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In Winnenden wird das Schweigen lauter

Von: Wenke Böhm, dpa
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Winnenden
Ein Monat ist vergangen, seit ein 17-Jähriger hier und in Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschossen hat. Und noch immer legen Trauernde Tag für Tag frische Blumen zwischen die welken und entzünden neue Lichter. Foto: dpa

Winnenden. Die roten und weißen Rosen am Holzkreuz vor der Albertville-Realschule sind schon lange verwelkt. Drum herum viele braune Blumensträuße, verwaschene Zettel, erloschene Kerzen. Ein Monat ist vergangen, seit ein 17-Jähriger hier und in Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschossen hat.

Und noch immer legen Trauernde Tag für Tag frische Blumen zwischen die welken und entzünden neue Lichter. Eine ältere Frau stellt ein Körbchen mit Osterglocken ins welke Blütenmeer. Sprechen möchte sie nicht, lieber still versuchen, das Unbegreifliche zu begreifen.

In den vergangenen Tagen hat sich im Städtchen Winnenden ein Mantel des Schweigens über den Amoklauf vom 11. März gelegt. „Anfangs wurde viel darüber geredet, aber jetzt ist es kein Gesprächsthema mehr”, berichtet die Verkäuferin eines Spielwarengeschäfts, was auch andere Verkäufer in der Innenstadt beobachtet haben. Schulleitung und Stadtverwaltung antworten nicht mehr auf Presseanfragen. „Die Menschen sollen jetzt zur Ruhe kommen können”, sagt eine Stadtsprecherin. Auch die Schüler winken ab, wenn sie angesprochen werden.

Diese Mauer des Schweigens ist keineswegs ungewöhnlich. „Abgrenzung ist ganz wichtig in der zweiten Phase der Verarbeitung, in der sich die Betroffenen gerade befinden”, erklärt Psychologiedirektor Dieter Glatzer, der für das Regierungspräsidium Stuttgart den Einsatz von derzeit 22 Schulpsychologen koordiniert. In Containern nahe der Albertville-Realschule (ARS) helfen sie und weitere Kollegen den 580 Realschülern sowie Traumatisierten aus den Nachbarschulen, das Erlebte zu verarbeiten, damit das Schweigen nicht überhandnimmt.

„Zuhören, Aushalten, Stützen und Möglichkeiten aufzeigen”, zählt Glatzer auf, was die Arbeit ausmacht. Neben dem offenen Angebot begleiten seine Leute die Schüler im Unterricht, beraten Lehrer und entwickeln mit den Entscheidungsträgern Konzepte, die den Betroffenen eine möglichst schnelle Rückkehr in den Alltag ermöglichen sollen. Während in den ersten Tagen nach der Tat noch der Schock verdaut werden musste, habe mittlerweile die Bewältigungsarbeit begonnen, erklärt der Fachmann. „Charakteristisch für die jetzige Verarbeitungsphase ist das Zusammenrücken der Betroffenen. Sie bilden eine Gemeinschaft und verteidigen diese bei Bedarf auch nach außen.”

Vertrauensbildung sei jetzt wichtig, genauso wie die Verarbeitung von Schuldgefühlen. „Viele Schüler fragen sich, warum es die Opfer getroffen hat und nicht sie, und ob sie nicht vielleicht doch etwas hätten verhindern können”, sagt der 64-Jährige. Um die Situation der Schüler richtig einschätzen zu können, befragen die Psychologen sie ausführlich. Vorsorge-Interview nennt sich das, was ein Teenager seiner Freundin so beschreibt: „Sie wollen wissen, wie alt Du bist, wo Du wohnst, ob Du so etwas schon mal erlebt hast - Dein Leben halt.”

Das Zusammenrücken ist nicht von Dauer. In der folgenden Zeit zerfällt die Notgemeinschaft meist, wie Experten herausfanden. Dann bahnt sich etwa Wut ihren Weg, Konflikte brechen auf und die Frage nach dem Sinn rückt in den Vordergrund. Die Psychologen müssen nicht selten Streit schlichten und zudem dabei helfen, eine Antwort auf die Sinnfrage zu finden. „Ein Erlebnis wie der Amoklauf ist sehr hart, aber mit angemessener Unterstützung zu bewältigen”, sagt Glatzer. Die meisten Menschen würden es in etwa sechs Monaten verarbeiten können - vorausgesetzt, sie sind nicht bereits durch andere Traumata vorbelastet.

Es sei beschlossene Sache, dass das Beratungszentrum zunächst bis Pfingsten eingerichtet bleibt, sagt Glatzer. Danach sehe man weiter. Derzeit seien Schulpsychologen in ganz Baden-Württemberg in erhöhter Bereitschaft, berichtet der Experte. Es gebe auch hier und da Schüler in anderen Städten, die der Amoklauf belaste. „Das kann etwa passieren, wenn jemand eine entfernte Beziehung zu einem Opfer hat oder es Parallelen zum eigenen Leben gibt.”

Mit Zukunftsprognosen für Winnenden hält Glatzer sich zurück. Den Vorschlag, die Albertville-Realschule könne später wieder in das alte Gebäude ziehen, kommentiert er bewusst nicht. „Ich unterstütze den Verwaltungsstab der Stadt bei der Entscheidungsfindung, möchte aber nicht vorgreifen”, sagt er. Dass der Unterricht jetzt nach und nach wieder aufgenommen werde, findet er auf jeden Fall „richtig und wichtig”. Es sei nicht sinnvoll, den Kopf in den Sand zu stecken. „Wieder gemeinsam lachen ist durchaus in Ordnung.”
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