Essen - „Still-Leben Autobahn”: Das Ruhrgebiet feiert sich selbst

„Still-Leben Autobahn”: Das Ruhrgebiet feiert sich selbst

Von: Helge Toben, dpa
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Kulturhauptstadt - "Still-Leben Ruhrschnellweg"
An einem Versorgungsstand kaufen die Menschen am Sonntag auf der Autobahn 40 in Höhe Mülheim während der Aktion Still-Leben eine kleine Stärkung. Foto: dpa

Essen. Riesenandrang beim Kulturvolksfest „Still-Leben” auf der für Autos gesperrten A 40 mitten im Ruhrgebiet. Wo sich sonst die Autos stauen, standen am Sonntag Fahrräder und kamen nicht mehr durch. Auch Fußgänger trippelten mitunter nur zentimeterweise voran.

Der fröhlichen Volksfeststimmung auf 60 Kilometern Autobahn zwischen Dortmund und Duisburg tat das keinen Abbruch: Bei strahlendem Sonnenschein feierte das Ruhrgebiet sich selbst und seine „Alltagskultur”. Und wer von den direkten Anwohnern der Stadtautobahn keine Lust hatte, sich in die Menge zu stürzen, schaute einfach mit einem Kissen unter dem Armen aus dem Fenster.

Die Bühne bestand aus 20 000 Bierzelttischen: Jeder konnte sich daran mit seinem Steckenpferd oder seinen Fähigkeiten präsentieren: Kerstin Popall oder Anja Meier aus Essen etwa, die Fußgängern dort Modeschmuck reparierten, wo sonst 150 000 Autos am Tag über die Fahrbahn donnern. „Wir aus dem Pott machen Euren Modeschmuck flott”, dichteten sie. Dichtkunst auf Abruf bot ein Literaturstammtisch: Auf Zuruf eines Wortes entstand am Tisch ein kleines Gedicht - zum Mitnehmen.

Doch nicht nur private Gruppen, auch Firmen, Medien oder Museen hatten Stände. So lud etwa eine Essener Anwaltskanzlei ihre Mandanten an ihre Tische ein. Viele Geburtstage wurden gefeiert wie etwa der 72. von Waltraud Ringelstein aus Essen. Jede volle Stunde sang die Geburtstagsgesellschaft ein „Happy birthday” - auch Passanten sangen mit. Die Erinnerung an die Vergangenheit des Ruhrgebiets als Kohlerevier durfte nicht fehlen: Auf einer Autobahnbrücke sangen Bergmannschöre gemeinsam „Glück auf, ihr Bergleut jung und alt”.

Ganz viel Multi-Kulti war vertreten - kein Wunder in einer Region mit über fünf Millionen Einwohnern aus 170 Nationen. In Duisburg machten knapp 100 junge Damen in weißen Brautkleidern auf sich und ihren Stadtteil Marxloh aufmerksam, der üblicherweise als Problembezirk gilt: Sie verteilten Rosen an die Flaneure. In ihrem Hochzeitsoutfit repräsentierten sie die „romantischste Straße Europas„, die Weselerstraße, in der 52 Brautausstatter ihre Geschäfte haben. „Es geht darum, eine gemeinsame Identität zu schaffen für Marxloh”, sagte Organisator Halil Özet.

Stichwort Identität: Für Ruhr.2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt ist das „Still-Leben” auch eine „große soziale Skulptur”, die ein neues Selbstbewusstsein der Menschen präge. „Man muss sich jetzt nicht mehr entschuldigen, dass man zwischen Münster und Düsseldorf wohnt”. Ob das Riesenfest gar dereinst als das „emotionale Gründungsmoment der Metropole Ruhr” angesehen wird, wie Ruhr.2010- Chef Fritz Pleitgen es erhofft, wird man derweil noch sehen. Auch der Künstlerische Direktor der Kulturhauptstadt-Projektgesellschaft Ruhr.2010, Dieter Gorny, war begeistert. „Es ist beeindruckend - ein wahres Volksfest. Die Kulturhauptstadt kommt an bei den Leuten”, sagte er der dpa.

Am Rande des „Still-Lebens” zeichnete sich ein kleines Wunder ab: Fans der Ruhrgebiets-Fußballvereine Schalke 04 und Borussia Dortmund, die ansonsten in herzlicher Abneigung einander zugetan sind, trafen sich an einem gemeinsamen Tisch unter der augenzwinkernden Überschrift „Freundschaft ohne Grenzen”. „Wir lieben Sechs-Punkte- Lieferanten”, sagte Organisator und Schalke-Fan Christian (36) aus Mülheim. „Dortmund gewinnt nur die entscheidenden Spiele”, gab sein Kumpel Peter (43), BVB-Fans aus Essen zurück. An der Freundschaft wird noch gearbeitet.
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