Männerforschung: Macho in der Krise?

Von: Ulrike von Leszczynski, dpa
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Macho / heißer Mann
Hat sich das klassische Bild von Männlichkeit seit den 50er Jahren um 180 Grad gedreht? Nicht ganz, sagen Forscher, die in Berlin auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung über Männerbilder diskutieren. Foto: dpa

Berlin. Fußballstars küssen sich im Stadion, Schwule werden Regierungschefs und kleine Jungs tragen auch mal Mädchenkleider. Hat sich das klassische Bild von Männlichkeit seit den 50er Jahren um 180 Grad gedreht?

Nicht ganz, sagen Forscher, die an diesem Dienstag in Berlin auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung über Männerbilder diskutieren. Sie bezweifeln, dass Mann heute überall seine weiche Seite zeigen kann - und will.

Wann ist ein Mann ein Mann? Das fragte Herbert Grönemeyer schon in seinem Erfolgssong aus dem Jahr 1984. Wenn er außen hart ist und innen ganz weich? Dem österreichischen Erziehungswissenschaftler Edgar Forster kommen zwei Bilder in den Kopf, wenn er an Männer in den 50er Jahren denkt - und an heute. „Damals war ein Mann mit Kinderwagen ein Angriff auf die männliche Identität”, sagt er. Heute fällt ihm Fußballspieler David Beckham ein. Für Forster steht er für einen Männertyp, der bewusst seine feminine Seite herauskehrt - als metrosexueller Großstadtmann, der Mode mag, Maniküre - und Frauen.

Jeder Mann ist anders, den Einheitstypen gibt es nicht. Doch Forster hat eine These zu den gebildeten Männern der Mittelschicht in Großstädten. „Es gibt wenig Anzeichen, dass sie sich seit den 50er Jahren im Alltag stark verändert haben”, sagt der Professor. Je tiefer man in den privaten Bereich hineinblicke, desto größer sei ihr Beharrungsvermögen. Noch immer zähle das klassische Männerbild vom starken, konkurrenz- und wettstreitorientierten Mann, der die Familie durchbringt - und im Haushalt nur ein bisschen hilft.

Sollten also alle Kinderwagen schiebenden Männer in den Szenekiezen der Großstädte nichts anderes sein als ein großer Bluff? Die jüngste deutsche Elterngeld-Statistik spricht schon dafür. Elterngeld ist Müttergeld. Die meisten Väter geben - wenn überhaupt - nur zwei Monate den Vollzeit-Papi.

„Zwischen Einstellung und Handlungsweisen vieler Männer klafft eine große Lücke”, sagt Detlef Pech, Erziehungswissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität. Zwar redeten Männer seit den 80er Jahren vom Wert der Familienarbeit. „De facto tun sie es aber nicht”, ergänzt Pech. Für ihn sitzen Männer in der Zwickmühle. Die Gesellschaft - und viele Frauen - fordern den teamfähigen Typ mit Einfühlungsvermögen. Doch das traditionelle Bild vom Machtmenschen, der einsam rationale Entscheidungen trifft, ist in der Gesellschaft und in manchem Unternehmen auch noch tief verwurzelt. „Diese Widersprüchlichkeit muss jeder Mann für sich auflösen”, sagt Pech.

Die Jungs von heute versuchen es. An den Unis Dortmund und Bielefeld forscht ein Team um Barbara Koch-Priewe darüber, wie sich Männlichkeitsvorstellungen von 15-Jährigen verändern. Ein gutes Jahrzehnt liegt zwischen einer Befragung von 1600 Jungen im Jahr 1998, der jüngsten Erhebung 2005 und ihrer Auswertung 2009. War am Ende des 20. Jahrhunderts der coole Sprüchemacher Favorit vieler Jungs, liege nun der smarte Gewinnertyp vorn, berichtet die Professorin. „Der Macho ist vollkommen out.”

Auf die Frage, wie ein Junge sein sollte, antwortet die Mehrheit der Teenager heute mit Charakterisierungen wie intelligent, charmant, kompetent, witzig - und gut aussehend. Doch die Jungen gibt es genauso wenig wie die Männer. In ganz unterschiedlichen Jungen- Gruppen hat auch der fleißige, treue und zuverlässige Typ seine Anhänger. Auch der Macho wird gelegentlich noch bewundert.

Viele Jungen finden es heute aber nicht schlimm, wenn sie mal weinen. „Weicher zu sein, ist erlaubt”, sagt Koch-Priewe. Viele Jungen billigten den Mädchen heute die gleichen Rechte zu, die sie für sich selbst beanspruchen - bis hin zu Erfahrungen mit Sex. Doch reden die Jungs nur davon - oder handeln sie später auch danach?

In der öffentlichen Männerinszenierung ist der weiche Typ nach Detlef Pechs Analyse heute nicht sehr gefragt. „Vor zehn Jahren hat sich Tony Blair noch mit seinem Baby auf Plakaten abbilden lassen. Das würde heute kein Politiker mehr machen”, schätzt er. Denn in Zeiten von Terror und Wirtschaftskrise habe der starke Mann wieder Konjunktur. „Das klassische, patriarchale Männerbild war in der Krise. Nun gibt es eine Art Rückschlag”, urteilt der Forscher.

Im Vergleich zu den 50er Jahren hätten Männer heute aber mehr Freiräume, betont Pech. Sie können in vierter Ehe Kanzler werden oder als bekennende Homosexuelle Regierender Bürgermeister von Berlin. Doch warum outet sich in der Fußball-Bundesliga kein Spieler als schwul? Warum können Teenager-Jungs zu Hause vor dem TV schon mal kuscheln - aber nicht in der Kneipe? „Männer können ihre weichen Seiten nur in einem Kontext zeigen, den niemand infrage stellt”, resümiert Pech. Dazu gehören der Schutzraum Familie oder auch Stadion-Rituale. „Einfach so, das geht nicht.” Pech würde sich das wünschen.

Wenn Männer sich verändern, resümiert Wissenschaftler Edgar Forster, sei das selten freiwillig. Zur Aufgabe ihrer Privilegien bringe sie eher Druck von außen. Viele Frauen seien heute wirtschaftlich unabhängiger - und können missliebige Männer verlassen. Gesetze gegen sexuelle und häusliche Gewalt haben nach Forsters Meinung viel zum Familienfrieden beigetragen. „Männer waren gezwungen, ihre Positionen zu überdenken”, sagt er.
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