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Warten, warten, warten: Krise lässt Seeleute in Hamburg stranden

Von: Georg Ismar, dpa
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Philippinische Seeleute
Der philippinische Seemann Pablo Ordez (M) und zwei seiner Kollegen posieren vor ihrem Schiff, der Dornbusch, bevor sie an Bord gehen. Den Abend verbrachten die Seeleute in der Seemannsmission Duckdalben. Täglich kommen etwa 100 Seeleute in die Mission im Hamburger Hafen, zahlreiche von ihnen mehrere Tage hintereinander, weil ihre Schiffe immer häufiger länger im Hafen liegen müssen. Dort gibt es einen Billard-Raum, kostenlose Internet-Verbindungen in alle Welt, günstige Telefonkarten für das Gespräch nach Hause und einen kleinen Laden gleich hinter der Theke, wo es von der Zahnbürste bis zur Gitarre fast alles gibt. Foto: dpa

Hamburg. Irgendwie lässt sich die Krise kaum in Bildern fassen. „Doch”, sagt Sinarajah Govindasamy und bittet in sein Büro in der Seemannsmission Duckdalben im Hamburger Hafen. Ein Bekannter hat Fotos geschickt, die den Singapurer Hafen aus der Flugzeugperspektive zeigen.

Dort liegen Hunderte Schiffe neben- und hintereinander. Leer, ohne Fracht zum Nichtstun verdammt. Aus dem gleichen Grund ist auch im Duckdalben derzeit einiges anders als sonst, auch in Hamburg liegen immer mehr Schiffe auf Reede.

„Plötzlich haben wir Stammgäste”, sagt der Malaysier Sinarajah, den alle hier nur Sina nennen. „Viele warten wochenlang, bis es wieder Fracht gibt und sie den Hafen wieder verlassen können”, erzählt Sina. Viele müssten um Anschlussverträge bangen. Die Seeleute blieben noch im Sommer nur für ein paar Stunden, da die Containerschifffahrt boomte und das Schiff nach Ent- und Beladung rasch weiter musste. Noch nicht mal Zeit für einen Besuch der Reeperbahn blieb.

Der stets gut gelaunte 58-jährige Sina, der mal in New York als Sänger Karriere machen wollte, ist seit 23 Jahren von Anfang an in der Seemannsmission dabei, die Liebe hat ihn an die Elbe verschlagen. So etwas wie derzeit hat er aber noch nicht erlebt. Die rund 100 Seeleute aus rund 20 Ländern, die täglich in der spendenfinanzierten Seemannsmission aufschlagen, sind zu Gesichtern der Krise geworden. Plötzlich tauchen Abend für Abend oft die gleichen Leute auf.

Die Frachtraten sind mangels Masse so eingebrochen, dass einige Reedereien bereits aus Kostengründen den Suez-Kanal (Durchfahrtgebühr bei großen Containerschiffen: mehrere 100.000 Euro) umschiffen und fast 5000 Seemeilen Umweg um Afrika in Kauf nehmen. Oder es werden Besatzungen reduziert. Das einzig Positive ist der derzeit niedrige Ölpreis.

„Was sollen wir machen, wir haben keine Fracht. Wir machen nur eins: warten, warten, warten”, sagt der 25-jährige Philippiner Gilbert Gonzalez, der mit der „Veersedijk” auf der Elbe festhängt. Reparaturen werden durchgeführt, das Schiff geputzt, und im Duckdalben sucht man Abwechselung. Gonzales zupft an seiner Gitarre und spielt Lieder aus der Heimat.

Alle sechs Telefonkabinen in der Seemannsmission sind besetzt, auf den Laptops wird per Webcam mit Frauen und Freundinnen in der Heimat kommuniziert. Telefonieren, Kickern, Daten, Biertrinken gegen die Langeweile.

Ständiger Begleiter ist die Angst um den Job: Bei einigen Seeleuten wurden angesichts der Krise die Löhne auf unter 700 Dollar gedrückt. In der Containerschifffahrt sind nach Angaben der Deutschen Bank 10 Prozent der Flotte und damit fast 400 Schiffe unbeschäftigt. Im Laufe des Jahres könnten es 20 Prozent an Überkapazitäten werden. Und hinzu kommt, dass zahlreiche, in Boomzeiten georderte Containerschiffe auf den Markt kommen, was die Krise verschärfen dürfte.

Ein Seemann von den Philippinen ist gerade zum zweiten Mal Vater geworden - der Zwangsaufenthalt im Hafen führte dazu, dass er die Geburt verpasste. An einem Tisch in der Seemannsmission sitzt auch ein 42-jähriger Holländer, der anonym bleiben möchte. Er zieht an seiner Zigarette, nippt am Bier. „Zwangsurlaub, mindestens fünf Tage”, sagt er. „Das ist verrückt, wenn man hier über die Kohlbrandbrücke fährt, sieht man kaum noch Containerschiffe, die beladen werden.” Jüngst sei er in der finnischen Hafenstadt Hamina gewesen. „Tausende Autos standen da rum, die will keiner mehr haben.”

21 Uhr: Juliane Pinkepank, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Duckdalben absolviert, steuert den Kleinbus mit drei Philippinos nach ihrem Aufenthalt in der Seemannsmission zurück zu ihrem Schiff, der Dornbusch. Der Nebel macht die Stimmung gespenstisch. Durch ein Wirrwarr an herumstehenden Containern kommt schließlich die Dornbusch in den Blick. „Wir wissen nicht, wann es weitergeht”, sagt Seemann Pablo Ordez. „Es ist nichts mehr so wie früher, jetzt stürzen ja selbst bei Euch in Deutschland einfach so die Häuser ein”, ergänzt er mit Blick auf den Archiveinsturz in Köln und grinst.

Pinkepank kennt jedes Schiff. „Die Pantonio und Pengalia liegen schon lange im Hafen, sie haben ihre Besatzungen von 15 auf jeweils 5 reduziert und teilen sich nun sogar den Koch. Der Rest der Crew wurde weggeschickt.” Das Schiff „Jaco Triumph” ging vor Monaten im Hafen vor Anker. „Erst wurde ein Motorschaden repariert, dann gab es keine Fracht, und dann ging die Reederei pleite”, berichtet die 20 Jahre alte FSJ-lerin. „Das Schiff wurde verkauft und die Crew entlassen.”
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