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Ruf des Ostens: Russland lockt die deutschen Bauern

Von: Burkhard Fraune, dpa
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Berlin. Eigentlich wollte Stefan Dürr nur zum Praktikum nach Russland. 1989 war das, doch der Bauernsohn aus dem Odenwald ist immer noch dort. Und wie: Dürr zählt zu den hundert größten Agrarunternehmern des riesigen Landes. 1500 Menschen arbeiten in seinen Betrieben von der ukrainischen Grenze bis Nowosibirsk.

100.000 Hektar, 6000 Kühe, 30 Millionen Euro Umsatz, das sind die Eckdaten. „Auf dem Traktor sitze ich nur noch, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin”, sagt der 45-Jährige und versichert: „Russland ist viel besser als sein Ruf.”

Moskau braucht dringend viele Stefan Dürrs für seine rückständige Landwirtschaft und umgarnt deshalb deutsche Bauern. Doch diese zieren sich; nur wenige folgen dem Ruf des Ostens.

„Im 19. Jahrhundert haben deutsche Ingenieure unsere Wirtschaft entwickelt, im 21. Jahrhundert sind deutsche Landwirte herzlich eingeladen, unsere Landwirtschaft gemeinsam mit uns zu entwickeln”, bezirzt Agrarminister Alexej Gordejew auf der Grünen Woche in Berlin die Deutschen und selbst Regierungschef Wladimir Putin schaut vorbei - als hochrangigster Gast der weltgrößten Agrarmesse. Russland - schon im Vorjahr größter Aussteller und Einkäufer - nutzt Berlin wie kein anderes Land als Bühne.

„Es gibt dort einen eklatanten Mangel an Know How”, erklärt Gerline Sauer, Expertin beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte fehlten. „Außerdem brauchen die Russen Geld.”

Moskau kauft deutlich mehr Agrarprodukte ein als es ausführt, vor allem Fleisch. Die Landwirtschaft arbeitet oft noch wie zur Sowjetzeit, Ackerland von der Größe Spaniens liegt brach.

Die deutsche Wirtschaft meint, dass Bauern mancherorts bis zu zu 80 Prozent mehr aus dem russischen Boden holen könnten und sieht Absatzmöglichkeiten für deutsches Saatgut, Pflanzenschutzmittel, Landtechnik und Zuchttiere.

„Ich glaube aber nicht, dass wir eine Auswanderungswelle erleben wie bei Katharina der Großen. Dafür geht es uns noch zu gut”, sagt Sauer. Bisher habe es gerade einmal eine Hand voll Wagemutiger in Russland geschafft, einige dächten über den Schritt nach.

Als Stefan Dürr vor 20 Jahren ankam, brach gerade die Sowjetunion zusammen. Land habe es fast geschenkt gegeben, neben der Landwirtschaft schwang Dürr sich zu einem der größten Landmaschinenhändler Europas auf. Er meint, die Chancen seien heute ähnlich gut.

Große Möglichkeiten sieht auch der Göttinger Unternehmensberater Cord Amelung. Er zählt auf: Flächenkosten, Gebäudekosten, Löhne, Umweltauflagen - alles niedrig. Doch Amelung warnt auch. Weite Wege und hohe Transportkosten erschwerten die Vermarktung, die notwendige Organisationshierarchie sei schwierig durchzusetzen. Mammutbetriebe wie den von Stefan Dürr sieht er auf Jahre hinaus als Ausnahme.

Die deutschen Bauern bremsen nicht nur wirtschaftliche Gründe. „Die Frauen wollen meistens nicht mit”, erklärt Sauer. Selbst die rund 50 deutschen Landwirte in der Ukraine seien meist ohne Familie dort. Unternehmer Dürr meint, es liege auch am Ansehen Russlands. „Es wirkt immer fern und böse und unsicher.”

Auf der Grünen Woche arbeiten die Aussteller dagegen an: Die südrussische Region Krasnadar etwa wirbt mit großen Investitionsmöglichkeiten und einer hoch entwickelten Ernährungsindustrie. Und die Messe-Ausgabe einer Bauernzeitung aus dem etwas näher an Moskau gelegenen Kaluga stellt klar: „Es ist nicht wahr, dass die Russen nur beim Wodka-Trinken gut sind und mit den Bären spazieren gehen.”
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