Aachen - Nur ein E-Wort fürs Gaspedal gibt es noch nicht

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Nur ein E-Wort fürs Gaspedal gibt es noch nicht

Von: Bernd Müllender
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Mogelt sich auch am Tivoli keck durch die Bepollerung: Autor Bernd Müllender im Renault Twizy. Foto: Müllender
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Schleicht sich an wie eine Raubkatze: Der Mitsubishi i-Miev.

Aachen. Autos stehen für pure Lust. Das eine röhrt, dass der Hirsch errötet. Das andere schnurrt, dass die Katz gelb wird vor Neid. Die Ästhetik der Karosserien, ob flunderflach oder kraftvoll kantig, macht Autos zu erotischen Wunderwerken zwischen Shakira, Clooney und der Monroe. Autos versöhnen sogar vermintes seelisches Terrain: Sind gleichzeitig Mama („rollender Uterus“), Familie („rollendes Wohnzimmer“) und dem Manne gern sexy Vehikel bei der Balz oder gleich eine schöne Geliebte.

Ja, über Autos ist leicht lästern. Und doch gehören Autos zum städtischen Verkehr der Zukunft. Aber statt der lauten Dreckschleudern mit irgendeiner Euro-Norm zur Gewissensbetäubung bitte Elektroautos. Und am besten solche über Leihwagen-Systeme.

Die Aachener Dependance der Carsharing-Firma Cambio hat zwei E-Autos in ihrer Wagenflotte. Der eine ist ein Mitsubishi i-Miev. Vor der Testfahrt spricht ein Mitarbeiter warnende Worte über die Gefahren für Fußgänger bei lautlosem Fahrbetrieb: „Vorsicht, viele erschrecken sich richtig.“ Also los. Schlüssel nach rechts drehen und - nichts passiert. Noch mal. Nur ein paar bunte Lampen im Armaturenbrett leuchten. Eine kleine Anzeige, grellgrün, sagt ständig „Ready.“ Ja wie, fertig? Ach, natürlich! Man hört ja keinen Motor. Der Wagen rollt lautlos los.

Untrennbar mit Krach gekoppelt

Erste Erkenntnis: Autofahren ist in unserem Erfahrungsschatz untrennbar mit Krach gekoppelt.

Das Aufpassen auf unbedachte Passanten war schnell Fahrtroutine geworden. Am Ende gab es keine einzige gefährliche Situation: Niemand wollte die Straße nach Gehör queren – nach fast hundert Kilometern kreuz und quer durch Aachen, über Landstraßen, Dörfer, kurz über die Autobahn bis zu den gedrosselten 135 km/h Spitzentempo. Es scheint, gegen viele Warner, die Elektroautos künstliche Geräusche einbasteln wollen, als sei die Menschheit bereit für fast lautlose Elektromobilität. Anders Tiere: Ein Nutzer berichtet vom Feldweg, vor ihm ein Ehepaar mit Hund. Der Hund sei vor Schreck „völlig verrückt geworden“ und jetzt „womöglich traumatisiert“. Armer Hund: Da kommt eine dieser riesigen Krachmaschinen – und schleicht sich an wie eine Raubkatze.

Elektromobile sind im Sprachbewusstsein noch nicht verankert. Kunden wie Cambio-Leute, auch das Bordbuch, sprechen von Zündung, Tanken und Gas geben. Wer weiß ein E-Wort für Gaspedal?

Für Cambio-Kunden läuft der fast 35 000 Euro teure i-Miev im werbenden Kleinfahrzeug-Tarif für rund zwei Euro pro Stunde und 20 Cent pro Kilometer. Derzeit laufen die Buchungen noch stockend: „Das Interesse der Kunden ist geringer als erwartet“, sagt Cambio-Geschäftsführerin Gisela Warmke. Über die Gründe rätselt man auch nach Auswertung einer Fragebogenaktion: „Richtige Argumente dagegen gab es nicht. Die Neugier ist da, aber da ist die leicht umständlichere Buchung und Unklarheit bei der Reichweite. Insgesamt scheint das Thema die Leute nicht so zu drängen.“

Die Bedürfnisse von Autoteilern

Nichtsdestotrotz ist Aachen ein wichtiger Entwicklungsstandort für automobile Elektromobilität geworden. An der RWTH steht der Streetscooter vor der Serienreife - und wirbt schon auf den Alemannia-Trikots. An der FH ist der EC2go in Entwicklung, ein dreisitziges E-Auto, kürzer als ein Smart, speziell auf die Bedürfnisse von Autoteilern zugeschnitten. Cambio hat, gefördert vom Land NRW, an der Konfiguration für das „weltweit erste eCarSharing Fahrzeug“ mitgearbeitet. Bei Cambio ist man sicher, „dass E-Mobilität nur mit Carsharing funktionieren wird“.

