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Gratis-WLAN für Kneipe und Nagelstudio: Freifunk floriert

Von: Marc Heckert
Letzte Aktualisierung:
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Es darf gesurft werden: Der weiße Aufkleber am Schaufenster weist auf kostenlos nutzbares WLAN hin, hier in einem Sushi-Restaurant in der Aachener Pontstraße. Foto: Marc Heckert

Aachen. Wer dieser Tage die Aachener Pontstraße entlangbummelt und nach kostenlosen WLAN-Zugangspunkten Ausschau hält, braucht nicht weit zu laufen: Auf der Gastromeile reiht sich ein Hotspot mit dem Namen „Freifunk“ an den nächsten. Die Zahl dieser Gratis-Netze im Stadtgebiet, im vergangenen September noch bei ganzen sieben Stück, hat sich in den vergangenen Monaten vervielfacht.

Mittlerweile stehen weit über 300 Router in Kneipen, Arztpraxen, Nagelstudios und sonstigen Geschäfts- und Privaträumen; in der Städteregion sind es mehr als 400. Die von ehrenamtlichen Enthusiasten getragene Bewegung für ein freies Internet floriert.

Keine Passwörter, keine AGB

Warum der weiße Hotspot-Aufkleber der Freifunk-Community an so vielen Kneipentüren prangt, erklärt Markus Loos, Betreiber des Café Kittel: „Die Leute kommen hier rein und haben sofort WLAN, das ist einfach großartig.“ Nachdem er das Kult-Café im vergangenen Jahr übernommen hatte, wollte er seinen Gästen freies Internet anbieten. Er entschied sich für die nichtkommerzielle Lösung des Vereins Freifunk – auch, weil die Nutzer dabei keine komplizierten Passwörter notieren oder erst Nutzungsbedingungen akzeptieren müssen. Und wer als Kunde einmal in einen Freifunk-Zugang eingeloggt war, dessen Smartphone verbindet sich in der nächsten Kneipe automatisch mit dem dortigen Wifi-Netz.

Vor allem aber ist der Betreiber des Gratis-WLANs aus der sogenannten Störerhaftung befreit, die das deutsche Recht vorsieht. Das Haftungsrisiko trägt der Freifunk Rheinland e.V., über dessen Leitungen der Datenverkehr – in Form einer sogenannten VPN-Tunnelverbindung – abgewickelt wird. Wer Freifunk-WLAN anbieten will, braucht eigentlich nur einen eigenen Internetzugang, einen der zwischen 15 und 75 Euro teuren Freifunk-Router und eine Steckdose zum Anschließen.

Das weiß auch Stefan Wohnig zu schätzen, Inhaber des Café und Bar Zuhause in der Sandkaulstraße. „Wir haben von Anfang an WLAN angeboten“, sagt er. „Anfangs haben die Gäste dafür noch unseren eigenen Zugang genutzt.“ Doch das wurde ihm schnell zu gefährlich. Seit Wohnig drei Freifunk-Router für Gastraum, Garten und Kegelbahn aufgestellt hat, ist er das Risiko los. „Und die Gäste haben den Vorteil, dass sie sich problemlos einwählen können und keine Gutscheine oder Passwörter brauchen.“

Erster Preis beim Vereinswettbewerb

Die Karte der Zugangspunkte auf www.freifunk-aachen.de, auf der die einzelnen Hotspots mit gelben Punkten markiert sind, lässt Teile der Aachener City wie eine Blumenwiese aussehen. Auf dem Katschhof etwa hat der Bürger die Qual der Wahl, ob er über die Netze der Bürgerbüros von SPD, FDP, Grünen, Piraten oder Linken – letztere ist derzeit allerdings offline – surfen will. Außer der CDU sind somit alle Ratsfraktionen dabei.

In Düren ist sogar das Surfen im Rathaus selbst möglich: Die Stadt hat gleich mehrere Router in Bürgerservice und Verwaltung aufgestellt – es sind inzwischen die meistgenutzten in der ganzen Region. Interesse bekundet haben auch Stadtverwaltungen und Politiker in Herzogenrath, Baesweiler, Linnich und Jülich. Selbst im ländlichen Selfkant funken bereits die ersten Router.

Die Freifunker verstehen sich als Open-Source-Bewegung, etwa wie die Wikipedia, die Open-Maps-Landkarten oder das Firefox-Browser-Projekt. Der Verein trägt sich vor allem von Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Da hat die gut 30 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Aachener Community im Februar eine besondere Anerkennung besonders gefreuet: den ersten Preis beim Vereinswettbewerb der Beteiligungsplattform unserAC, der lokale Inititativen prämierte.

Inzwischen ist ein eigenes „Street Team“ in den Reihen der Aachener dafür zuständig, Gewerbetreibende von den Vorteilen des Modells zu überzeugen – was zeitweise so gut funktionierte, dass die Infrastruktur der Nachfrage nicht mehr gerecht wurde. Erst die Einrichtung neuer Server für die Region Aachen knackte den Flaschenhals.

Teilweise Probleme beim Anmelden

Trotzdem knirscht es hier und da noch. Nicht in jedem Biergarten etwa ist der Empfang gleich gut, berichten Gäste – erst recht bei Hochbetrieb. Niki Förster, Betreiberin des Café Einstein am Lindenplatz und seit Jahresbeginn mit einem Freifunk-Router dabei, zieht eine gemischte Bilanz. „Es hatten doch einige Gäste Probleme, sich anzumelden“, berichtet sie, sagt aber auch: „Grundsätzlich finde ich die Idee super.“ Für Problemfälle bieten die Aachener Freifunker technische Hilfe an, Kontakt gibt es über die Webseite.

In der nächsten Ausbaustufe will die Initiative verstärkt Privatpersonen ins Boot holen, kündigt Felix Bosseler an, IT-Projektmanager und so etwas wie der Sprecher der Aachener Gruppe. „Die haben natürlich auch den Vorteil, dass ihre Gäste und Besucher  dann nicht über ihr WLAN surfen.“ Wenn also, sagt Bosseler, die Tante beim nächsten Besuch ihres Neffen nach dem WLAN-Passwort gefragt wird, könne ihre Antwort sein: Nimm doch den Freifunk, Junge.

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