Welt falsch herum konstruiert: Linkshänder leiden

Von: Guido Heisner, dpa
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Matthias Wüstefeld von der Linkshänderberatungsstelle in Müster zeigt in seiner Praxis einen Linkshänderzollstock (links), dessen Maßeinteilung spiegelbildlich zu einem normalen (rechts) angeordnet ist, sowie andere, speziell für Linkshänder gefertigte Werkzeuge. Der Weltlinkshändertag will auf die Benachteiligungen für Linkshänder im Alltag aufmerksam machen. Foto: dpa

Münster. Am Computer sitzt der Ziffernblock auf der falschen Seite. Am Geldautomaten wird der Karteneinschub zur akrobatischen Fingerübung. Und aus der Gitarre wollen keine harmonischen Klänge herauskommen.

Wenn es um das Bedienen technischer Geräte geht, fühlen sich Linkshänder bisweilen, als ob sie gleich zwei linke Hände hätten. Ihr Problem: Fast alle Automaten, aber auch sämtliches Werkzeug oder Musikinstrumente sind für Rechtshänder konstruiert. Auf Benachteiligungen im Alltag, die für Linkshänder bestehen, macht der Weltlinkshändertag an diesem Donnerstag aufmerksam.

Die Diskriminierung von Linkshändern fange schon in der Kindheit an, sagt Matthias Wüstefeld. Er ist Linkshänder, wurde jedoch in der Grundschule wie viele andere linkshändige Kinder gezwungen, mit rechts zu schreiben. Erst vor knapp zehn Jahren - im Alter von 43 - begann Wüstefeld auf seine eigentlich dominante Hand zurückzuschulen. Heute werde ihm schwindlig, wenn er mit rechts schreiben müsse, sagt er.

Beruflich hat Wüstefeld als Feinmechaniker begonnen. Doch die für Rechtshänder konstruierten Maschinen und Werkzeuge ließen ihn an seine motorischen Grenzen stoßen. Wüstefeld sattelte um, studierte Sozialpädagogik und betreibt heute in Münster eine von bundesweit 76 Beratungsstellen für Linkshänder.

Vor zwei Jahren erschien Alexandra Marschner mit ihrem Sohn Felix in der Beratungsstelle. Felix hatte damals erhebliche Probleme, in der Grundschule mitzukommen, erzählt Marschner: „Felix war immer sehr unkonzentriert.” Dass ihr Sohn es nach der Grundschule auf das Gymnasium schaffen würde, daran hatten sie und ihr Mann schon fast nicht mehr geglaubt. „Wir haben zu Felix gesagt, wenn er es auf die Hauptschule schafft, ist das gut.” Inzwischen ist von Hauptschule keine Rede mehr. Nach den Sommerferien geht es für Felix am Gymnasium weiter. Innerhalb von zwei Jahren hat der Elfjährige einen erstaunlichen Leistungsschub hingelegt - nach Überzeugung der Eltern ist die 2007 begonnene Rückschulung ihres Sohnes auf links der Grund.

Felix sei kein Einzelfall, sagt Wüstefeld. Viele Kinder blühten regelrecht auf, wenn sie damit begännen, ihre dominante Hand zu gebrauchen. Sie gewännen an Selbstsicherheit und fühlten sich ausgeglichener. Im Gegenzug bringe das zwangsweise Drillen auf Rechts gravierende Probleme mit sich: „Mögliche Primärfolgen sind Konzentrationsschwierigkeiten, Lese- und Rechtschreibschwächen oder auch Sprachstörungen wie Stottern.” All dies könne dazu führen, dass sich die Kinder immer weiter zurückzögen oder sozial auffällig würden. Auch Inkontinenz sei eine mögliche Auswirkung.

Viele Jahrzehnte wurden linkshändige Kinder in deutschen Schulen zum Gebrauch der rechten Hand erzogen. „Noch bis vor kurzem stand in den Lehrplänen einiger Bundesländer, dass Lehrer versuchen sollen, leicht linkshändigen Kindern das Schreiben mit Rechts beizubringen”, beklagt Wüstefeld. Inzwischen werde das Problem in der Lehrerausbildung zwar behandelt, allerdings nur stiefmütterlich.

Eine gezielte Förderung von linkshändigen Kindern finde etwa in Nordrhein-Westfalen nicht statt. „In Düsseldorf ist man der Ansicht, eine solche Förderung braucht man nicht im Lehrplan. Die Lehrer wüssten, was zu tun ist, und andere Sachen seien wichtiger”, kritisiert Wüstefeld. NRW sei aber nicht das einzige Bundesland, das hinterherhinke. Ganz anders sehe der Lehrplan von Bayern aus. Dieser sei in Bezug auf die Förderung von Linkshändern sehr gut.

Die noch immer allumfassende Dominanz der Rechtshänder erklärt der Münsteraner Experte mit dem Unvermögen der Linkshänder, sich Gehör zu verschaffen. „Das Problem der Linkshänder ist, dass sie es nicht schaffen, sich als Gruppe zusammenzutun und zu sagen, wir legen jetzt mal alle unsere Probleme auf den Tisch. Viele Linkshänder meinen: Ach, dafür lohnt sich doch der Aufstand nicht.”
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