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Guildo Horn: „Nussecken entwickeln sich immer weiter”

Von: Sarah Sillius
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Kommt nach Aachen: Sänger Gui
Kommt nach Aachen: Sänger Guildo Horn. Foto: imago/Sven Simon

Aachen. Er hat den Nikolausmantel im Gepäck und den Duft von Nussecken in der Nase. Guildo Horn spielt mit seiner Band, den Orthopädischen Strümpfen, am Freitag im Aachener Jakobshof.

Während er mit dem Auto durch den ersten Schnee im Land fährt, erzählt er im Interview von seiner Liebe zu Weihnachten und seiner Casting-Show für geistig behinderte Musiker.

Herr Horn, wie kommt es, dass Sie gerade zur Weihnachtszeit so aufblühen?

Horn: Weihnachten führt über die Verdrängung von Sorge und Stress zur Intensivierung des Gegenwartserlebnisses und zum Schlüpfen in nostalgische, regressive Zustände. Weihnachten ist für mich die Essenz von Schlager, von Familie, von Müßigkeit, von Leckerei, von Zusammensein, von wohlig warm, beschirmt sein. Da kommt sehr viel zusammen. Und ob man jetzt Katholik ist oder nicht - Weihnachten ist einfach eine der besten Shows, die es auf diesem Planeten gibt.

Gibt es eine feste Fan-Gemeinde?

Horn: Es gibt schon „feste Leute”. Aber es ist so, dass wir unseren Zuhörerkreis immer wieder erweitern. (schaut aus dem Fenster) Ist das weiß hier draußen, unglaublich, ich fahre durch den Winter! (...) Nun ja, eine Weihnachtsshow in diesem Rahmen ist einzigartig. Das ist etwas für Kinder von acht bis 80 Jahren, da kommen Menschen aus drei Generationen zusammen.

Sind das hauptsächlich ausgemachte Schlagerfans oder sind Sie auch in anderen Genres zu Hause?

Horn: Ausgemachte Schlagerfans in dem Sinne gibt es selten. Davon abgesehen, sind wir, die Orthopädischen Strümpfe, für Hörer aller Fachbereiche interessant. Wir sind ein Patchwork für alles, was es an Musik gibt. Wir musizieren über Schlager - das ist der Oberbegriff - Funk, Punk, bauen Zitate aus Radio, Fernsehen und Filmen ein.

Sie sind nicht nur als Musiker unterwegs, sondern auch sozial engagiert. Zuletzt haben Sie eine Casting-Show für geistig behinderte Menschen auf die Beine gestellt. Warum war es Zeit für einen inte-grativen Wettbewerb?

Horn: Diese ganzen Casting-Shows im deutschen Fernsehen finde ich total langweilig, eindimensional. Das sind gemachte Emotionen. Es wird versucht, immer über Mitleid zu gehen, da muss die Mutter mindestens mal Krebs gehabt haben, damit es der Sprössling in die nächste Runde schafft. Behinderte Menschen sind höchst unterschätzte Persönlichkeiten, große Individualisten. Ich persönlich - ich bin ja auch Fußballfan - liebe den überraschenden Pass in die Tiefe. Ich mag berechenbare Sachen nicht. Behinderte Menschen können unglaublich unterhaltsam sein und werden leider in den deutschen Medien oft nur als Hilfsempfänger dargestellt. Außer bei „Guildo und seine Gäste”, dem Talkformat, das ich drei Jahre beim SWR moderiert habe, habe ich behinderte Menschen noch nicht als aktive Menschen in den Medien wahrgenommen. Wenn eine Dokumentation über Behinderte läuft, ist das immer mit so einem getragenen, betroffenen Ton aus dem Off gesprochen.

Wie erklären Sie sich das?

Horn: Ich weiß nicht. Vielleicht braucht unsere Gesellschaft Menschen, die sie auf ihre Defizite reduzieren kann. Wegen denen man sich auf die Schulter klopfen kann, so nach dem Motto: „Ach, haben wire_SSRqs gut.”

Wo sehen Sie das besondere Potenzial bei behinderten Menschen?

Horn: Sie haben sehr viel zu geben. Sehr viel Witz, sehr viel Spontanei-tät. Natürlich sind behinderte Menschen nicht die besseren Menschen. Auch ein Behinderter hat das Recht, mal ein Arschloch zu sein. Ich wusste, dass es unglaublich tolle Bands von behinderten Menschen im Bundesgebiet gibt.

Und die wollten Sie fördern.

Horn: Ja, ich habe Geld gewonnen bei „Das Quiz” mit Jörg Pilawa und bei „Das Duell” im Ersten und habe dann mit der Bundesvereinigung der Lebenshilfe „Guildo sucht die Super-Band” ausgerufen - im Internet, in Ermangelung eines Sendeplatzes im Fernsehen.

War es nicht enttäuschend, dass die Show keinen Sendeplatz erhalten hat, wo doch für etliche andere Castings mit dem immer gleichen Konzept Raum geschaffen wird?

Horn: Wir haben mehr Aufmerksamkeit bekommen, als ich angenommen hatte. Wir haben über 200 Einsendungen von Bands gehabt. Das allein ist schon irre! Dann haben wir die Internetseitegemeindehorn.de ins Leben gerufen, ich hab eine musikalische Vorauswahl von 24 Bands getroffen. Unsere Jury hat daraus dann die Top 10 gebildet. Deren Videoclips konnte man sich ansehen und abstimmen. Wir hatten über 20 000 votes. Von den Gewinnern „Seeside” aus Greifswald war dann bundesweit in allen möglichen Zeitungen zu lesen und das NDR-Fernsehen hat einen Beitrag über die Band gedreht. Man muss ja auch kleine Erfolge feiern, „Erfölgchen”.

Wie geht es mit der Gewinnerband „Seeside” weiter?

Horn: Am 18. Dezember spielen alle drei Gewinnerbands „Bitte lächeln”, „Spirit Steps” und „Seeside” mit den Orthopädischen Strümpfen gemeinsam in Berlin beim großen Weihnachtsfinalfestival. Die Bandkollegen haben bei der Bekanntgabe der Platzierungen total abgefeiert, da gab es Tränen, sie haben sich auf dem Boden gewälzt. Die haben ganz viel Resonanz und Fanpost bekommen und sind zum Beispiel vom Landesverband Rheinland gebucht worden, nächstes Jahr am Tag der Begegnungen in Xanten aufzutreten. Es geht ja nicht darum, den Bands zu versprechen „Das ist jetzt die Chance eures Lebens” wie bei Deutschland sucht den Superstar. Es geht darum, den Wettbewerb gewonnen zu haben, seinen Namen in der Zeitung zu lesen, ein paar Konzerte mehr zu spielen und einfach mal Anerkennung zu bekommen.

Wenn die Konzerte vorbei sind, wie feiert dann Guildo Horn Weihnachten?

Horn: Dann bin ich zu Hause.

Mit Mamas Nusseckchen?

Horn: Ja, meine Mutter ist im Backwahn, sie bringt Nussecken mit.

Also ist das Klischee „Guildo und seine Nussecken” noch nicht überholt?

Horn: Nussecken entwickeln sich immer weiter. Da sind nicht nur Mandeln drin, sondern auch mal Pinienkerne oder Pistazien. Wir wandern auch mal auf den Spuren eines Florentiners. Eine sehr leckere Angelegenheit, ich hab jetzt Hunger!

Am kommenden Freitag spielt Horn um 20 Uhr mit den Orthopädischen Strümpfen im Aachener Jakobshof (Stromgasse 31).

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