Frankfurt/Main - Helau: Der Dax stürzt ab, doch die Händler feiern Fasching

Helau: Der Dax stürzt ab, doch die Händler feiern Fasching

Von: Daniel Staffen-Quandt, ddp
Letzte Aktualisierung:
Karneval an der Börse
Der Dax stürzt ab, die Bänker feiern. Foto: ddp

Frankfurt/Main. Ausgerechnet jetzt! Einen unpassenderen Zeitpunkt hätte sich der Deutsche Aktienindex (DAX) nicht aussuchen können, um erstmals seit mehr als vier Jahren unter 4000 Punkte zu rutschen: am Rosenmontagabend, mitten im Fasching. Doch von mieser Stimmung ist am Dienstag auf dem Frankfurter Parkett nichts zu spüren.

Im Gegenteil. Ein Großteil der Börsianer ist verkleidet. Als gefallene Engel mit schwarzen Flügeln, als OP-Ärzte und Krankenschwestern, als Hippies und Börsen-Dinosaurier schauen sie zu, wie das Kursbarometer auf der großen Anzeigetafel absackt. Bei 3850 Punkten steht es am Mittag, tief im Minus. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Helau.

Normalerweise sei er ja nicht so ein Faschingstyp, sagt ein Wertpapierhändler der ICF Kursmakler AG. „Aber bei uns in der Schranke hat das eben Tradition”, sagt er mit einem beinahe entschuldigenden Unterton. Schranke, so bezeichnet man die kreisrund angeordneten Tische auf dem Parkett der Deutschen Börse in Frankfurt am Main.

Der 34-jährige Makler zieht seinen OP-Mundschutz wieder ins Gesicht. Neben ihm stehen zwei neongrelle Hippies, zwei lebensgroße Echsen und ein Teufel. In der ICF-Schranke ist heute ausnahmsweise kein Börsianer in Nadelstreifen gekommen - alle sind verkleidet.

Aus zwei kleinen Computer-Lautsprechern dröhnen Faschingslieder und Partyschlager. In der Mitte der ICF-Schranke stehen eimerweise Süßigkeiten, gezuckerte Berliner und das ein oder andere Fläschchen unbekannten Inhalts. „Das ist nur heiße Milch mit Honig”, sagt ein Makler. Er riecht allerdings eher nach Altbier. Es ist kurz nach 9.00 Uhr, das Klackern und Klappern der Tastaturen und Anzeigentafeln schallt durch den Raum, der DAX verliert - trotzdem steigt die Stimmung. „Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun”, sagt der 34-Jährige. „Soll ich jetzt tagelang weinen gehen?”

Doreen Hanke sieht das genauso. Sie arbeitet ebenfalls bei ICF, seit Jahren schon verkleidet sie sich gemeinsam mit ihren Kollegen am Faschingsdienstag. Klar, einige Kollegen hätten wegen der Krise Bedenken gehabt, ob das so gut ankommt, wenn die Börsianer knallbunt auflaufen. „Wir können auch nichts dafür, wir haben die Krise nicht gemacht”, sagt sie. Nichtsdestotrotz habe man der Stimmung Rechnung tragen wollen. „Unsere Kostüme sind aufeinander abgestimmt”, sagt sie und zupft ihre Flügelchen aus schwarzen Federn zurecht.

Jeweils zwei bis drei ICF-Händler sind ähnlich angezogen. Hanke und eine Kollegin sind „gefallene Engel”, ein Kollege mimt den Teufel. Die nächste Gruppe ist als Hippie verkleidet, „der guten alten Zeiten wegen”, andere sind als Ärzte gekommen, „um zu retten, was noch zu retten ist”. Und schließlich gibt es noch zwei als große Echsen verkleidete Kolleginnen. „Börsen-Dinosaurier” steht auf den schwarzen Shirts. „Wenn wir heute wenigstens was zu lachen hätten”, sagt eine der beiden, während der DAX weiter verliert.

Aber auch an anderen Schranken sitzen närrische Händler. Bei der Baader Bank liegt schon kurz nach Börsenbeginn Konfetti auf dem Parkett, aber Musik oder einen Schoppen wie bei ICF gibt es hier nicht. „Das holen wir am Feierabend nach”, sagt ein als Sträfling verkleideter Händler. Bis dahin bleibe man streng abstinent. Wegen der Krise auf die Maskerade zu verzichten, komme gar nicht in Frage, findet er. Und sein Kollege mit Strohhut und bunten Hosenträgern pflichtet ihm bei. Als ob die Opelaner nicht auch Fasching feiern würden, sagt er.

Ein paar Meter weiter sieht man das ein bisschen anders. „Na, wir waren ja noch nie die Faschingsprinzen hier”, sagt ein Händler an einer anderen Schranke. Dass er nun der Einzige sei, der in seiner Runde zumindest den Ansatz einer Verkleidung trage, sei „mit Sicherheit auch” der Krise geschuldet. Sagts, und zieht sich die Kapuze des weißen Einmal-Overalls über den Kopf, während er im Takt mitwippt. Bei ICF läuft „Komm hol das Lasso raus”. Wenig später, es ist 11.25 Uhr, ist die Krise für diesen Dienstag ganz und gar vergessen: Sektkorken knallen, die Börsianer rutschen beschwipst auf Skiern durch den Saal, der DAX sackt weiter ab. Manchmal hilft wohl nur noch schwarzer Humor.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert