Vatikanstadt - Hinter den Vatikanmauern: Das Geheimarchiv des Papstes

Hinter den Vatikanmauern: Das Geheimarchiv des Papstes

Von: Bettina Gabbe, epd
Letzte Aktualisierung:

Vatikanstadt. Es regt die Fantasie von Literaten und Verschwörungstheoretikern gleichermaßen an: Das Vatikanische Geheimarchiv. Auf insgesamt rund 85 Kilometern Regalen werden alle vom Heiligen Stuhl verfassten Gesetze sowie die diplomatische Korrespondenz der Päpste seit dem 13. Jahrhundert aufbewahrt.

Der Bestseller-Autor Dan Brown lässt einen Teil der Handlung seines Thrillers „Illuminati” in dem sagenumwobenen Archiv spielen. Bei Brown wird es von einem Geheimdienstler mit schweren Waffen geleitet. Das Betreten der „luftdichten Kammern” ist in dem Bestseller lebensgefährlich, „wenn nicht ein fremder Bibliothekar die Sauerstoffzufuhr regulierte”.

Klingt spannend, aber die Wirklichkeit hinter den hohen Vatikanmauern findet Hubert Wolf noch viel spannender. Der deutsche Kirchenhistoriker forscht seit Jahren in den vatikanischen Archiven. Sein jüngstes Buch „Papst und Teufel” (2008) über das Verhältnis zwischen Vatikan und Nationalsozialismus trägt einen ebenso reißerischen Titel wie die Romane von Dan Brown. Im Unterschied dazu basiert es aber auf umfangreichen Studien im Geheimarchiv.

Das Bild des Bestsellerautors könnte laut Wolf „unzutreffender nicht sein”. Die Szenerie sei „nicht einmal gut erfunden”, meint der Forscher. Anders als bei Dan Brown sind nicht nur katholische Wissenschaftler im Geheimarchiv zugelassen. Voraussetzung ist ein abgeschlossenes Universitätsstudium und eine Empfehlung durch eine universitäre Einrichtung. Pro Thema ist jeweils nur ein Forscher zugelassen, damit sich die Wissenschaftler aus aller Welt nicht ins Gehege kommen. Sie dürfen keine Handys benutzen und keine Notizen auf den konsultierten Akten machen. Respekt vor der Heiligkeit des Orts müssen sie auch durch angemessene Kleidung demonstrieren.

Wer sich richtig ausweisen kann und sich an solche Grundregeln hält, erhält Einsicht in reiche Aktenbestände aus acht Jahrhunderten. Die auf Papyrusrollen verfassten älteren Dokumente allerdings sind wegen mangelnder Haltbarkeit des Materials und mehrfacher Umzüge in den Wirren der mittelalterlichen Kirchengeschichte größtenteils verloren gegangen.

„Im Register von Papst Leo X. finden wir die Androhung der Exkommunikation für Martin Luther”, sagt Archivmitarbeiter Giovanni Castaldo und zieht einen säuberlich gepflegten Aktenband aus einem der vielen Metallregale. „Darin verurteilt der Papst Luthers berühmte Aussagen oder Irrtümer - etwa über Rechtfertigung, Gnade, Hierarchie der Kirche.” Aus dem gleichen Band zieht Castaldo die Exkommunikation selbst, die ein Jahr später 1521 folgte.

Das älteste Dokument des Geheimarchivs stammt aus dem achten Jahrhundert, das „Liber Diurnus Romanorum Pontificum”, eine Sammlung von „Formularen für die Papstwahl, die Inthronisation und die Beerdigung des Papstes, über das Verfahren zur Einsetzung von Bischöfen und über die Gründung von Klöstern”, sagt Castaldo, während er durch den nur mit künstlichem Licht erhellten Raum führt.

Zu den Schätzen des Archivs gehören Schreiben des Künstlers Michelangelo im Zusammenhang mit dem Bau des Petersdoms ebenso wie ein Dokument über eine Papstehrung für den jungen Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Im Alter von nur 13 Jahren hatte er während einer Italienreise mit seinem Vater ein Chormusikstück in der Sixtinischen Kapelle gehört, das er danach fast fehlerfrei niederschrieb. Im Geheimarchiv wird seitdem eine Kopie des päpstlichen Erlasses aufbewahrt, mit dem Papst Klemens XIV. ihm in einer Privataudienz den Ritterorden vom „Goldenen Sporn” verlieh.

Geheim sei das Vatikanarchiv ebenso wie entsprechende andere Institutionen, die gleichzeitig in Europa entstanden seien, erklärt Castaldo, der dort einer von 55 Angestellten ist. Bereits seit 1881 sind die Vatikanbestände jedoch für Wissenschaftler zugänglich. Allerdings wird das Material erst nach Ablauf einer Frist von etwa 70 Jahren zur Verfügung gestellt. Das heißt, jetzt sind die Akten bis zum Ende des Pontifikats von Pius XI. im Jahr 1939 zugänglich. Ein Teil der Akten aus der Zeit des Nationalsozialismus ist noch unter Verschluss.

Kritiker fordern schon lange eine Öffnung der Bestände über das Pontifikat von Papst Pius XII. bis zu dessen Tod 1958. Doch ein Ende des Streits ist nicht abzusehen. Hier bleibt das Geheimarchiv geheim.
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