Gladiatorenkampf statt Hörsaal: Regensburger im Alten Rom

Von: Carola Frentzen, dpa
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Bayerische Studenten in der Gladiatorenschule
Studenten der Universität Regensburg üben in der antiken Kaiserstadt Carnuntum bei Wien Gladiatorenkämpfe mit Holzstöcken und Lendenschurz. Foto: dpa

Carnuntum/Wien. Sie sind jung, braungebrannt, tragen einen Lendenschurz und haben Holzschwerter in der Hand. Ein ganz klein bisschen verrückt sind die 20 Studenten der Universität Regensburg, die sich gerade in der altrömischen Stadt Carnuntum bei Wien zu Gladiatoren ausbilden lassen, wohl auch.

Da stehen sie im sandigen Rund vor dem Amphitheater und dreschen unter sengender Augustsonne mit antiken Waffen aufeinander ein. „Brot und Spiele”? Nein, eher nicht, denn bei diesem einzigartigen Projekt geht es um harte wissenschaftliche Fakten - eine Wiederbelebung der Antike.

Die kernigen Jungs aus Bayern sind Teil eines Experiments, das die Frage klären soll: „Kann man aus einem Menschen der Neuzeit einen Gladiator der Antike machen?” Um dem auf die Spur zu kommen, nehmen die 20- bis 30-Jährigen, die in den Fakultäten Archäologie, Alte Geschichte, Latein und Sportwissenschaft eingeschrieben sind, so einiges auf sich: Sie schlafen in einem originalgetreuen Riesenzelt auf Stroh, waschen sich mit Kernseife, tragen die „Subligaculum” genannte römische Unterhose und essen - wie einst die Gladiatoren - hauptsächlich Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse.

„Untersuchungen am Knochenmark auf den Gladiatorenfriedhöfen in Ephesos und York haben gezeigt, dass die Kampfsportler damals kein Fleisch gegessen haben, sondern Dinge wie Linsen, Bohnen und Brot”, sagt Josef Löffl vom Lehrstuhl für Alte Geschichte in Regensburg, der das Projekt initiiert hat. „Deshalb wurden sie ja auch Getreidefresser genannt”, fügt der 20-jährige Florian Gartner hinzu. Der studiert im dritten Semester Latein, Geschichte und Alt-Griechisch und macht die altrömische Diät schon seit März.

Florian lässt sich in Carnuntum zum „Secutor” ausbilden, der in den alten Kaiserzeiten meist gegen den mit Wurfnetz und Dreizack ausgebildeten „Retiarius” kämpfte. Daneben gibt es unter den Teilnehmern auch mehrere schwergewichtige „Murmillos”, die mit dem Gladius genannten Kurzschwert in die Arena gingen, sowie mit Rundschild und Lanze bewaffnete „Hoplomachus”. Auch ein flinker „Provocator” samt Brustblech darf nicht fehlen, ebenso wie der „Thraex” mit seiner gekrümmten Klinge.

In der Antike dauerte die Ausbildung der todgeweihten Muskelmänner vier bis fünf Jahre. Die Deutschen trainieren erst seit März, zunächst fünfmal die Woche jeweils eine Stunde in Regensburg und nun insgesamt zwei Wochen lang ganztägig in Österreich. „Gegen die Originale sind wir ja nur wie eine Kindergartentruppe”, lacht David Vogelbacher. Der 22 Jahre alte Geschichts- und Archäologie-Student ist mit viel Elan bei der Sache, nur seine langen schwarzen Dreadlocks passen nicht so recht ins Altertum.

Obwohl der Tagesablauf vom „Exercitium fortis” (Krafttraining) morgens um sechs bis zum „Ignis” (Lagerfeuer) abends um neun streng durchgeplant ist, fühlt sich David „fast wie im Urlaub”. Nur eine mehrere Zentimeter lange Narbe an seiner Stirn zeugt davon, dass es nachmittags doch mit einigem Ernst und echter Kampfeslust zur Sache geht. Dann treten die Männer in Original-Outfit und echten - wenn auch stumpfen - Waffen gegeneinander an. „Wenn die Klingen scharf wären, dann wären wir alle schon mehrmals tot gewesen”, sagt der Student.

Um das zu verhindern, ist Christian Eckert stets zur Stelle, der in der Nähe von Frankfurt eine Kampfsportschule betreibt und auf Aikido, Boxen und historisches Fechten spezialisiert ist. Er selbst trägt einen knallroten Lendenschurz und setzt sich mit seinen drahtigen Muskeln und dem gestählten Körper klar von seinen Schützlingen ab. „Als wir vor fünf Monaten begonnen haben, waren die Jungs teilweise unvorstellbar unfit”, erinnert er sich. „Jetzt kann jeder das Training durchhalten.” Dazu gehört neben beidhändigem Schwertkampf auch das Stemmen von mittelgroßen Baumstämmen.

„Bibite!”, ruft Eckert und fordert seine Mannen damit auf, das Trinken nicht zu vergessen. Das Klacken der Holzschwerter verstummt, während die Studenten gierig aus einem Gartenschlauch Wasser schöpfen. Nach dem selbstgekochten Mittagessen werden dann die Rüstungen angelegt. Die Schilder haben die Hochschüler selbst gebaut, die Helme wurden von der Uni Augsburg hergestellt und die Schwerter und Lanzen stammen von einem Schmied im Saarland. Furchteinflößend, aber auch wie echte „Showmen” sehen die Bayern aus - kein Wunder: „Die Gladiatoren wurden damals total gefeiert, das war wie heute bei "Deutschland sucht den Superstar"”, sagt Projektleiter Löffl.

Die Ergebnisse der Feldstudie in der „experimentellen Archäologie” sollen bis Jahresende vorliegen, wobei besonders die Erfahrungswerte der Studenten berücksichtigt werden, erklärt Löffl. Der hatte schon mehrere ungewöhnliche Ideen, die ihn immer wieder in die Kaiserstadt Carnuntum führten: Im Jahr 2004 leitete er die Expedition eines rekonstruierten spätantiken Flusskriegsschiffs auf der Donau, 2008 unternahmen er und mehrere Studenten in voller Montur einen Legionärsmarsch von hier bis nach Passau. Bei diesen kuriosen „Selbstversuchen” geht es letztlich immer wieder um das eine: Der Wahrheit über das Leben im Alten Rom ein bisschen näher zu kommen.
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