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Radelnd zum Big Ben: Fahrrad-Revolution in London

Von: Michael Donhauser, dpa
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London. Rote Busse, schwarze Taxis: London ist für den motorisierten Verkehr bekannt. Verstopfte Straßen und überfüllte U-Bahnen lassen immer mehr Londoner aufs Fahrrad umsteigen. Der Bürgermeister spricht von einer „Revolution auf zwei Rädern”.

Was haben das westfälische Münster und die Weltstadt London gemeinsam? Es regnet dauernd und wenn nicht, dann läuten die Glocken - in Münster von St. Lamberti, in London der Big Ben.

Seit der exzentrische Boris Johnson Bürgermeister von Greater London ist, wird eine weitere Gemeinsamkeit immer sichtbarer. London, bekannt für rote Doppeldeckerbusse und schwarze Taxis, die sich durchs Verkehrschaos wühlen, will Fahrradhauptstadt Europas werden - und Münster seinen Dauertitel streitig machen.

Den ersten großen Testfall soll die Metropole Anfang dieser Woche erleben - das Personal der U-Bahn will streiken. „Alles auf die Räder”, heißt Johnsons Devise. London sei auf dem Weg, das „Epizentrum der Pedalkraft” zu werden, sagt der Bürgermeister - vielleicht etwas großspurig.

Die Stadt stehe „vor einer Revolution auf zwei Rädern”. Hunderttausende Pendler sollen nach dem Willen Johnsons von der ohnehin störungsanfälligen U-Bahn aufs Fahrrad umsteigen. Damit sie sich nicht verfahren, stellt er ihnen auf den Haupt-Pendlerstrecken durch die Stadt sogar ortskundige Führer zur Seite.

Bei seinem Ansinnen, London fahrradfreundlich zu machen, überlässt Johnson nichts dem Zufall und pumpt jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge in die Radlertauglichkeit seiner Stadt. Die Olympischen Spiele 2012 stehen vor der Tür, und die Gastgeber sollen in aller Welt auf keinen Fall als unsportlich wahrgenommen werden.

Tatsächlich nimmt die Zahl derer, die auf zwei Rädern und nur mit Muskelkraft die oft langen Wege in die Büros der City und wieder nach Hause bewältigen, stetig zu. Am Sonntag nahmen beim „Sky Ride” 65.000 Radler die für Autos gesperrten Straßen der Stadt in Beschlag.

Gemeinsam mit einem großen Bankhaus als Hauptsponsor hat Johnson einen Masterplan entwickelt, der ein ganzes Bündel von Maßnahmen vorsieht. Ein Netz blau angestrichener Radwege, sogenannter „Cycling Super-Highways”, soll die Stadt durchziehen, die ersten sind bereits entstanden. Der Kauf von Neurädern ist unter bestimmten Bedingungen steuerfrei, die Internetseite der U-Bahn wirft auf Wunsch auch kombinierte Verbindungen für Fahrradpendler aus. Die ganze Stadt ist auf einem integrierten System von Fahrradkarten erfasst.

Seit vier Wochen ergänzen die neuen Leihräder das Stadtbild. 6000 blau lackierte Fahrräder, spendiert vom Hauptsponsor, stehen an 335 Stationen verteilt über das ganze Stadtgebiet bereit. Die erste halbe Stunde ist für registrierte Nutzer kostenlos, die zweite kostet ein Pfund (1,22 Euro). Das Fahrrad ist damit billiger als die oft überfüllte und verspätete Londoner U-Bahn. 350.000 Mal griffen Touristen und Einheimische schon in den ersten vier Wochen zu. Bis Jahresende sollen 70 Leihstationen hinzu kommen.

Die eher klobigen „Boris-Bikes” wie die örtliche Boulevardpresse die blauen Räder unter bewusster Vermeidung des Sponsoren-Namens nennt, sind aber längst nicht die Regel auf den Straßen der Themse-Metropole. London ist auch was das Fahrradfahren angeht avantgardistische Mode-Stadt.

Viele der Pendler nutzen trendige Falträder des Edel-Herstellers Brompton, um den Arbeitsweg per Fahrrad mit U-Bahn oder Bus zu kombinieren. Andere probieren den neuesten Schrei an Mountain-Bikes oder Rennrädern mit Carbon-Rahmen aus. „Sehr beliebt sind zurzeit Fixed Gears”, sagt Fahrradhändler Thomas aus dem Stadtteil Hackney. Sie haben weder Schaltung noch Bremse und gelten deshalb als hochgradig gefährlich.

Die Hauptgefahr bleibt aber weiterhin der alte Konflikt zwischen den in London oft pfeilschnellen Radlern und den eher rücksichtslosen Autofahrern. Und wer ohne Unfall und ohne einen Platten über die oft holprigen und manchmal auf einem vielbefahrenen Kreisverkehr endenden Radwege gekommen ist, hat möglicherweise ein anderes Problem.

„Ohne Schloss 20 Minuten”, sagt Fahrradhändler Thomas auf die Frage, wie lange ein Fahrrad im rauen Osten der Stadt stehen bleibt, ohne geklaut zu werden. „Mit Schloss 40 Minuten”, ergänzt er.

Wer diese Erfahrung gemacht hat, könnte sein Rad später bei einem der vielen Händler mit Rasta-Locken wiederfinden, die in den Parks zu guten Preisen „Gebrauchte” anbieten, ihren Namen aber lieber nicht nennen wollen: „Nenn mich einfach Fahrradmann”, sagt einer.
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