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Kissenschlacht auf dem Kreisel: Flashmobs verwirren die Öffentlichkeit

Von: Holger Spierig, epd
Letzte Aktualisierung:
Flashmob / Vampire
Als Vampier verkleidete Frauen posieren am Samstag (31.05.08) in Berlin bei einem Flashmob vor dem Brandenburger Tor. Flashmobs sind spontane Menschenauflaeufe auf oeffentlichen Plaetzen, bei denen sich die Teilnehmer oft nicht kennen. Flashmobs werden ueber das Internet oder Mobiltelefon organisiert. Foto: ddp

Münster/Bielefeld. Wie auf ein geheimes Kommando stürmen plötzlich Dutzende junger Menschen auf den Ludgeri-Kreisel in Münster und fangen an, mit Kissen um sich zu werfen. Genauso plötzlich wie die Kissenschlacht begonnen hat, ist sie nach wenigen Minuten wieder vorbei. Passanten und Autofahrer bleiben verdutzt zurück.

Sie sind gerade Zeugen eines „Flashmobs” geworden: eine scheinbar sinnlose Massen-Spontan-Spaßaktionen, die bewusst irritieren will.

„Ein Flashmob ist jedes Mal wieder neu ein einmaliges Erlebnis”, schwärmt Jonathan, der in Bielefeld mittlerweile selbst solche Aktionen vorbereitet. Die Verabredungen werden über Internet oder Handy getroffen. Für einige Minuten sei man mit Leuten, die man nicht kenne, zu einer Gemeinschaft verbunden. „Wenn es losgeht, ist man mittendrin im Geschehen. Und nach fünf Minuten ist es vorbei”, erzählt der 28-jährige IT-Spezialist, der auch ein Internetportal für Bielefelder „Flashmob”-Aktionen betreibt.

Oberstes Prinzip des „Flashmob” ist absolute Sinnfreiheit. Abgeleitet wird der Begriff von „Flash” (zu deutsch: Blitz) und „mob” für Horde oder auch Mobilität. Beim „Freeze” verharren beispielsweise die meist jugendlichen Teilnehmer für fünf Minuten regungslos wie festgefroren auf öffentlichen Plätzen oder in Kaufhäusern. Andere bestellen in einer Groß-Frittenbude gleichzeitig rund 10.000 Hamburger, wie jüngst in Berlin. Den gestorbenen Popstar Michael Jackson ehrten in mehreren großen Städten lautlose, sich rhythmisch bewegende Gruppen, die sich in den Tanzschritten von Jacksons „Moonwalk” versuchten.

Die Aktionen werden gefilmt und sind bereits kurze Zeit später im Internet anzusehen. Flashmobs sind nach Ansicht von Soziologen typisch für unsere Zeit: spontan, unverbindlich, absolut mobil und vernetzt allein über moderne Kommunikationsmittel wie Internet und Handy. Für Studienanfänger, die neu in eine Stadt ziehen, eine ideale Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen. Typische Flashmobber sind denn auch entweder junge Studenten oder Schüler der Oberstufenklassen, die nicht in irgendwelchen Vereinen oder Initiativen organisiert sind, hat die Münsteraner Volkskundlerin Katrin Bauer festgestellt. Sie hat die Flashmobs für ihre Doktorarbeit über Jugendkulturen untersucht.

Für die Wissenschaftlerin spiegelt der „Flashmob” angesichts von immer unsichereren Zeiten auch eine Sehnsucht nach Stabilität und Gemeinschaft wider. „Für den Augenblick erleben die Teilnehmer einen starken Zusammenhalt und eine feste Gemeinschaft”, erläutert die Volkskundlerin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

In einer pluralisierten Gesellschaft werde der Einfluss von Institutionen, die Werte und Stabilität vermitteln, immer geringer. „Diesen Verlust an Sicherheit versuchen Jugendliche aufzufangen, indem sie wenigstens temporäre Gemeinschaften aufbauen”, analysiert Bauer.

Anscheinend war die Geburt dieser „Blind Dates unter Selbstdarstellern” („Die Zeit”) genauso verrückt wie die Aktionsform selbst. Als Erfinder des „Flashmob” gilt der US-Journalist Bill Wasik. Er versammelte im Juni 2003 über das Internet eine Gruppe in einem New Yorker Kaufhaus um einen Teppich. Jeder Teilnehmer hatte auf Fragen des immer ratloser werdenden Verkäufers zu antworten, dass sie Bewohner einer Kommune seien, die einen „Liebesteppich” suchten. Die Kaufentscheidung könnten sie nur gemeinsam treffen.

Absicht des Journalisten soll es gewesen sein, „über das Internet mehrere Hundert junge Leute für ein paar hochgradig schwachsinnige Taten zu rekrutieren” und vermeintlich hippe Internet-Jünger so vorzuführen, wie „Spiegel-Online” schrieb.

Ob es nun eine Satire war oder nicht - der „Riesenspaß mit revolutionären Potenzial” („Der Spiegel”) fand immer mehr Anhänger und breitete sich schon bald auch in England, Italien, Österreich und Deutschland aus.

Kein Wunder, dass Unternehmen, Gewerkschaften und Umwelt-Initiativen diese ebenso billigen wie aufsehenerregenden Spontantreffs für sich nutzen wollen. Doch Marketing-Aktionen und politische Formen stoßen bei eingefleischten „Flashmobbern” auf Ablehnung. Zwischen den Teilnehmern eines „Smart-Mobs”, wie die politische Variante genannt wird, und des „Flashmobs” gebe es kaum Berührungspunkte, hat die Wissenschaftlerin Bauer festgestellt. „Flashmobbern geht es wirklich nur darum, mit sinnfreien Aktionen Spaß zu haben, eine Gemeinschaft zu erleben, und zu provozieren”, betont sie.

Einige Städte wollen den Flashmobs bereits mit der Androhung von saftigen Bußgeldern die Spontanität austreiben. Welche Ausmaße über das Internet verabredete Spaß-Happenings annehmen können, erlebte vor wenigen Wochen ein 26-Jähriger, der eine Party auf Sylt über das Internet angekündigt hatte. Statt ein paar Freunden kamen 5000 durstige Partygäste zusammen und versetzten die Insel in einen Ausnahmezustand.

Im Vergleich dazu nehmen sich die „Blitzläufe” wesentlich harmloser und fantasievoller aus. Vorläufiger Höhepunkt in Deutschland soll ein „Nationaler Flashmob” am 11. Juli werden. In mehr als 20 bundesdeutschen Großstädten wollen sich „Flashmobber” treffen, um sich wenige Minuten lang - garantiert sinnfrei - in Zeitlupe zu bewegen.
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