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Digitale Mündigkeit soll „Datenfresser” in die Schranken weisen

Von: Peter Zschunke, dpa
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Constanze Kurz - Chaos Computer Club
Constanze Kurz (Foto) und Frank Rieger, die Autoren des am 12. April erscheinenden Buches „Die Datenfresser” machen sich im Chaos Computer Club (CCC) seit Jahren Gedanken über die gesellschaftlichen Folgen digitaler Technik. Foto: dpa

Berlin. Wenn das der Gesundheitsminister liest: In einem Szenario für das Jahr 2021 überträgt die Waage im Bad das gemessene Gewicht direkt an die Krankenkasse. Und der „NikeGoogle-Fitness-Manager” registriert jede sportliche Bewegung - wer nur auf der Couch liegt, muss mit einem höheren Tarif rechnen.

Dieses Schreckensbild einer durchdigitalisierten Gesellschaft malen Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem am Dienstag erscheinenden Buch „Die Datenfresser”.

In ihrer Vision für 2021 erfassen Kameras und Gesichtserkennung jeden Schritt und verknüpfen die Daten zusammen mit den im Internet aufgezeichneten Spuren zu umfassenden Persönlichkeitsprofilen.

So weit ist es noch nicht. Aber Ansätze sind zumindest vorstellbar. „Profile sind nützlich, um uns gezielt zum Kauf von mehr nutzlosem Tand oder interessanteren Büchern zu verleiten, uns effizienter zu verwalten und dazu, zukünftiges Verhalten zu prognostizieren”, schreiben die beiden Autoren.

Sie machen sich im Chaos Computer Club (CCC) seit Jahren Gedanken über die gesellschaftlichen Folgen digitaler Technik. Ihre Sorge gilt vor allem dem Geschäftsmodell von Internet-Unternehmen wie Google und Facebook, das darauf beruht, persönliche Daten ihrer Nutzer so aufzubereiten, dass Werbekunden ihre gewünschte Zielgruppe ansprechen können.

Wie sich der Appetit solcher „Datenfresser” entwickelt, beschreibt das Buch in einem weiteren Szenario, das in der Gegenwart spielt. Hier sammelt ein Online-Netzwerk für Haustierhalter möglichst viele Nutzerdaten und stellt sie nicht nur der Werbewirtschaft oder Herstellern von Haustierbedarf zur Verfügung, sondern bei Bedarf auch den Behörden. Schließlich wird das kleine Startup-Unternehmen verkauft und mit der Konkurrenz zusammengelegt - dabei interessiert sich der Käufer nicht für das mühsam gestaltete Web-Portal, sondern allein für die Nutzerdaten.

Scharf kritisiert wird von den Autoren die unter dem Schlagwort „Post-Privacy” entstandene Strömung, die den Schutz der Privatsphäre in der Internet-Gesellschaft für überholt erklärt. Wegen der Verflechtung von Informationen im Netz könne der Umgang mit Anhängern dieser Richtung, so meinen Kurz und Rieger, „im Ernstfall ähnlich riskant sein wie intimer Umgang mit habituellen Safe-Sex-Verweigerern”.

Neben Unternehmen sind auch staatliche Behörden am Zugriff auf Nutzerdaten interessiert, wie die Autoren anhand der weiter andauernden Debatte zur Vorratsdatenspeicherung und der Einführung biometrischer Daten auf Ausweisdokumenten ausführen. Constanze Kurz und Frank Rieger warnen, dass „die Datenwährung, mit der wir faktisch für all die kostenlosen Internetdienste und auch für das Versprechen von mehr staatlicher Sicherheit bezahlen, uns später noch viel teurer zu stehen kommt, als wir momentan annehmen”. Sie raten daher zu einer „ganz privaten Balance zwischen den Interessen des Individuums und den Möglichkeiten einer vollvernetzten Welt”.

Im Szenario 2021 tauchen Hacker und Öko-Extremisten auf, die ihre eigenen Wege gefunden haben, sich der digitalen Rundumerfassung zu entziehen. Eine Möglichkeit: Die Wege in der Stadt mit dem Fahrrad zurücklegen und dabei Handy und Bewegungsmesser ausschalten. Aber auch schon jetzt ist ein bewusster Umgang mit den eigenen Daten angebracht.

Zur Gegenwehr gegen die „Datenfresser” empfehlen Kurz und Rieger unter anderem genau zu prüfen, welche Informationen für die Nutzung einer Internet-Dienstleistung wirklich erforderlich sind, - bei nicht unbedingt erforderlichen Feldern eines Online-Formulars Phantasiedaten einzutragen, - ein Pseudonym anstelle des wirklichen Namens zu verwenden, - sich mehrere solcher Identitäten zuzulegen, - in Sozialen Netzwerken die Einstellungen zur Privatsphäre restriktiv zu gestalten, - Daten von Freunden nicht ohne deren Einverständnis weiterzugeben - und bei Internet-Unternehmen Auskunft über die zur eigenen Person gespeicherten Daten zu beantragen.

Dem kritischen Blick der Autoren fällt streckenweise die differenzierte Betrachtung zum Opfer. Das Netz erscheint hier nur noch als „Spielwiese vielfältiger kommerzieller Anbieter”, das „mit jedem Jahr mehr zum bloßen Wirtschaftsraum degradiert”. Die Chancen, die das Netz bietet, um gemeinsam gesellschaftliche Antworten auf Datenmissbrauch zu finden, werden in diesem Manifest kaum sichtbar.

„Wir haben versucht, die Technologien und ihre Risiken und Unwägbarkeiten konkret und für jeden verständlich darzustellen, indem wir auch die Motivation und Interessenslagen hinter der neuen digitalen Datensammelwut beleuchten”, antwortet Constanze Kurz auf die Frage der Nachrichtenagentur dpa nach der Zielsetzung der „Datenfresser”.

Die Gesellschaft stehe vor der Herausforderung, neue soziale Konventionen, Spielregeln und Umgangsformen für die digitale Datenwelt zu finden. „Das Buch fordert daher auch nicht zum Netz-Eremitentum auf, sondern versucht, Wege aufzuzeigen, wie man aktiv zu seiner eigenen digitalen Mündigkeit finden kann.”
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