Berlin - Tödlicher Leichtsinn: Unfallgefahr auf Landstraßen wird unterschätzt

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Tödlicher Leichtsinn: Unfallgefahr auf Landstraßen wird unterschätzt

Von: Philipp Laage, dpa
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Die meisten Unfalltoten waren 2011 auf Landstraßen zu beklagen. Oft gibt es keine Leitplanke - wenn der Wagen von der Spur abkommt, landet er nicht selten direkt vor einem Baum. Foto: dpa

Berlin. Eine sonnengeflutete Allee, daneben blüht es auf den Feldern. Und vor einem auf der Landstraße: freie Bahn. Das kann schnell dazu verführen, aufs Gas zu drücken. Das rächt sich aber schnell.

Die Idylle ist trügerisch: Drei von fünf Verkehrstoten (61 Prozent) waren 2011 laut Statistischem Bundesamt auf Landstraßen außerorts zu beklagen. Die Opferzahl stieg dort im Vergleich zum Vorjahr am stärksten an - ein Plus von 10,6 Prozent. Landstraßen sind damit der gefährlichste Ort im Straßenverkehr. „Das wird von vielen nicht so wahrgenommen”, hat Oliver Reidegeld von der Deutschen Verkehrswacht in Berlin beobachtet.

Sven Rademacher vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) sieht das ähnlich: „Landstraßen sind eine unterschätzte Gefahr.” Weil die Landschaft schön sei, hätten viele Verkehrsteilnehmer ein gutes Gefühl. Unsicher fühlten sich Autofahrer eher auf der Autobahn, wegen der hohen Geschwindigkeit, erklärt Reidegeld. „Statistisch gibt es dafür keinen Grund.”

Auf Landstraßen ist die Hauptunfallursache meist eine „nicht angepasste Geschwindigkeit” - also zu schnell für die Verkehrsverhältnisse, unabhängig vom Tempolimit. „Das Geschwindigkeitslevel ist immer noch zu hoch”, sagt Rademacher. „Da haben wir ein Problem auf den Landstraßen.”

Es gibt aber auch deshalb so viel Unfälle, weil Fahrer das eigene Tempo und das der anderen Verkehrsteilnehmer falsch einschätzen: „Das ist ein Wahrnehmungsproblem. Man erkennt nicht unbedingt, mit welcher Geschwindigkeit der andere unterwegs ist”, erläutert Rademacher. Besonders gefährlich ist das bei Überholmanövern: „Viele Autofahrer unterschätzen die Meter an Strecke, die sie zum Überholen brauchen.”

Ein Gefahrenherd sind Abbiegungen und Kreuzungen. Dort treffen Autos und Motorräder mit ganz unterschiedlichem Tempo aufeinander. Darüber hinaus liegen viele Abzweigungen hinter Kurven oder Kuppen und sind damit schlecht einzusehen. „Querverkehr ist auf Landstraßen am gefährlichsten”, meint Achim Kuschefski vom Institut für Zweiradsicherheit (IFZ) in Essen. „Oft ist es so, dass das einbiegende Auto das Motorrad übersieht.”

Ein Grund dafür, dass Unfälle auf Landstraßen vergleichsweise häufig tödlich enden, dürfte die schlechte bauliche Sicherung entlang der Strecke sein. „Wenn Sie die Kontrolle über den Wagen verlieren, ist da keine Leitplanke, die Sie schützt”, erklärt Reidegeld. Der Autofahrer landet im besten Fall im Feld, im schlechtesten Fall jedoch direkt vor einem Baum oder im Gegenverkehr. „Da hilft auch das beste Auto nichts mehr”, sagt Rademacher. Motorradfahrer sind am schlechtesten geschützt, weil sie überhaupt keine Knautschzone haben.

Die richtige Einschätzung der Geschwindigkeit hat viel mit Erfahrung zu tun. Die Deutsche Verkehrswacht nimmt bei ihren Präventionskampagnen gerade junge Fahrer im Alter bis 24 Jahre ins Visier. Das soll auch sogenannten „Disco-Unfällen” vorbeugen, bei denen Jugendliche nachts am Wochenende verunglücken und häufig schwer verletzt werden oder sterben. „Die Fahrer wollen sich oft beweisen. Sie müssen nicht einmal etwas getrunken haben”, sagt Reidegeld.

Biker sind auf Landstraßen besonders gefährdet. „Motorradfahrer werden in der Regel als Raser dargestellt”, kritisiert Kuschefski. „Als Unfallgrund wird immer unangepasste Geschwindigkeit angegeben. Aber da spielt vieles mit rein, die Situation, die Erfahrung und das persönliche Können der Fahrer.” Bei Zusammenstößen von Auto und Motorrad habe in 70 Prozent der Fälle das Auto Schuld. „Es ist bewiesen: Je kleiner die Objekte sind, umso weniger bedrohlich werden sie bewertet.”

Kuschefski rät Bikern, auf Landstraßen möglichst defensiv zu fahren. „Das ist die allerbeste Lebensversicherung: Nie auf Vorfahrt pochen, mit Fehlern anderer rechnen, immer bremsbereit sein.” Er bemängelt jedoch auch, dass einige Motorradfahrer nicht in der Kurve bremsen oder schräg fahren könnten. „Ich kann nur zu regelmäßigen Fahrsicherheitstrainings raten, jeder sollte an seinem Können feilen, um Unfälle zu verhindern oder die Folgen zu begrenzen.”

Es klingt fast schon wie ein Mantra: „Fahrt langsamer, defensiver und gelassener”, rät Sven Rademacher vom Verkehrssicherheitsrat allen Fahrern auf Landstraßen. „Auf zweispurigen Straßen sollten Autofahrer am besten überhaupt nicht überholen.” Und wer an Einbiegungen und Kreuzungen ansatzweise unsicher sei, sollte lieber einmal zu viel warten als einmal zu wenig.

Reidegeld findet ein grundsätzliches Überholverbot problematisch. „Das geht an der Praxis vorbei.” Etwa dann, wenn sich hinter einem Lastwagen eine lange Schlange an Pkw gebildet hat. „Aber im Zweifelsfall sollte man sich Zeit lassen.”
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