Krieg der Religionen, Katastrophe für die Massen

Von: Manfred Kutsch
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Ein junges Mädchen und ihre Mutter unter Flüchtlingen: Sie übernachten in einem Camp auf dem Militärflugplatz außerhalb der Hauptstadt Bangui. Die ganze Bevölkerung der Zentralafrikanischen Republik, 4,6 Millionen Menschen, ist von der Krise betroffen. Die Hälfte von ihr sind Kinder, die weiterhin von medizinischer Versorgung, Bildung und anderen Grundversorgungsgütern abgeschnitten sind. Foto: Unicef

Aachen/Bangui. Ein vergessener Krieg rückt ins Licht der Weltöffentlichkeit. Die einstimmige Entscheidung des UN-Sicherheitsrates, 12.000 Blauhelme „mit einem robusten Mandat“ in die Zentralafrikanische Republik zu entsenden, soll zwanzig Jahre nach dem Genozid ein „zweites Ruanda“ verhindern.

Die UN rief die höchste Notfallstufe für das nur fünf Millionen Einwohner zählende Land aus. Denn im Schatten des weltweiten Fokus auf die Ereignisse im Irak, Syrien und in der Ukraine eskaliert die Krise in Zentralafrika zu einer humanitären Katastrophe.

Das Land, dessen zahlreichen Religionen bislang friedlich in Nachbarschaften lebten, hat sich durch die Massaker christlicher und muslimischer Milizen an der jeweils andersgläubigen Zivilbevölkerung zu einem Pulverfass gewandelt. Rund eine Million Menschen sind auf der Flucht. Tausende Opfer starben. „Die staatliche Ordnung ist völlig zusammengebrochen, insgesamt 2,3 Millionen Kinder befinden sich durch Gewalt, Vertreibung und Hunger in einer Notlage, schätzungsweise 6000 Mädchen und Jungen werden als Kindersoldaten missbraucht“, sagt Unicef-Krisenmanager Daniel Timme (40), ein gebürtiger Aachener.

Im verarmten Herzen Afrikas, in dem jedes zweite Kind arbeiten muss, um zu überleben, herrscht totales Chaos, seitdem das muslimische Rebellenbündnis Séléka im März 2013 den korrupten Präsidenten Francois Bozizé stürzte und anschließend das Land mit Überfällen, Brandanschlägen und Vergewaltigungen überzog. Der Putsch stürzte das im Norden von Savannen und im Süden von Regenwald geprägte Land in eine Spirale der Gewalt. Auf der Gegenseite formierten sich Bozizés christlich geprägte Anhänger, schlugen auf ebenso barbarische Weise zurück und vertrieben mit ihren „Anti-Balaka“-Milizen im Dezember 2013 den Putsch-Präsidenten Michel Djotodia. Bis heute setzen sie ihre Überfälle und Exekutionen am muslimischen Bevölkerungsanteil, der nur zehn Prozent beträgt, mit unerbittlicher Härte fort. Erst jüngst musste ein 7000-köpfiges Flüchtlingslager der Muslims in den Tschad verlegt werden, um es vor Übergriffen zu schützen. Deren vertriebene Miliz Séléka wiederum hinterlässt bei ihrem Rückzug in Nachbarländer blutige Spuren. „Es passieren fürchterliche Dinge, die Rechte der Kinder werden mit Füßen getreten“, berichtet Timme.

Bei Versöhnungsspiel erschossen

Erst jüngst wurden bei einem Versöhnungsfußballspiel zwischen Muslims und Christen jugendliche muslimische Spieler erschossen. Als Racheakt schlug am nächsten Tag in der Hauptstadt Bangui eine Granate in eine Kirche ein und tötete unter anderen zehn Kinder. „Das Problem ist, dass nicht alle Milizen über zentrale Ansprechpartner verfügen“, klagt der Unicef-Mitarbeiter.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen sorgt zunächst einmal für das Nötigste: Priorität hat der Kampf gegen die um sich greifende Mangelernährung, 28.000 Kinder sind nach Einschätzung der Helfer in akuter Lebensgefahr. Für die überbordenden Flüchtlingslager werden Zeltplanen, Haushaltsgeräte und provisorische Schulen benötigt, „um den Kindern einen überlebenswichtigen Hauch von Normalität zu geben“, so Timme. Aber: Der Konflikt ist derzeit weltpolitisch im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu wenig präsent. „Von den 81 Millionen Dollar, die Unicef für sein Programm der ersten Nothilfe eingeplant hat, sind erst 27 Prozent finanziert“, sagt Daniel Timme.

