Aachen - „Stylischer, als mit dem Rollator skaten zu gehen“

„Stylischer, als mit dem Rollator skaten zu gehen“

Von: Bernd Müllender
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Anders als beim Fahrrad, auf dem man nur sitzt, ist man mit dem Zweirad „Fliz“ eng verbunden: Unter dem Katzenbuckel hängt man sich in fünf Gurte ein. In Taiwan hat „Fliz“ den Design-Award der Zweirandbraunche gewonnen. Foto: Bernd Müllender

Aachen. Der junge, sportliche Kollege kam zu spät und schimpfte. „Blöder Stau.“ Toll – so ein Parkplatz direkt im Tivoli-Parkhaus. Voll – der Weg dahin. Weil dummerweise auch andere so einen tollen Platz haben. Warum er die paar Kilometer nicht geradelt sei? „Ach, ich hab mein Bike noch nicht aus dem Keller geholt nach dem Winter.“

Die Menschen fahren Auto, wie sich die Lemminge über Klippen stürzen. Besinnungslos, gedankenlos, wie ferngesteuert. Für kleinste Strecken, für die Frühstücksbrötchen oder eine Ladung Briefmarken. Autos beherrschen die Städte. Überall rollen sie, lärmen und stauen sich, umrahmt vom lückenlosen Straßenbegleitblech auf den Parkstreifen. Das findet niemand gut. Aber alle tragen dazu bei. Alle fahren. Brumm ergo sum.

Ich habe seit 20 Jahren keinen eigenen Wagen mehr und diese Entscheidung nie bereut. Als das Auto verkauft war, habe ich das größte Problem des Selbstbewegers schnell erkannt: Es ist seine schiere Existenz. Hat man eines, nutzt man es auch. Aus Faulheit. Aus Gewohnheit. Weil man einen guten Grund oder eine schlechte Ausrede immer findet.

Warum haben so viele Menschen ein eigenes Fahrzeug, das laut Statistik zu 95 Prozent seiner Lebenszeit ungenutzt herumsteht? Warum pfercht man zum innerstädtischen Transport 70 Kilo Mensch in anderthalb Tonnen übertechnisiertes Material, das am Zielort umgehend nervt, weil man es nur mit Mühen (Parkplatzsuche) wieder los wird und das oft auch noch extra kostet (Verwarnungsgeld)? Dann wird über „Bad Knöllchen“ geschimpft und die Legende von Aachen als Abzockerstadt gestrickt. Dabei wird, pardon, nur ein meist vorsätzliches Vergehen auf Kosten anderer geahndet.

„Meiner braucht nur...“

Jeder Kilometer Autofahrt kostet mindestens 30 Cent. Um diese happige Zahl zu verdrängen, reden viele gern nur von ihren Spritkosten, lügen den Durst des Lieblings herunter („meiner braucht nur...“), erregen sich voller „Benzinwut“ über drei Cent Preiserhöhungen an der Tankstelle und wollen erst gar nicht hören, dass viele andere Dinge in den vergangenen sagen wir 30 Jahren wesentlich teurer geworden sind als Sprit. Aber man weiß sich zu wehren! Listig fahren sie ihre Rohstoffvernichter 15 Kilometer hin und zurück nach Vaals oder Eynatten, um bei der Fütterung des Lieblings genau die fünf Euro zu sparen, die die Fahrt gekostet hat. Zeit übrigens exklusive.

Das enge Aachen, wie geschaffen fürs Nichtautofahren, hatte Anfang der 70er Jahre alle Straßenbahnen und Oberleitungsbusse abgewrackt. Hindernisse, nicht mehr zeitgemäß, hieß es. Autos nahmen sich den Raum. Sie gaben dafür Feinstaub, Ruß, Unfälle, Krach und Staus. Dabei gibt es für die Steinzeittechnologie Automobil längst tolle Alternativen und Konzepte. Einige davon habe ich für die Zeitschrift zeozwei der Deutschen Umwelthilfe untersucht und bei meinen Mobilitätstests die große Artenvielfalt für den Stadtverkehr schätzen gelernt. Alle reden von Elektromobilität und stellen im gleichen Atemzug fest: Sie stockt, bevor es richtig losgeht. Das ist falsch, weil alle, ganz typisch, an Autos denken. Längst gibt es andere elektromobile Fahrzeuge. Etwa das Pedelec.

Pedelec kürzt Pedal Electric Cycle ab, im Volksmund: Elektrofahrrad oder neudeutsch E-Bike. Der Gedanke beim ersten leichten Tritt vor fast vier Jahren: Wow, da schiebt mich ja jemand. Man sitzt auf einem Fahrrad, aber was einen da fortbewegt, hat nichts mit den Lebenserfahrungen Rad zu tun. Ein Speichenfahrzeug kann doch nicht so raketengleich abgehen!

Man muss immer selbst treten. Der akkubetriebene Elektromotor potenziert die eingesetzte Kraft, je nach Power-Stufe. So wird aus Gegenwind Rückenwind. Auch Berge werden einfach weggeschaltet. Auf dem Weg hoch zum Dreiländereck, was ich sonst nur mit schweißtreibendem Höchsttempo 10 kannte, lasse ich versierte Mountainbiker mit kräftigen Waden locker hinter mir. Es geht zu schnell, um ihre verdutzten Gesichter zu sehen. Pedelec fahren ist nicht ein bequemeres Radeln (gar wie manche sagen: ein fauleres), sondern eine völlig neue Fortbewegung.

