Berlin - Steffen Seibert: „Kein Entrinnen vor den globalen Entwicklungen”

Steffen Seibert: „Kein Entrinnen vor den globalen Entwicklungen”

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
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Regierungssprecher mit dem Logo unserer Unicef-Aktion: Steffen Seibert unterstützt die Hilfsaktion „SOS vom Dach der Welt” zugunsten der von Armut und Naturkatastrophen betroffenen Kinder in Nepal. Foto: Stephan Doblinger

Berlin. Deutschlands Regierungssprecher Steffen Seibert macht sich für unsere Unicef-Aktion „SOS vom Dach der Welt - wir helfen Nepals Kinder” stark. Der 50-jährige einstige Fernsehjournalist bereiste mit Unicef vor einem Jahr selber den verarmten Himalaya-Staat, war mit dem Kinderhilfswerk zuvor unter anderem in Angola sowie im Sudan. Wir trafen Seibert in seinem Berliner Büro im Bundespresseamt.

Wie ordnen Sie den Umstand ein, dass hier der Vertreter einer Regionalzeitung mit dem deutschen Regierungssprecher über das 7000 Kilometer entfernte Nepal spricht?

Seibert: Dazu zwei Aspekte. Zunächst einmal weiß ich sehr zu schätzen, dass Deutschland ein wunderbares Netz an Regionalzeitungen hat. Man kommt in viele Länder, in denen das schon lange nicht mehr der Fall ist. Dass wir das in Deutschland haben, ist ein journalistischer und damit auch demokratischer Schatz, den wir hüten müssen. Zweitens finde ich das Unicef-Engagement der Aachener Zeitung in dieser langjährigen Kontinuität geradezu vorbildlich. Die Leserinnen und Leser werden sich schon daran gewöhnt haben und sich fragen, was machen die denn nächstes Jahr? Wo geht es denn hin? Ich bin ganz sicher, dass viele Menschen über ihre Aachener Zeitung an das ganze Thema, wofür Unicef steht, erst herangekommen sind.

Was ist von Ihrer Unicef-Projektreise nach Nepal besonders hängen geblieben?

Seibert: Für mich ist vor allem die Erkenntnis hängen geblieben, dass es wohl auf der ganzen Welt keinen noch so abgelegenen Ort gibt, der nicht doch in direkter Weise mit den großen globalen Krisen zu tun hat. Vieles wirkt sich dort aus: Klimawandel, weltweiter Anstieg der Lebensmittelpreise, Finanz- und Wirtschaftskrise, die hunderttausende Männer Nepals als Tagelöhner nach Indien treibt. Es gibt nirgendwo mehr ein Entrinnen vor den großen globalen Strömungen.

Wären Sie Regierungssprecher von Nepal, wie würden Sie die Not des Landes auf den Punkt bringen, die ja nicht so plakativ und schlagzeilenträchtig ist wie zum Beispiel in Haiti oder Pakistan?

Seibert: Es gibt dafür den Begriff „silent Tsunami”. So plakativ der auch ist: Wenn Millionen Menschen vor dem Hintergrund dieser Entwicklung wieder in die Armut und Arme in noch größeres Elend zurück geworfen werden, dann finde ich diesen Begriff gut und richtig. Wir sind es ja in unserer Mediengesellschaft gewohnt hinzuschauen, wenn die großen Katastrophen passieren und die Kameras dabei sind. Und zu Recht haben wir als Welt gelernt, solidarisch und toll zu reagieren. Aber wir gucken notorisch nicht hin, wenn unter anderen Umständen Hunderttausende sterben müssen oder noch mehr Menschen hungern müssen. Dann ist es ein Leiden in der Stille und im Vergessen werden.

Gibt es eine Begegnung während Ihrer Zeit in Nepal, die Ihnen unvergesslich geworden ist?

