Aachen - Cloud Computing - was wirklich zählt

Cloud Computing - was wirklich zählt

Von: Joachim Hackmann
Letzte Aktualisierung:
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Aachen. Die Migration von IT in die Cloud ersetzt Kapitalkosten (Capex) durch Betriebskosten (Opex). Aber macht das den IT-Betrieb günstiger?

Die Debatte um die wirtschaftlichen Vorteile des Cloud Computings wird intensiv geführt und spitzt sich häufig auf den Capex-Opex-Vergleich zu. Doch dieser Konflikt ist lediglich ein Vorwand dafür, den eigentlichen Widerspruch in der Unternehmens-IT zu verdecken, kritisiert IT-Berater Bernard Golden, CEO der auf Virtualisierungslösungen spezialisierten Consulting-Firma HyperStratus, in der US-amerikanischen CW-Schwesterpublikation „cio.com”. Seinen Beitrag zum Thema haben wir hier für Sie dokumentiert:

„Hinter dem Capex- und Opex-Vergleich steht die strategische und nur schwer zu beantwortende Frage nach der Zukunft der IT: Wollen Unternehmen Betreiber und Eigentümer einer IT samt der dafür erforderlichen Anlagen und Installationen sein? Oder wollen Sie IT auf Anlagen und Installationen betreiben, die externen Providern gehören?

Immer noch versprechen Anlagen im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar und viele für den Betrieb und die Weiterentwicklung erforderliche Mitarbeiter dem IT-Verantwortlichen Prestige. Sie verleihen ihm jedenfalls mehr Bedeutung, als die Betreuung eines externen Providers, der mit einer mächtigen Installation samt Expertenmannschaft die IT für das Unternehmen betreibt. In einer ernsthaft betriebenen Cloud-Umgebung wäre es sogar konsequent, wenn man die Infrastruktur- und Betriebs-Teams komplett auflösen und die Steuerung sowie Kontrolle des externen IT-Lieferanten der Anwendungsbetreuung übergeben würde. Die IT-Betriebsmannschaft bliebe mit einem sich nach und nach reduzierenden Verantwortungsbereich und einer schwindenden Installationsbasis auf der Strecke.

So sähe eine konsequente Umsetzung aus. Dass es dazu selten kommt, nährt den Verdacht, dass die Debatte rund um die Kosten eigentlich von emotionalen Motiven ablenken möchte, der Capex-Opex-Vergleich wird als Kriegsschauplatz vorgeschoben. Wie auch immer, ein Großteil der Diskussion scheitert daran, die Implikationen der zwei grundverschiedenen Modelle zu ergründen, und die Debatten sparen auch aus, wie die Zukunft von IT-Applikationen in den zwei unterschiedlichen Betriebsmodelle aussieht.

Die alles entscheidende Aufgabe lautet: Wie findet man die richtige Methode, die gewährleistet, dass den Fachabteilungen die bestmöglichen Applikationen zur Verfügung stehen? Letzten Endes zählen nur die Anwendungen, nur mit ihnen kann IT wirklich Mehrwerte für das Unternehmen schaffen.

Doch die Capex-Opex-Debatte konzentriert sich derzeit auf die Wirtschaftlichkeit der beiden Modelle, daher zunächst einige Gedanken dazu: Ein Vorteil des Opex-Modell ist der Verzicht auf langfristige Bindung. Beendet ein Nutzer die Arbeit mit den Cloud-Ressourcen, stehen sie dem Provider wieder zur erneuten Vermietung bereit. Es liegt in der Verantwortung des externen Betreibers, für eine wirtschaftliche Auslastung der Anlagen zu sorgen.

Die fehlende Verpflichtung hat den finanziellen Vorteil, dass sie die Anwenderunternehmen von erheblichen, langfristigen Investitionen entbindet. Richtig ist aber auch, dass die Nutzer für eine genutzte Ressource bezogen auf eine Maßeinheit (etwa je Gigabyte Speicher oder je CPU-Minute) in dem Mietmodell mehr zahlen, als im Eigenbetrieb. Ein Blick auf andere Branchen zeigt, dass das ein übliches Vorgehen ist. Besonders anschaulich ist das Beispiel einer Autovermietung: Der Mieter geht nur eine zeitweilige Geschäftsverbindung mit dem Vermieter ein. Während dieser Zeit übersteigt der Stunden- oder Tagespreis den entsprechenden Vergleichswert eines Autobesitzers. Solange der Automieter das Fahrzeug nur kurzzeitig benötigt, fährt er günstiger, weil er sich den teuren Kauf und Unterhalt spart.

Die wichtigste Erkenntnis lautet demnach: Nicht die Kosten je Maßeinheit entscheiden darüber, welches Modell günstiger ist, sondern die finanziellen Belastungen über die gesamte und tatsächliche Nutzungsdauer hinweg. In der IT sind demnach nur die Kosten relevant, die für die Beanspruchung aller erforderlichen Ressource anfallen, solange die Anwender auf Applikationen zugreifen. Eine solche Erhebung ist allerdings deutlich komplizierter und aufwändiger als ein einfacher Vergleich je Maßeinheit.

Für eine umfassenden Betrachtung bedarf es zunächst einmal einer tragfähiger Einschätzung darüber, wie intensiv Anwendungen über einen definierten Zeitraum - typischerweise je Monat - zur Verfügung stehen müssen: In anderen Worten: wie viele Stunden pro Monat wird die Applikation tatsächlich genutzt? Wie viel Speicherplatz wird benötigt? Wie viel Datentransfer verursacht die Anwendung?

Zum zweiten müssen die Preiseinheiten relativ berechnet werden. In einer Umgebung, die zehn Gigabyte Speicher bereitstellt, ist ein Gigabyte Storage teurer als in einer Installation mit zehn Terabyte.