In den vier Jahren seitdem hat sich eine unbemerkte Revolution der Mobilität ereignet. Überall sieht man Menschen, die sich mühelos und erstaunlich schnell auf diesen Flitzern durch das Stadtbild bewegen. Pedelecs sind ein Verkaufshit. Die Energie kommt aus der Steckdose, Ökostrom. Die Akkus halten 40 bis 100 Kilometer.

Neben dem E-Fahrrad belegen Avantgardisten der Bewegung einen beeindruckenden Erfindergeist: Da ist zum einen der Segway, dieser akkubetriebene, einachsige Stehroller, der einen staunen lässt über so viel ausbalancierte Intelligenz. Bewegung entsteht durch Vorbeugen und Abbremsen durch Zurücklehnen. Segwayfahren hat etwas von Tanzen. Oder wie Fliegen mit Bodenhaftung, wie Windsurfen ohne Wasser. Es ist, als wäre dieser Wunderkarren ans Zentralnervensystem angedockt.

Längst gibt es auch intelligent konstruierte Lasten-Pedelecs, etwa bei urban-e.com in Berlin (Zuladung weit über 100 Kilo für den Großeinkauf) und auch Liegefahrräder mit Elektro-Antrieb. Oder das Fliz aus Halle an der Saale. Das ist ein Laufrad für Erwachsene, das zwei Studenten für Industriedesign konzipiert und gebaut haben. Es sieht aus wie die Karikatur einer Katze mit Extrembuckel und ist die Kohlefaser-Fortsetzung des alten Draisine-Prinzips. Nur dass man sich unterm Katzenbuckel mit fünf Gurten einhängt, statt wie Herr Drais auf einem Holzbalken zu thronen.

Der Cat Walk geht überraschend einfach, anfangs instinktiv etwas breitbeinig, intuitiv, gleitend, mit fast schwebenden Schritten wie in Zeitlupe. Ein wenig federt man unter dem Rahmen, mit dem man eng verbunden ist wie mit einem Zusatzkörperteil. Mehr noch als beim Segway ist man Teil des Fortbewegungsmittels, anders als beim Fahrrad, auf dem man nur sitzt. Das sorgt für ein neues, sehr direktes Bewegungsgefühl. Fliz hat 2012 in Taiwan den Design-Award der Zweiradbranche gewonnen – aber noch keine Bestimmung. Könnte man es nutzen als Ergänzung zum normalen Gehen? Oder als Hilfsmittel zur Mobilisierung von Reha-Patienten? „Wir haben viele Ideen und Kontakte zu Herstellern oder zu Orthopäden und wissen, dass wir noch viel ändern müssen“, sagen die Erfinder. Im Netz findet sich dieser Kommentar: Das Ding sei ja „stylischer, als mit dem Rollator skaten zu gehen“.

Auch Segways mit ihrem überragenden Fahrspaß sind nur Ergänzung, schon allein wegen ihres Preises ab 8000 Euro. Immerhin, man kann mit maximal Tempo 20 bis vor den eigenen Schreibtisch kurven und kommt nicht wie mit dem Rad verschwitzt zum Geschäftstermin. Jenseits des Privatsektors haben sich Feuerwehren, Polizei, Ordnungsämter, Großbaustellen und Sicherheitsdienste (auf Messen und Flughäfen) einen kleinen Rollpark zugelegt. Im öffentlichen Raum sind Segways sinnvoll, wo Platz ist. Falls Autos welchen lassen. Salzburg bietet seit Sommer 2009 ab 29,90 Euro monatlich die „Elektromobilität im Abo“. Sie erlaubt die Nutzung von Elektrofahrzeugen wie Pedelec, Elektro-Roller oder Segway. Im Zusatzpaket ist die Nutzung der städtischen Busse und O-Busse buchbar. Mittlerweile gibt es E-Bikes-Leihsysteme überall auch in Deutschland, meist für touristische Zwecke. In Aachen kann man für zehn Euro am Tag oder 35 pro Woche bei der Wabe am Hauptbahnhof ein Pedelec leihen. Vor dem Bahnhof sowie am Elisenbrunnen und an der TH stehen je fünf Elektroräder („e-call a bike“) der Deutschen Bahn. Sie waren ein paar Wochen ab Ende 2011 buchbar. Dann verschwanden sie. Noch im Juni 2012 stand da ein Schild „Bis Frühjahr 2012 Winterpause“.

Fahrräder in Aachen, siehe der Kollege am Tivoli, haben offenbar in allen Varianten jahreszeitlich übergreifend Winter. Derweil braust vor dem Hauptbahnhof ein ziemlich flaches Auto quietschenden Reifens los (Kavalierstart heißt das launigerweise), als könne es der Fahrer vor lauter Sportlichkeit nicht abwarten, die nächste rote Ampel vor allen anderen zu erreichen. Er schafft es.

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