Dohuk - Unicef-Aktion „Rettet die Kinder“: Die etwas andere Bescherung

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Unicef-Aktion „Rettet die Kinder“: Die etwas andere Bescherung

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
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Die Unicef-Aktion „Rettet die Kinder“ sorgt für Hilfe für die Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien. Foto: Manfred Kutsch
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Die Unicef-Aktion „Rettet die Kinder“ sorgt für Hilfe für die Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien. Foto: Manfred Kutsch
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Die Unicef-Aktion „Rettet die Kinder“ sorgt für Hilfe für die Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien. Foto: Manfred Kutsch

Dohuk. Wenn sich Nadima in ihrem neuen „Zuhause“ umschaut, dann bleibt ihr Blick an einem grauen, unverputzten Betonklotz hängen. Die Neunjährige hockt auf Beton und wird von einer Betondecke vor Regen geschützt, an der Seite stehen Betonpfeiler und Betonbrüstungen. Dazwischen ist nichts. Die Wände sind noch nicht hochgezogen.

Ein lausig kalter Wind pfeift ins Innere, draußen ist der Lärm der vorbeiführenden Ausfallstraße der nordirakischen Universitätsstadt Dohuk zu hören. Als im vergangenen August immer mehr Flüchtlinge in den Nordirak kamen, stoppten die Bauaktivitäten in diesem Gebäude abrupt – wie in Tausenden anderen Rohbauten auch. Im ersten Stockwerk der Neubauruine, die weder über Toiletten noch über Strom oder Wasser verfügt, sitzen wir mit Nadima unter rund 200 geflüchteten Menschen auf den insgesamt drei offenen Etagen.

Das Mädchen trägt einen gepflegten Mittelscheitel im schulterlangen Haar, hellblaue Ohrringe, eine dünne, rote Strickjacke, Jeans und Sommerlatschen mit dünnen Socken. Wir sprechen über „das kaputte Haus“, so Nadima, das ihr wahres Zuhause in einem Dorf des Sinjar-Gebirges war. Sie erzählt von ihrer Schule, dem Garten daheim, ihrem Spielzeug. Und dann sagt Nadima in kindlicher Schlichtheit, was ihr hier und jetzt am meisten fehlt: „Besonders wünsche ich mir warme Kleidung und einen warmen Platz.“ Kein Pathos, keine Aufgeregtheit, keine Tränen, nur Leidensfähigkeit. Nadima spricht mit leiser Stimme. „Warme Kleidung.“

„Warmer Platz.“ Das sind aktuell die zentralen Wünsche der insgesamt 1,1 Millionen Flüchtlinge, davon die Hälfte Kinder, die sich quer durch den Nordirak in Camps, an den Straßenrändern, in öffentlichen Parkanlagen, ungeheizten Schulen, Kirchen – und in diesen Bauruinen niedergelassen haben.

185.000 Sets Winterkleidung

Kurz vor Weihnachten ermöglichen auch die Unicef-Spenden unserer Leserinnen und Leser für die Aktion „Rettet die Kinder“ eine „etwas andere Bescherung“. 185.000 Sets Winterkleidung für Kinder (45 Euro pro Stück) werden über das 120-köpfige Team des Kinderhilfswerkesder Vereinten Nationen und seine Partner  in der autonomen Kurdenregion verteilt. Ausgangspunkt ist das Unicef-Warenhaus, eine etwa 60 mal 50 Meter große und acht Meter hohe Lagerhalle in einem verkommenen Industriegebiet am Rande der kurdischen Provinzhauptstadt Erbil.

Die Helfer stehen vor schwierigen Entscheidungen: Welche der rund 1800 Orte, an denen die Flüchtlinge sich aufhalten, sollen sie als Erstes ansteuern? Zum Zeitpunkt unseres Besuches werden 10.000 Hygiene-Sets mit praktischen Inhalten wieWäscheleine, Sicherheitsnadeln und Seife aufgeladen, 20 Lastwagen sind von morgens bis abends im Einsatz. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter klettert in den Bergen aus Kartons, zählt sie beim Auf- und Abladen ab. Draußen werden die Fahrer instruiert, wohin welche Hilfsmittel und in welcher Anzahl gebracht werden müssen – eine logistische Herkulesaufgabe.

Auch die Grenze zu Syrien und der Türkei zählt zum Einsatzgebiet von Unicef. Sobald Flüchtlingsbusse, vielfach aus der Hölle der umkämpften Stadt Kobane kommend, den Hochsicherheitstrakt des Grenzübergangs erreicht haben, schwärmen Unicef-Mitarbeiter mit ersten Versorgungspaketen aus. Proteinhaltige Kekse, Wasser, Zahnbürsten und Zahncreme werden in die Busse gereicht, bevor die Kinder gegen Masern und Polio geimpft werden, weil die Epidemie-Gefahr in den dreckigen Unterkünften extrem hoch ist. „Wir sind seit vier Tagen unterwegs und haben so gut wie nichts mitnehmen können. Wir mussten von einer auf die nächste Minute vor den IS-Milizen fliehen“, berichtet Shekh Mohamed vom Überfall auf sein Dorf im Norden Syriens. Jetzt ist der 27-Jährige gemeinsam mit Ehefrau Saidia und seiner einjährigen Tochter Mezigan auf der Flucht.

