Mit Kopftuch und Maßkrug: Oktoberfest weltweit

Von: Bernd Kubisch, dpa
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Oktoberfest
Fussballlegende Franz Beckenbauer und seine Frau Heidi feiern in Timmendorfer Strand bei Lübeck beim Oktoberfest. Das erste Oktoberfest des Jahres findet vom 7. bis 16. August 2009 mit zahlreichen prominenten Gästen an der Ostsee statt. Danach geht es munter weiter mit den Wiesn - und zwar weltweit. Foto: dpa

Jakarta/Sosua. In Jakarta schunkeln Christen, Hindus und Muslime gemeinsam. Eine Frau im Kopftuch hebt ihren Maßkrug mit Mineralwasser. Josef Grasegger und die Blasmusiker aus Garmisch Partenkirchen locken in Indonesiens Hauptstadt gerade mit der „Polonaise Blankenese” über 700 Feiernde aus vielen Nationen zum Tanz auf hölzerne Bänke und Parkett. Das Bier in den Krügen schäumt.

Gut 20 Flugstunden weiter westlich im dominikanischen Sosua prosten sich am Holztisch eine Deutsche, eine Karibin und eine Thailänderin zu. Ein Sachse und eine Bayerin legen „Herzilein” auf.

Vor ihrer Fleischerei unweit des Karibikmeeres feiern Menschen aller Hautfarben unter Sonne und Palmen mit Leberkäse, Weißwurst, Brezn, Hellem und süffigem Bock.

Es ist Oktoberfestzeit: bayerisch-deutsch, zünftig, herzlich, grenzüberschreitend, völkerverbindend. Gefeiert wird rund um die Erdkugel, in knapp 3000 Orten in gut 100 Staaten, am häufigsten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, den USA.

„Das Oktoberfest ist einer unserer bedeutendsten Exportartikel für München, ein imagefördernder Faktor rund um den Globus”, sagt Gabriele Weishäupl, Tourismusdirektorin der bayerischen Landeshauptstadt und Festleiterin der „Wiesn”.

Nicht nur für München. Denn mit Siemens, Porsche, Bayer, BMW, Mercedes und Volkswagen, Franz Beckenbauer, Boris Becker, Steffi Graf und Michael Schumacher gehört das Oktoberfest zu den größten Welterfolgen von „made in Germany”.

Das Wiesn-Original 2009 findet vom 19. September bis 4. Oktober statt. Sechs Millionen Gäste aus aller Welt - von Argentinien bis Zypern - werden erwartet.

Die meisten Oktoberfesttage auf der riesigen Theresienwiese sind im September, weil dann die Sonne über Bayern noch ein wenig kräftiger scheint. Bierausschank und Fahrgeschäfte schließen schon lange vor Mitternacht. Sonst würde es noch mehr „Bierleichen” geben.

Wer im Oktober in T-Shirt oder Bluse und bis zum Morgengrauen feiern will, muss näher an den Äquator und in exotische Länder, wo es das ganze Jahr über warm ist, sich kaum einer über nächtlichen Lärm beschwert und Behörden und Polizei Festivitäten sehr locker handhaben.

„Wir brauchen keine Millionen, um glücklich zu sein”, sagt Petra Zuleger aus Ingolstadt. Damit meint die 55-jährige Chefin der Metzgerei „Carneceria Productos Bavaria” in Sosua weniger das liebe Geld als vielmehr die hier bescheideneren Oktoberfest-Besucherzahlen. „Kleine Sachen können auch fröhlich machen”, sagt die Oberbayerin.

Ihr Lebenspartner Erhard Walther (59), Sachse und Wahlbayer, sowie ihre Tochter Antje Niemeier (32), beide Mitinhaber der Fleischerei, nicken und lächeln.

Zum Oktoberfest 2008 speisten, tranken, tanzten und schunkelten an zwei Tagen insgesamt über 700 Gäste vor Metzgerladen und Produktionsräumen. Die lokale Presse berichtete auch mit vielen Fotos.

Und das Oktoberfest-Video inklusive einer Haitianerin im roten Dirndl und blonden und brünetten auf dem Tisch tanzenden Grazien kann weltweit im Internet angeklickt werden (http://classic.myvideo.de/watch/5321096/Oktoberfest_bei_Bavaria).

Vom Flachdach des ockerfarbenen Metzgereigebäudes grüßen zwei bayerische Gipslöwen, unten im Vorzelt auf dem Parkplatz an der Küstenstraße munden bayerische Schmankerl. „Leberkäse, Würstl, Geräuchertes, alles frisch und hausgemacht”, sagt Erhard Walther. Das Triumvirat aus Bayern feilt gerade am nächsten Fest.