Zudem ist das persönliche Risiko der Helfer derzeit groß. Ende April wurde ein abgelegenes Krankenhaus von „Ärzte ohne Grenzen“ durch Milizen überfallen, 22 Mitarbeiter und Besucher starben. Mitte Mai fiel die 26-jährige französische Fotografin Camille Lepage bei der Begleitung einer Anti-Balaka-Truppe einem Schusswechsel zum Opfer, drei Kollegen einer Partnerorganisation von Unicef wurden ebenfalls getötet. „Auch unsere Autos werden gelegentlich angegriffen. Noch lange nicht können wir uns frei bewegen und alle notleidenden Menschen erreichen. Die Gewalt macht fassungslos“, so Timme.

Über den regionalen Konflikt hinaus erkennt auch Peter Bouckaert, Sprecher von „Human Rights Watch“, finstere Szenarien einer durchaus möglichen weiteren Eskalation: „Die Gewalt gegen die muslimische Gemeinschaft und das Fehlen einer Regierung ist ein Nährboden für Dschihad-Gruppen. Sie benutzen die Gewalt gegen Muslime, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Die Taliban und andere Extremisten haben bereits zum Heiligen Krieg in Zentralafrika aufgerufen“, erklärte er gegenüber dem ZDF. „Die jungen Menschen vor Ort sind schnell für die eine oder andere Miliz oder Terrorgruppe zu gewinnen, weil sie in der Regel keine Arbeit, kein Einkommen, keine Perspektive haben“, bestätigt Timme die Gefahr eines Zuwachses der Kämpfer. Und ergänzt: „Umso wichtiger ist es, den Fortgang der Schulbildung zu ermöglichen und den Wiederaufbau des Bildungssystems zu unterstützen.“

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hält auch den weltweiten Diamantenhandel für einen der Haupt-Kriegstreiber. Die Regierung des geschundenen Landes, in Person der weitgehend machtlosen Übergangspräsidentin Catherine Samba-Panza, hatte jüngst die erneute Zulassung der Ausfuhr von Diamanten im Rahmen des sogenannten Kimberley-Abkommens beantragt. Zuvor war der legale Edelsteinexport, der für die Wirtschaft des Landes von größter Bedeutung ist, merklich zurückgegangen. Die illegale Ausfuhr hatte jedoch stark zugenommen. Kimberley legt fest, dass und wie Diamanten zertifiziert werden müssen, und soll helfen, den Handel mit sogenannten Blutdiamanten zu unterbinden.

Versorgungswege gesichert

Die Afrikanische Union (Misca) mit 6000 Soldaten sowie die bis 1960 einstige Kolonialmacht Frankreich mit 2000 Soldaten versuchen derzeit – mehr oder weniger vergeblich – die verfeindeten Milizen zu entwaffnen. Im September werden 12 000 Blauhelme erwartet, zuvor bereits 1000 Einsatzkräfte der EU, unter ihnen bis zu 80 vom Bundestag genehmigte Deutsche. Zudem beschloss Berlin die Bereitstellung eines Sanitätsflugzeuges und zweier Transportflugzeuge.

Immerhin gelang es den Franzosen inzwischen, den Weg zu den Häfen im Nachbarland Kamerun frei zu machen und den Flughafen der Hauptstadt von Aufständischen zu befreien. „Damit sind zumindest die Versorgungswege gesichert“, atmet Daniel Timme auf. Zumal auch die nahende Regenzeit eine Eskalation der Not zur Folge haben kann: „Natürlich ist die hygienische Situation extrem schwierig. Verschmutztes Trinkwasser hat Infektionen zur Folge, die bei entkräfteten Kindern mit schwachem Immunsystem schnell zum Tod führen.“

Dies musste der Aachener Unicef-Manager jüngst im Krankenhaus von Bangui erleben. „Die Kinderstation war total überbelegt, drei Kinder lagen in der Regel in einem Bett – zumeist nur noch aus Haut und Knochen, mit mir unvergesslichen, großen fragenden Augen“, erinnert sich Daniel Timme. In den von Unicef eingerichteten kinderfreundlichen Zonen der Flüchtlingslager dürfen die Mädchen und Jungen malen, um auf diese Weise ihre erlebten Alpträume zu verarbeiten. „Es waren schreckliche Bilder, die da entstanden“, erinnert sich der 40-Jährige an verstümmelte Körper und abgehackte Köpfe.

Diskussionen um die Militäreinsätze in Afrika vermag der deutsche Helfer nicht nachzuvollziehen. „Wir sind sehr dankbar, dass es friedenserhaltende Truppen gibt, weil sie uns den Zugang zur notleidenden Bevölkerung ermöglichen“, sagt Daniel Timme. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die einerseits ausdrücklich Kampfeinsätze deutscher Soldaten in Zentralafrika ablehnt, verteidigte ihr Engagement andererseits jüngst damit, „dass in Ruanda und im Kongo durch Nichthandeln der internationalen Gemeinschaft Millionen Menschen zu Tode gekommen“ wären. Noch ist die Gefahr eines weiteren afrikanischen Massenmordes nicht abgewendet.

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