Zum besonderen Erlebnis wurde die Probefahrt mit dem elektrischen Renault Twizy. Dieses kleine Ding, ein Auto? Wie niedlich. Ist der aus einem Comicbuch gepurzelt? „Mischung aus getuntem Golf-Karren und halbiertem Smart“ schrieb die „Auto Zeitung“, der Tagesspiegel nannte den Twizy „ein bis kein Auto“. Das ist witzig, aber ungerecht. Alle Merkmale für ein Auto sind vorhanden: Vier Räder, Motor, Lenkrad, Türen, Airbag, Gurte, schützende Fahrgastzelle. Das Fehlen von Heizung, Klimaanlage oder flugzeugähnlichem Cockpit ändert daran nichts. Auch der Messerschmitt-Kabinenroller war ein Auto.

Lautlos rollt die Kugel davon. Überall bleiben Leute stehen, zeigen, gestikulieren. Kaum stellt man den Wagen ab, spricht einen jemand an. Kein Gefährt war je kommunikativer. Ein Müllmann pfeift uns hinterher wie einer Blondine im Minirock. Das Autochen ist abgerüstet bis zum Minimum. 450 Kilogramm Gewicht, 2,34 Meter Länge, 1,24 Meter Breite, 18 PS. Der Twizy hat keine Fensterscheiben, weil sonst Heizung und Lüftung vorgeschrieben wären. Das kostet Strom.

Die Beschleunigung dieser E-Isetta 2.0 ist enorm. Nur gibt es keinen Wert von Null auf 100. Der Wagen schafft maximal Tempo 85. Das reicht völlig für ein Stadtauto. Dafür kann der twiggyschmale Twizy exklusiv andere Dinge: Er passt keck durch jede DIN-Bepollerung. So kann man auch mal über den Tivoli-Vorplatz rollen. Die beiden Sitze sind hintereinander angebracht, das bedeutet: Es gibt keine mosernden Beifahrer mehr (höchstens soufflierende Hintersitzer), das mantamäßige Heraushängenlassen der Ellbogen ist erstmals beidseitig gleichzeitig möglich und man kann genauso gut zum Bordstein hin aussteigen.

Und wie viel Luft beim Parken bleibt. Andere Autos sind einen halben Meter breiter, SUVs noch mehr. Führen alle Städter solche E-Flitzer, könnte man jede zweispurige Straße dreispurig umpinseln. Und drei Twizys (oder später mal drei Öcher EC2go in ähnlicher Größe) quer hinstellen, wo heute eine einzige fette Limousine die Räume raubt.

Kein Gebrumm, kein Gedröhne, nur Roll- und Windgeräusche. Two and easy steckt im Namen Twizy, ein leichtes Lebensgefühl für zwei. Potenzielle Kunden kommen aus der jungen Generation, denen Status und PS-Potenzgehabe deutlich weniger bedeuten als ihren automanen Eltern. Sie mieten sich ein Auto bei Bedarf, und so einer wäre dann genau richtig für die kleinen Fahrten in der Umgebung. Und für Langstrecken gibt es die Bahn.

Das Ziel eine Million E-Autos bis 2020 ist längst gescheitert, schon heute. Die derzeitigen Fahrzeuge sind zu teuer, Ladenetze und Reichweite unbefriedigend, das Aufladen dauert zu lange und ist ohne eigene Garage umständlich. Zudem wird bei allem Öko-Hype um das E vergessen, dass die Herstellung seltene Rohstoffe verbraucht. Und niemand weiß, wie lange ein Akku hält. Dass beim Twizy zum schmalen Kaufpreis ab 7700 Euro noch das obligate monatliche Akku-Leasing von 50 Euro dazukommt, wird in den üblichen Foren als Abzocke bezetert. Dabei ist der Preis für das finanzielle Betriebsrisiko durchaus moderat. Wenn das Ding einmal seinen Geist aufgibt, müsste man sonst einen neuen Akku vierstellig nachkaufen. Und die Zwangsleaser werden sehr dankbar sein.

Erster Steckdosenstau

Paris hat über 2000 Elektroautos als Leihfahrzeuge. Auch im kleinen Salzburg stehen 110 kommunale E-Mobile bereit zum Leasen oder Mieten. Amsterdam will seine Innenstadt bis 2040 komplett von Benzinautos befreien, schon heute gibt es E-Taxis, spezielle kostenlose E-Parkplätze, E-Carsharing, über 300 Ladestationen und saftige Zuschüsse für Privatkäufer.

Der Bundesverband Carsharing schätzt den aktuellen Bestand auf knapp tausend E-Fahrzeuge. Von massenhafter Verbreitung ist Elektromobilität auf vier Rädern also noch weit entfernt. Doch zu Aachen, am 6. November 2012 um 12 Uhr 40, ereignete sich der mutmaßlich erste Steckdosenstau der hiesigen Verkehrsgeschichte: Zwei i-Mievs und ein Twizy drängelten sich gleichzeitig zum Saftsaugen an die Stromsäulen am Neumarkt.

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