„Wir brauchen wieder ein Vorzelt”, sagt die Ingolstädterin Zuleger. „Und wieder zehn Sorten Bier, Helles, Export, Weizen und viel süffiges Bockbier. Das mögen die Señoras so gern”, ergänzt ihr Partner Walther schmunzelnd.

Etwas größer und nobler, aber dennoch zünftig geht es beim Oktoberfest in Jakarta zu. Hoteldirektor Stefan Gäßler hat die Krachlederne angelegt.

Als Moderator hüpft er zwischen Bandleader Josef Grasegger und den anderen Musikanten auf der Bühne im weiß-blau dekorierten Ballsaal des Aryaduta auf und ab.

Der 45-jährige Schwabe aus Albstadt-Ebingen und die Bläser aus Oberbayern heizen gerade mit flotten Sprüchen und „Oans, zwoa, gsuffa” ein. Unten schunkelt Gäßlers koreanische Frau Isabel, die ein flottes Dirndl trägt, mit Japanern und Chinesen.

Christen, Buddhisten, Hindus und Muslime prosten sich aus Maßkrügen zu. Es ist gewiss nicht häufig auf der Welt, dass eine korangläubige Frau mit Kopftuch das schwere Bierglas hält und bei Blasmusik daraus einen großen Schluck Mineralwasser nimmt.

Ein Hotelgast aus Franken spekuliert in froher Runde, dass der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber bei seinen Zeltmarathons auf der Wiesn in München manchmal Tee im Krug gehabt habe, um nach dem vielen Prosten noch fit zu sein.

„Doch Genaues weiß man nicht”, meint der Nürnberger mit schwerer werdender Stimme.

Das Buffet ist deftig-edel und üppig: Knusprige Haxen liegen zwischen Platten mit Nürnberger, Weißwurst, Geräuchertem und Presskopf. Sauerkraut türmt sich neben Kartoffelsalat. Konfekt, Torte und Obst locken an einem anderen Tisch.

Eine 24-jährige Serviererin aus Jakarta lächelt mit schneeweißen Kopftuch und konservativem, aber schickem Outfit durch eine Riesenbrezn in die Kamera. „Es ist nett, dass Sie fragen wegen des Fotos”, sagt die junge Frau. Beim Oktoberfest wolle sie „nicht nein sagen”. Vor ihrer Moschee sei das eine andere Sache, erläutert sie.

Indonesien ist das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt, über 85 Prozent der etwa 240 Millionen Bewohner sind Korangläubige, sehen ihre Religion aber vergleichsweise tolerant. Die vielen ausländischen Geschäftsleute und Touristen sorgen an diesem Abend für den ultimativen Glaubens-, Kultur- und Nationenmix.

Viele Oktoberfeste sind preiswerter als das Original in München. Umgerechnet 45 Euro kostet das Ticket für den Abend im „Aryaduta”. Musik, Bier, Softdrinks, Kaffee und Speisen bis zum Abwinken sind inbegriffen. Und einen Maßkrug als Souvenir gibts für jeden Gast noch dazu. Den nehmen nicht nur die Bier-, sondern auch die Tee- und Wassertrinker gern nach Hause. Kein Wunder, dass die etwa 800 Tickets für jeden der zwei Abende schnell ausverkauft sind.

Der Schwabe Gäßler und seine asiatische Frau sind inzwischen in Ägypten. Denn Generalmanager von Hotels wechseln meist regelmäßig. Das Reich der Pyramiden gilt bisher nicht als Oktoberfestland. Doch in Jakarta geht die Wiesn weiter, auch 2009. Von den blutigen Hotelanschlägen im Juli 2009 will sich keiner einschüchtern lassen. Vor solchen Taten fanatischer Selbstmordattentäter sei heute leider niemand auf der Welt sicher, argumentieren Geschäftsleute in Jakarta.

Robert Kunz aus Pocking in Niederbayern hat als Resident Manager des „Aryaduta” schon längst alle wichtigen Vorbereitungen für das kommende Fest getroffen. Er muss auf die wechselnden Termine des Ramadan Rücksicht nehmen.

Denn im Fastenmonat der Muslime wird natürlich kein Oktoberfest gefeiert. „Das Ticket wird wieder etwa 45 Euro kosten, 630.000 indonesische Rupien”, erläutert der Manager. Und Josef Grasegger sagt: „Es ist immer eine tolle Stimmung in Jakarta.” Er freut sich, dass sich weltweit die Oktoberfeste über viele Wochen verteilen. Das sei „gut fürs Geschäft”.