Wenn Shekhs Familie Glück hat, dann landet sie in einem jener Camps im Wüstengeröll oder an lehmigen Berghängen, in denen Unicef für die Wasserversorgung verantwortlich zeichnet. 81 Tankwagen hat das Kinderhilfswerk zur Verfügung, die Schwertransporter sind täglich unterwegs: „Insgesamt versorgen wir eine Million Menschen mit Wasser“, sagt Unicef- Krisenmanagerin Freya von Groote. Gleichzeitig müssen die Hilfsorganisationen unter immensem Zeitdruck dem Winter trotzen.Wärmende Kleidung, Kerosin für die Schulen, Öfen für die Camps, Winterfestigung der Zelte – das sind die Prioritäten. „Wir erwarten die ersten Minustemperaturen. Jeder kann sich ausrechnen, was dann passieren wird“, sagt von Groote. Aktuell beliefert das Kinderhilfswerk viele Camps auch mit Spaten, „damit sich die Menschen um ihre Zelte herumeinen Graben schaufeln können“.

Jesiden tragen kein Blau

Ob Impfstoffe, Wasserreinigungstabletten, Decken, Schulmaterial, Spielzeug, Hygieneartikel oder Medikamente: Um weltweit schnell reagieren zu können, betreibt Unicef auf 25.000 Quadratmetern ein zentrales Logistikzentrum in Kopenhagen, von wo viele Hilfsgüter nach Erbil gelangen. Grundsätzlich kann das Kinderhilfswerk von Kopenhagen aus binnen 48 Stunden große Mengen Hilfsgüter in alle Teile der Welt senden. Dort ist Unicef jeweils mit lokalen Mitarbeitern und Partnerorganisationen vernetzt, die bei der Abwicklung der Programme helfen. Manche langfristig georderten Artikel werden weltweit ausgeschrieben. Über den Einkauf wird „nach Preis und Qualität entschieden“, sagt Freya von Groote.

Bei plötzlich erforderlichen Beschaffungen verfügt Unicef über bewährte Lieferanten. Gerade bei der Herstellung und Auslieferung von Winterkleidung können die Wege derzeit nicht kurz genug sein. Zudem wäre die direkte, flexible Kommunikation mit den Produzenten in Kleidungsfragen „kulturell oft sehr wichtig“, sagt von Groote. Jesiden zum Beispiel würden „blaue Textilien nicht anziehen“. Die Ächtung der Farbe geht auf die Verfolgung und Ermordung der religiösen Minderheit im 15. Jahrhundert durch den Iran zurück – dessen Soldaten trugen damals blaue Uniformen. Überlebenshilfe vor dem Winter steht ganz oben auf der Agenda von Unicef.

„Ein wenig Normalität ist extrem wichtig für die Kinder“, sagt Freya von Groote. Im 10.000-köpfigen Wüstencamp Gawilan, etwa 50 Kilometer von Erbil entfernt, besuchen wir die Schule. Dort unterrichtet Direktor Shimal Akram mit 43 Lehrern  täglich rund 600 aus Syrien geflohene Kinder. Unter besonderen Bedingungen: „Viele von den Kindern sind traumatisiert. Sie haben bei ihrer Vertreibung zum Teil Dinge erlebt, die sie vermutlich nie verkraften werden“, sagt der 31-jährigePädagoge. Mit Blick auf die innereUnruhe vieler Schüler habe er „einen kurzen Wechsel von Unterricht, Pause, Toben, Musik, Gespräch konzipiert“.

Deutlich wird das Spannungsfeld am Beispiel der Schülerin Dinja, einemzehnjährigen Mädchen, das uns geradezu überschwänglich berichtet: „Einfach toll“ sei die Schule: „Ich habe hier viele Freundinnen, und Mathematik macht mir besonders viel Spaß“, sagt dasMädchen. Die Viertklässlerin deutet nur an, was sie erlebt hat: „Wir mussten beim Frühstück fliehen, als wir draußen Schüsse hörten. Da waren auch viele Schreie.Und viel Blut habe ich gesehen, unsere Nachbarn leben nicht mehr.“ Um ihren Mund herum zuckt es. Dann läuft sie davon. Mit 50 Euro Spende kann Unicef Hefte, Stifte und weiteres Schulmaterial für zehn Kinder beschaffen. Dinja ist bereits eines der Kinder, die damit lernen. Lebensmut im Gegenwert von 50 Euro.

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