K.o.-Tropfen: Hohe Dunkelziffer befürchtet

Von: Aliki Nassoufis, dpa
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Berlin. Die Opfer merken zunächst nichts. Unauffällig mischen die Täter in der Bar etwas in die Getränke, so dass ihre Opfer schläfrig und willenlos werden. Danach rauben die Täter die Frauen oder Männer aus, misshandeln oder vergewaltigen sie.

Vor allem bei Beratungsstellen für Frauen und Schwule melden sich regelmäßig Opfer. Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Berlin spricht sogar von „einem Problem, von dem wir das wahre Ausmaß nicht kennen”. Schwierig ist dabei auch, dass sich viele Opfer durch die sogenannten K.o.-Tropfen nicht genau erinnern. Damit können die Täter häufig nur schwer verfolgt werden.

Der Internationale Suchtstoffkontrollrat der Vereinten Nationen warnt in seinem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht vor einer Zunahme von Verbrechen mit K.o.-Tropfen. Genaue Zahlen nennt das Gremium zwar nicht, spricht allerdings davon, dass der Missbrauch dieser Arzneimittel steige. Das liege unter anderem daran, dass der Zugang zu diesen Drogen in vielen Ländern nicht stark genug kontrolliert werde.

Was genau aber sind K.o.-Tropfen? Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände in Berlin nutzen Kriminelle vor allem Gammahydroxybuttersäure: „GHB ist eine farblose Flüssigkeit, die leicht Getränken untergemischt werden kann, ohne dass das Opfer dies bemerkt”, erklärt Sprecherin Ursula Sellerberg. Die Substanz wirke einschläfernd und muskelentspannend. „Seine Wirkung setzt nach etwa einer Viertelstunde ein und hält einige Stunden an”, sagt Sellerberg. „Am nächsten Tag können sich die Opfer an nichts mehr erinnern und sie leiden unter starken Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit.”

Das erschwert die Strafverfolgung erheblich - denn wer sich weder an die Tat noch an den Täter erinnern kann, hat kaum eine Chance. Katja Grieger vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) betont jedoch, dass sich die Opfer nicht zurückziehen, sondern Unterstützung suchen sollten. „Nicht alle haben einen kompletten Filmriss”, sagt sie. „Viele erinnern sich zumindest an Bruchstücke der Tat.” Eine Strafverfolgung sei daher durchaus möglich.

Hinzu komme, dass Ärzte sowohl Spuren von K.o.-Tropfen als auch einer Vergewaltigung nachweisen könnten - wenn die Opfer sich nur schnell genug melden. „Viele der K.o.-Tropfen sind nur für einige Stunden im Blut oder Urin nachweisbar”, erläutert Grieger. Weil sich aber viele Opfer unsicher sind, was wirklich passiert ist, erstatten nur wenige Anzeige. Die Berliner Polizei zum Beispiel registrierte in den vergangenen zwei Jahren gar keine Anzeigen dieser Art.

Fachleute gehen daher von hohen Dunkelziffern aus. Schließlich melden sich bei bundesweiten Beratungsstellen und Notrufnummern immer wieder Opfer, wie der BFF und der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) sagen. „Vor allem nicht-offen homosexuelle Männer, oder Männer, die nur ab und zu Sex mit anderen Männer haben, melden die Überfälle in der Regel nicht - aus Scham und um die Neigung zu verstecken”, sagt LSVD-Sprecherin Renate Rampf.

Ähnliches gilt für Mädchen und Frauen, wie Grieger sagt. „Viele Betroffene glauben, dass sie eine Mitschuld an der Tat haben.” Beispielsweise auch, weil sie nicht gut genug auf ihr Getränk aufgepasst hätten. Das sei jedoch nicht richtig, findet Grieger. „Es ist unrealistisch, bei einer Party die ganze Zeit das eigene Getränk im Auge zu behalten”, sagt sie. „Da ist es besser, wenn Freundinnen gegenseitig auf sich aufpassen und keine alleine weggehen lassen.”
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