Am 4. und 5. September feiert das Grand Hilton in Seoul in diesem Jahr sein Oktoberfest. „An den zwei Tagen kommen über 2000 Leute aus gut 80 Ländern zusammen. Und alle schätzen Frieden und Geselligkeit”, sagt Generalmanager Bernhard Brender.

Der 64-Jährige aus Obermünstertal im Schwarzwald lebt seit 1991 in Korea und kennt sich auch aus im Oktober- und Sponsorengeschäft. Wie in Jakarta werden hier bayerische Band und wichtige Festutensilien von Lufthansa eingeflogen.

Brender weiß auch: „Die Deutschen sind unglaublich beliebt in Korea”, und das nicht nur wegen ihrer Feste und attraktiven Autos. High Tech, Tüchtigkeit, Fußball und Kultur aus „Germany” sind sehr geschätzt.

Und Zehntausende koreanischer Bergarbeiter und Krankenschwestern, die vor etwa 40 Jahren nach Frankfurt, Köln, München und ins Ruhrgebiet kamen, berichteten viel Gutes. Manche feiern nach ihrer Rückkehr nach Südkorea ihr eigenes kleines Bierfest oder bauen sich ein Häuschen mit Fachwerkelementen.

Selbst Johann Wolfgang Goethe hat sozusagen seit Jahrzehnten Fans im „Land der Morgenröte”. Der Wirtschaftsmagnat Shin Kyuk-Ho war von den „Leiden des jungen Werther” und dessen Liebe zu Charlotte so angetan, dass er sein gesamtes Imperium - inklusive edler Warenhäuser und Hotels - schon vor Jahrzehnten „Lotte” nannte.

Wenn sich Deutsche und Koreaner beim Oktoberfest in Seoul zuprosten, dann ist das oft mehr als Schunkeln und Bierseligkeit.

Ein kleines Oktoberfest, dafür mit Elefantenblick, feiern Ulrich Zdrzalek, seine kambodschanische Familie und internationale Gäste im „Edelweiss” in Phnom Penh. Der Weltenbummler aus Westfalen-Lippe, der auch lange in Hessen lebte, baut dann auf dem Bürgersteig vor seinem kleinen Restaurant noch ein paar Tische, Stühle und ein Vorzelt auf. „Alles ist hausgemacht”, sagt Zdrzalek, der Leberkäse, Brezn, Roggenbrot und Wurst selbst herstellt.

Abends trottet auf der Hauptstraße zwischen „Edelweiß” und dem Zusammenfluss von Mekong und Tonle Sap vermutlich Dickhäuter „Jumbo” vorbei, der von vielen Restaurants mit Bananen und Baguette gefüttert wird. Bettelnde Kinder und einige Krüppel, denen ein Arm oder ein Bein fehlt, erinnern an die früheren Kriege und die Grausamkeiten des Pol Pot-Regimes in Kambodscha. „Zum Glück geht es ein wenig aufwärts, auch dank des Tourismus”, sagt der „Edelweiß-Chef”.

„Mister Uli”, wie er genannt wird, hat noch Tipps für mögliche Auswanderer: „Wir suchen noch einen Rentner mit Akkordeon, der hier seinen Lebensabend verbringen möchte.” Einige wichtige Vorteile: Die Sonne scheint das ganze Jahr. Auch eine kleine Euro-Rente hat in dem armen südostasiatischen Land viel Kaufkraft. Und neben dem Oktoberfest gibt es hier am Mekong viele Partys, Bars und Restaurants, wo ein Akkordeonspieler etwas verdienen kann.

In vielen Ländern geht es beim Oktoberfest nicht nur um Schunkeln, Bier und deutsche Gemütlichkeit, sondern auch um original münchnerisch-bayerisches Brauchtum. Im Dorf Villa General Belgrano in Argentinien verzehrt mancher in Dirndl oder Lederhose zwar Schwarzwälder Kirschtorte zum Bier, zumindest etwas ungewöhnlich für einen Ur-Münchner. Aber dennoch kommen die Deutsch-Argentinier in ihrem Dorf mit ihrer kleinen „Wiesn” ganz gut an die Traditionen des Originals heran. Musik, Trachten und Tänze seien sogar fast schöner, meinte vor einigen Jahren ein Gast aus Alemania. „Hier tanzt das ganze Dorf. In München schunkeln die meisten doch nur.”
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