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„Internet Manifest”: 17 Behauptungen sorgen für reichlich Wirbel

Von: Christian Meier (Leitet das Digital-Ressort des Medien-Branchendienstes „kressreport”)
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„Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. ” Das ist eine der 17 Behauptungen, mit denen die 15 Autoren des „Internet-Manifests” für heftige Debatten sorgen. Zu den Initiatoren gehört auch der inzwischen zur Kultfigur des Netzes avancierte Werber Sascha Lobo. Foto: ddp

Berlin. Um fünf vor zwölf am Montag dieser Woche veröffentlichte eine Gruppe von Journalisten und Internet-Experten ein „Internet-Manifest”. 17 knapp gehaltene „Behauptungen” sollen erklären, „wie Journalismus heute funktioniert”. Ein Text mit Sprengkraft. In den Thesen heißt es unter anderem, Medien müssten ihre Arbeitsweise „der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen”.

Technologische Realität, das bedeute vor allem, dass die sogenannten Rückkanalfunktionen des Internets genutzt werden müssen.

Die Unterzeichner stellen den Dialog mit dem Leser, im Netz auch Nutzer genannt, ganz oben an. In der gelegentlich verschwurbelten Sprache des Manifests heißt das pathetisch: „Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.” Das Web habe die technologischen Grenzen zwischen Profis und Amateuren aufgehoben, heißt es in einem Punkt. Vereinfacht gesagt: In der Welt des Internets ist jeder seine eigene Zeitung oder sein eigener TV-Sender. Die Veröffentlichung und Verbreitung von Informationen und Meinungen war noch nie so einfach und günstig wie heute - und die Kosten sinken weiter.

Das Selbstverständnis des Journalismus werde seiner „Schlüssellochfunktion” beraubt, glauben die 15 Unterzeichner. Übersetzt: Früher setzten die Journalisten alleine über ihre jeweiligen Medien die Themen, die an die Öffentlichkeit drangen. Heute stehen Türen und Tore offen.

Lobo, Knüwer und Co.

Am Manifest mitgewirkt haben unter anderem die Blogger Stefan Niggemeier („Bildblog”), Markus Beckedahl (netzpolitik.org), Thomas Knüwer (Handelsblatt) und der Berater Sascha Lobo. Weitere in der Web-Szene bekannte Namen haben an den 17 Thesen gearbeitet.

Doch warum überhaupt ein solches Manifest? Eine Reihe der Thesen zielen auf Veröffentlichungen wie die „Hamburger Erklärung”, die mittlerweile über 150 Verlage im In- und Ausland unterzeichnet haben. Dort heißt es unter anderem: „Im Internet darf es keine rechtsfreien Zonen geben.” Verleger wie Hubert Burda und Mathias Döpfner von der Axel Springer AG („Bild”) haben wiederholt ein so genanntes Leistungsschutzrecht für Verlage im Internet eingefordert. Dies bedeutet, dass Verlage für ihre Inhalte, die im Netz veröffentlicht werden und von anderen Anbietern im Netz aufgegriffen und aufbereitet werden, Geld sehen wollen. Verleger Burda sprach beispielsweise von einer „schleichenden Enteignung” der Verlage durch Suchmaschinen wie beispielsweise Google und seinen Dienst Google News.

Das Leistungsschutzrecht

Die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht keimt exakt zum Zeitpunkt der Finanzkrise auf, die für viele Verlage vor allem eine Anzeigenkrise ist - immer weniger Werbung wird geschaltet. Im Internet sind die Umsätze der Medien mit Werbung vergleichsweise gering. Immer fraglicher wird, ob sich Qualitätsjournalismus auf herkömmlichem Wege im Internet finanzieren lässt, denn Nutzer zahlen für Nachrichten und Informationen der Portale von Zeitungen und Zeitschriften in der Regel nicht. Wer wie Google verlagseigene Meldungen verlinkt und im Internet auffindbar macht, soll nun dafür zur Kasse gebeten werden.

Die Internet-Manifestler können einer Forderung nach einem Leistungsschutzrecht, die auch SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier unterstützt, nichts abgewinnen. „Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen”, behaupten die Autoren. Man müsse nur die Geschäftsmodelle anpassen. Eine „Politik des Bestandsschutzes” sei keine Lösung.

Stattdessen setzen die Netz-Vordenker auf eine „Link-Ökonomie”. Prinzip: Wer seine Inhalte im Netz frei anbietet und möglichst oft auf andere dazu passende Inhalte verlinkt, wird mit großer Reichweite belohnt, denn auch andere Angebote werden ihrerseits auf die Inhalte verweisen. Und Reichweite, so funktionierten Medien bislang, schafft Erlösströme, zum Beispiel durch Werbung.

Das Aufstellen des Manifests durch die in der Mehrzahl frei arbeitenden und von Großverlagen unabhängigen Netz-Experten ist willkommen. Hier wird Meinungsvielfalt demonstriert und werden eigenständige Positionen gegenüber traditionellen Medienunternehmen formuliert. Dennoch sind die 17 Behauptungen unterm Strich kein großer Wurf.

Sie sind zu großen Teilen weder neu noch originell oder radikal. Der Dialog mit dem Leser und Nutzer, das Internet als der Sieg der Information, das Netz als Ort des politischen Diskurses - eine ganze Reihe von Medien hat das alles längst verstanden und seine Online-Auftritte danach ausgerichtet. Nicht alle Medienunternehmen sind so rückschrittlich, wie die Verfasser in ihrem Manifest behaupten.

Die Veröffentlichung des Manifests hatte inner- und außerhalb des Internets ein großes Echo. Zu Stimmen, die eine grundsätzliche Positionsbestimmung der Netz-Gemeinde begrüßen, mischte sich Kritik. „Selbstverständlichkeiten”, „Altbekanntes”, „Allgemeinplätze”, ist in Online-Kommentaren zu lesen. Es geht auch deftig: „Es wäre jetzt einfach wunderbar, wenn sich die selbst erklärten Superchecker zusammensetzten, ein Medium nach ihrer eigenen Kompetenz schaffen und dann zeigen, dass sie mehr als nur die Klappe aufreißen können”, bloggt etwa „Don Alphonso” auf blogbar.de

Fazit: Zu Manifesten gehört die Provokation. In diesem Fall geht der Duktus allerdings ohne Grund zum Oberlehrertum über. Doch Journalismus wird am Besten nicht erklärt, sondern gemacht. Jeden Tag aufs Neue.
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