünftigen Chef einschließen.”
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