Koblenz - Zwei kluge Mädchen entwerfen Navi für Rollstuhlfahrer

Zwei kluge Mädchen entwerfen Navi für Rollstuhlfahrer

Von: Gisbert Kuhn
Letzte Aktualisierung:
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Sind vielseitig am Start: Marie (links) und Sophie Scholz aus Koblenz. Die 15-Jährigen haben ein Navi für Behinderte entwickelt, sie sind Preisträgerinnen beim Wettbewerb „Jugend forscht”, lernen vier Sprachen, spielen Tennis, sind bei „Jugend musiziert” dabei... Foto: Sepp Spiegl

Koblenz. Marie und Sophie Scholz lachen. Nein, an einen Manager hätten sie noch nicht gedacht. Obwohl es nicht ganz einfach sei, ihren Alltag mit den vielen auf sie einprasselnden Interview- und Fotowünschen in Einklang zu bringen. Tatsächlich sind die 15-jährigen Zwillingsschwestern, Schülerinnen der Klasse 10 im Koblenzer Görres-Gymnasium, außerordentlich gefragt.

Kein Wunder, wurden sie doch von der Wissenschaftssparte „Galileo” des TV-Senders ProSieben als „Erfinderinnen des Jahres” ausgezeichnet und mit 25.000 Euro für die Entwicklung einer Rollstuhlfahrer-gerechten elektronischen Orientierungshilfe belohnt.

Die Fraunhofer helfen

Nach rund anderthalb Jahren dauernden Vorarbeiten und mit spontaner Hilfe des Fraunhofer-Instituts ist das Gerät mit dem Namen „Navibil” serienreif und wird nun von der „Koblenz-Touristik” als Leihgabe an Touristen eingesetzt.

Aber auch andere Städte haben Interesse bekundet. Sogar aus Schweden ist eine Anfrage bei den Schwestern eingegangen. Die Idee für das Projekt begann bei Sophie und Marie während eines Urlaubs auf Mallorca zu reifen.

Dort hatten sie sich mit einem Jungen angefreundet, der an den Rollstuhl gefesselt war. Dabei lernten sie, ihre Umgebung mit anderen Augen zu sehen.

Denn die Ausflüge waren oft nicht spaßig; wenn etwa zu enge Unterführungen ein Durchkommen für den Rolli unmöglich machten oder die Wege zum Strand nicht befestigt waren.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich das „Navibil” kaum von handelsüblichen Navigatoren - ein bunter Stadtplan auf dem Monitor eines Taschen-Computers (PDA) zum Anklicken von Straßen, Plätzen, Attraktionen.

Doch bei genauerem Hinsehen entdeckt man atypische Symbole. Ein Kopfsteinpflaster etwa oder Treppenstufen. Monatelang waren die Zwillinge, begleitet von einem Bekannten im Rollstuhl, durch die Innenstadt von Koblenz gezogen, um zu protokollieren, was für invalide Menschen oft genug kaum zu überwindende Hindernisse darstellt: hohe Bordsteinkanten,Ê Treppen, Türen, Straßenpflaster, fehlende Behinderten-Toiletten.

„Dabei kam”, sagt Sophie Scholz, „eine riesige Menge Daten zusammen”. Diese wurden dann daheim auf einen digitalen Stadtplan übertragen. Und die Software? „Die kommt”, erzählt Marie, „vom Fraunhofer Institut in Nürnberg”.

Und als sei es das Selbstverständlichste der Welt, fährt sie fort: „Wir haben einfach dort angerufen, und die haben uns zu sich eingeladen”.

Dabei mag es sich gut getroffen haben, dass die „Fraunhofer” selbst gerade ein System zur Orientierung in Großgebäuden erprobten. Das stellten sie, sogar zusammen mit einem Westentaschenrechner, den Tüftlerinnen zur Verfügung.

Die Technik ist so verfeinert, dass das „Navibil” bei Bedarf automatisch auf die GPS-Satelliten zugreifen kann.

Die Erfindung der Koblenzer Schülerinnen kann im Prinzip überall eingesetzt werden - vorausgesetzt, es finden sich fleißige Menschen, die vorweg das Kartieren vornehmen.

Wobei die Geschwister sogar die Legende der Symbole in zehn Sprachen zur Verfügung stellen könnten. Mitschüler haben die Übersetzungen vorgenommen. Die Software müsste allerdings - gegen Bezahlung - als CD vom Fraunhofer-Institut bezogen und auf den Kleincomputer geladen werden.

Ohne Zweifel bedeuten die Auszeichnungen für das „Navibil” den Höhepunkt im bisherigen Forscherleben der Scholz-Zwillinge. Doch ungewohnt ist es für sie nicht, im Rampenlicht zu stehen.

Davon zeugen Preise beim rheinland-pfälzischen Landeswettbewerb „Jugend forscht”. So zählte Marie mit einer Arbeit über die Wirksamkeit sogenannter Waschnüsse zu den Siegern, während Sophie die Jury mit einer umfassenden Untersuchung der sich über die Jahreszeiten verändernden Kaninchenhaare überzeugte.

Dann nehmen die Mädchen auch noch am Wettbewerb „Jugend musiziert” teil, spielen Tennis, schreiben Gedichte und engagieren sich mehrfach pro Woche in einem Koblenzer Altenheim.

Klarheit besteht bei den Zwillingen über die Verwendung der 25.000 Euro von „Galileo”: Finanzierung des Studiums. Sophie will Juristin und Marie Medizinerin werden.
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