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Pilzsuche und Erholung: Auf Friedhöfen wird nicht nur getrauert

Von: Ulrike Hofsähs, dpa
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Düsseldorf. Friedhöfe sind Orte der Trauer, in diesen Wochen brennen Kerzen für die Toten. Aber es muss nicht immer November sein für einen Besuch auf dem Gottesacker, und viele führt nicht das Gedenken an die Verstorbenen dorthin. „Es gehen Menschen auf Friedhöfe, um bewusst Natur zu erleben”, weiß Thomas Eberhardt-Köster vom Gartenamt der Stadt Düsseldorf.

Mehrfach im Jahr bieten Fachleute gut besuchte Erkundungen an. Vogelstimmen, Pilze oder historische Gräber sind das Thema. In den großen Städten, bestätigt der Verband der Friedhofsverwalter, sind naturkundliche Spaziergänge keine Seltenheit.

Da stapft in Düsseldorf eine Gruppe morgens an den Grabsteinen vorbei und spitzt die Ohren. Ein Zaunkönig singt hier, dort ein Rotkehlchen, da hinten ganz leise ein Wintergoldhähnchen. Weiter gehts, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Es ist sechs Uhr in der Frühe und stockdunkel zwischen den Gräbern, aber es geht nicht um Tod und Trauer.

Der Sprecher der Friedhofsverwalter, Michael Albrecht, meint - so paradox es klingt - der Erholungswert mancher Friedhöfe sei beträchtlich. Manche haben eine Grünfläche von mehr als 50 Prozent. Der Friedhof Ohlsdorf in Hamburg ist mit 400 Hektar der größte in Europa. 13 Bushaltestellen erschließen das Gelände, 80 Prozent ist Grünfläche. Viele Begräbnisstätten sind außerdem zentral gelegen und regelrechte grüne Oasen - etwa der schöne Alte Friedhof in Bonn.

„Die erste Begegnung im Leben mit einem Friedhof ist oft sehr spät”, berichtet Albrecht. Die Friedhofsverwalter wollen den Ort, wo die Toten ruhen, aus der Tabuzone holen und Hemmschwellen aus dem Weg räumen. „Viele Leute machen vor dem Eingangstor Halt, weil sie denken, dass da eine andere Welt beginnt. Und das ist einfach nicht so”, sagt Albrecht. Aktionen mit Kindergärten oder Schulklassen, Konzerte, das alles ist vorstellbar. „Aber die Trauerarbeit soll nicht gestört werden.”

Die Filmvorführung auf einem Friedhof in Nürnberg war für manche zu pietätlos. Die Stadt hatte in diesem Sommer auf dem Westfriedhof zwei Spielfilme gezeigt, die Tod und Bestattungskultur behandeln. Es gab weder Alkohol noch Werbung, aber im Internet hagelte es Proteste. Die Stadt machte einen Rückzieher und entschuldigte sich bei denen, deren Gefühle verletzt wurden. Als Kulturraum ist dieser Friedhof nun tabu. Konzerte oder auch eine Ballettperformance, die es auch schon gab, sind gestrichen. In Osnabrück lief in diesem Sommer der Filmklassiker „Vampyr” in der Kapelle auf dem parkähnlichen, historischen Hasefriedhof: Es gab gar nicht genug Stühle für alle Besucher.

In Düsseldorf kann das städtische Krematorium sogar besichtigt werden. Dreimal im Jahr führt Axel Zschuckelt etwa 30 Teilnehmer. Dabei gehen die Besucher den Gang des Sarges nach, von der Kühlzelle bis zur Verbrennung. „Die Leute interessieren sich immer mehr dafür”, sagt Zschuckelt. Anlass ist oft, dass Angehörige gestorben sind, eingeäschert wurden und die Besucher das aufarbeiten wollen. Mit der Zeit löse sich erfahrungsgemäß die anfangs gedrückte Stimmung, berichtet der Leiter des Krematoriums. „Ich gehe so richtig beruhigt hier raus”, hat er von einer Besucherin gehört, die nach Tod und Einäscherung eines Angehörigen gekommen war.