Zum dritten sind die unterschiedlichen Verbrauchsmuster entscheidend, denn in ruhigen Phasen ist der Bedarf gering, im Saisongeschäft dagegen sehr groß. Typischerweise werden Finanzapplikation zum Monatsende sowie jeweils vor Quartals- und Jahresabschlüssen intensiv genutzt und müsse verlässlich zur Verfügung stehen. Hinzu kommen unerwartete, nicht-zyklische Spitzenauslastungen, wenn etwa eine veränderte Gesetzeslage Nacharbeiten erfordert.

Hinter der gesamten Erhebung steht ein kniffeliger Vergleich der TCO - wobei die Abkürzung in diesem Fall nicht „Total Cost of Ownership” (Gesamtkosten für den Besitz) sondern „Total Cost Operation” (Gesamtkosten für den Betrieb) meint.

Für viele Verbrauchsprofile ist das Mietmodell in der Betrachtung der aggregierten Nutzung attraktiver, selbst wenn einzelne Verbrauchseinheiten vergleichsweise teurer sind. Bezogen auf das Beispiel Autovermietung: Selbst wenn die Tageskosten eines Mietautos die des gekauften Fahrzeugs übersteigen, spart der Mieter unterm Strich Geld, wenn das Auto an nur fünf Tagen die Woche gefahren wird.

Doch die Einsparung hat ihren Preis, denn die wirtschaftliche Bewertung einer zeitweiligen Nutzung ist deutlich komplizierter, weil die variablen Kosten schwerer zu prognostizieren und zu berechnen sind. Naturgemäß kostet der der Besitz von IT-Ressourcen unabhängig vom Nutzungsprofil immer das Gleiche, egal, ob die Anlagen tägliche mehrere Stunden oder nur einmalig wenige Minute je Monat genutzt werden.

Zudem fallen weitere indirekte Kosten an, die die Kalkulation beeinflussen und verwässern: Das Mietauto muss erst gefunden, Papiere unterschrieben, das Auto abgeholt und zurückgebracht werden. Der Mieter muss sich entscheiden, welche Optionen er nutzt, etwa was zusätzliche Versicherungen betrifft. Mögliche Aufwendungen lassen sich steuerlich absetzen, auch das muss erledigt werden. Wirtschaftswissenschaftler Ronald Coase prägte für diesen Aufwand den Begriff „Transaktionskosten”. Er bekam für die Entdeckung und Erklärung dieser indirekten Aufwendungen den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften. Beispiele sind Anbahnungs-, Vereinbarungs- und Anpassungskosten.

Doch auch der Eigenbetrieb ist nicht frei von Zusatzaufwand. Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahrzehnten enorm viel Geld investiert, um Applikationen einzuführen, anzupassen, zu konsolidieren und zu harmonisieren und sie wieder abzulösen. Vielerorts wurde den Anwendern der Aufwand zu groß, sie haben die Installationen einmalig installiert und möglichst unverändert weiter genutzt. Für Provider von Mietsoftware bietet dieser „set-and-forget”-Ansatz kein tragfähiges Geschäftsmodell.

Cloud-Interessenten suchen bei der wirtschaftlichen Berechnung oft die Schwelle zur minimalen Nutzungsdauer. James Staten, Cloud-Analyst bei Forrester bezeichnet diesen Ansatz als „down and off”: Wer für den laufenden Betrieb zahlt, neigt häufig automatisch dazu, die IT-Ressourcen nur so weit in Anspruch zu nehmen, dass die funktionalen und performanten Anforderungen noch erfüllt werden. Gibt es keinen Bedarf, die Ressource zu nutzen, wird sie herunter gefahren. Sobald sie wieder benötigt wird, fährt man sie wieder hoch.

Der organisatorische Aufwand für ein solches Ressource-Management ist in der Regel viel zu hoch. Der Einfachheit halber legen IT-Organisationen meistens beim Opex-Capex-Vergleich daher einen Vollzeitbetrieb zugrunde, der sich wiederum an der Maximalausstattung in Spitzenzeiten orientiert. Das ist sinnvoll und nachvollziehbar weil der Verwaltungsaufwand und die Berechnung einer ständigen zu- und abgeschalteten Anwendung jedes Betriebsmodell ad absurdum führen würde.

Doch das ist der Status Quo, der auf Dauer nicht haltbar ist. In vernünftig aufgesetzten Cloud-Umgebung stehen Werkzeuge bereit, die die Ressourcen automatisch bereit- und abstellen, der Vorgang lässt sich dabei sogar von der jeweiligen Applikation selbsttätig ohne manuellen Eingriff auslösen. In einer solchen Umgebung schwinden die Transaktionskosten erheblich, so dass „down and off” praktikabel wird.

Mit einem solchen Ansatz verändert sich aber auch das Berechnungsmodell grundlegend, weil sich der Ressourcenverbrauch bei der Nutzung von Applikationen deutlich zugunsten der Cloud-Variante verschiebt. Es ist absehbar, dass Entwickler ihre Applikationen künftig so gestalten, dass sie einige grundlegende IT-Ressourcen dauerhaft beanspruchen und auf andere Ressourcen nur bedarfsweise je nach Nutzungsaufkommen zugreifen.

Unterm Strich verliert mit einem solchen dynamischen Zugriff auf benötigte IT-Ressource eine heute gängige Annahme an Gewicht: Sie besagt, dass die einzig zulässige Herangehensweise die ist, für eine finanzielle Analyse die Vollauslastung in Spitzenzeiten zu betrachten. Damit wäre auch die Annahme obsolet, die den Eigenbetrieb standardmäßig als bessere Lösung erachtet.”

© IDG / In Zusammenarbeit mit computerwoche.de
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