Seibert: Da gab es einige. Zum Beispiel mit einem jungen Mann auf einem Dorfplatz, der mir erzählte, er sei mit zwölf Jahren nach Delhi für ein tägliches Essen als Bürobote gegangen, wo er hinter den Schreibtischen auch geschlafen habe. Danach sei er als Wasserauffüller in einem Restaurant gewesen und jetzt in einer Tabakfabrik, was er als enormen Aufstieg sah. Sozusagen seine dritte Station mit 18 Jahren. Und dann die Begegnung mit einer Frau, sie hieß Shamati. Bei ihr war ganz viel Resignation. Sei meinte zu mir, es läge nicht in unserem Karma, glücklich zu sein.

Inwieweit hat eine solche Reise auch persönliche Nachwirkungen? Und: Relativieren sich da für Sie unsere Probleme in Deutschland?

Seibert: Jede Reise, die ich mit Unicef gemacht habe, hatte große persönliche Nachwirkungen. Und natürlich ist es banal zu sagen, dass man nach der Rückkehr in Deutschland über die Frage streitet, Steuersenkungen jetzt oder später. Dann sagt man sich, Leute, das hat keine Relation. Aber das nützt uns hier auch nichts. Man kann hier bei uns nichts verschieben, was notwendig ist, weil man weiß, dass in anderen Ländern überhaupt keine Steuern gezahlt oder erhoben werden. Man muss das schon in seinem Kontext sehen. Aber: Zweifelsfrei wirken solche Erfahrungen nach. Für mich sind sie ein Puzzlestein in meinem Verständnis der Welt geworden. Ich weiß jetzt, dass die Steigerung von Lebensmittelpreisen in entlegenen nepalesischen Dörfern bedeuten kann, dass die Menschen nicht täglich, sondern nur alle zwei Tage warm essen können.

Sind das Themen, über die Sie auch mit Ihren Kindern sprechen?

Seibert: Wenn ich von so einer Reise zurück komme, ja. Aber meine Kinder sind nicht besonders vorbildlich, sie sind ganz normale deutsche Wohlstandskinder. Sie hören sich das kurz an und sagen, der wird sich auch wieder beruhigen. Aber sie wissen natürlich schon einiges durch meine Reisen, und sie sind auch aktiv an ihren Schulen. Meine Tochter hat dort zum Beispiel eine amnesty-Gruppe gegründet. Aber sie wollen von mir keine längeren Belehrungen. Wir schauen halt die Fotos zusammen an, und das ist es dann auch.

Und wie sieht es mit der Bundeskanzlerin aus? Haben Sie Frau Merkel von Ihren Erfahrungen mit Unicef schon erzählt?

Seibert: Aber ja doch. Zum Beispiel von dem Projekttrip nach Darfur und auch in den Kosovo. Ich hoffe, dass ich sie einmal dazu kriege, nach Nepal zu reisen. Aber das Land ist ja so klein und so weit weg. Der Zeitplan einer Bundeskanzlerin ist ein schwieriges Feld.

Wie haben Sie die Arbeit von Unicef vor Ort erlebt?

Seibert: Ich habe Unicef dort, wie überall, wenn ich mit Unicef zu tun hatte, als sehr pragmatische, in dem Land verwurzelte, und nicht von außen Rezepte hineintragende Organisation erlebt. Unicef versteht es, Prozesse in Gang zu setzen, die dann von den Menschen selber fortgeführt werden. Da stehen keine Dogmen der Entwicklungszusammenarbeit im Vordergrund, sondern stets ganz praktische Verbesserungen.

Steffen Seibert, ehedem Fernsehjournalist beim ZDF, ist seit 11. August 2010 Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung und Regierungssprecher. Der 50-Jährige ist verheiratet mit einer Malerin und hat eine Tochter und zwei Söhne. Seibert ist evangelisch getauft und konvertierte 2007 zum katholischen Glauben. Seit langer Zeit engagiert sich Seibert bei Unicef und bereiste unter anderem Angola, Sudan, Nepal sowie für eine Aids-Aufklärungskampagne die ukrainischen Städte Odessa und Kiew.
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